menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Telly

Was bisher geschah: Ursprüngliche Akkumulation und Chaostheorie im aktuellen TV-Serienformat

Unter den im amerikanischen Pay-TV erfolgreichen Serien der letzten Jahre schöpfen zwei der aufwändigsten und spektakulärsten ihren Stoff aus historischen Genres, die eigentlich eher dem klassischen Kinofilm entstammen als der Fernsehserie. Die HBO-Westernserie „Deadwood“ schildert das Leben Mitte der 1870er Jahre in einer kleinen Goldgräberstadt, die illegal auf Indianerterritorium errichtet worden ist. Und „Rome“, die von HBO und der BBC produzierte teuerste Fernsehserie aller Zeiten (reine Produktionskosten ca. 100 Millionen USD), schildert die bekannteste Episode der römischen Geschichte um Julius Caesars Aufstieg zum Diktator, das Ende der Republik, Caesars Tod und die nachfolgenden Machtkämpfe.

Vor dem Hintergrund des großen Erfolgs anspruchsvoller Drama-Serien in den USA („The Sopranos“, „Six Feet Under“ etc.) und der Erkenntnis, dass sich Charakterentwicklungen und detaillierte Gesellschaftsbilder im Format der mehrteiligen Serie weitaus besser darstellen lassen als im begrenzten Spannungsbogen eines Kinofilms, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Stoffe des Westerns und des historischen Monumentalfilms für das Serienformat neu interpretiert werden würden. Anders als der klassische Western und der Sandalenfilm alter Prägung setzen sowohl „Deadwood“ als auch „Rome“ stark auf explizite Obszönität, detaillierte Darstellungen von Gewalt, Krankheit und Tod sowie auf freizügige Sexualität – kurz: sie wollen schockieren und beeindrucken. Vor allem der Gebrauch von sexualisierten Schimpfwörtern (in den „Deadwood“- Drehbüchern wurde fast 3.000 Mal das Wort „fuck“ benutzt) ist in den letzten Jahren zu einem Markenzeichen des Pay-TVSenders HBO geworden. Entgegen den gängigen Klischees von prüder amerikanischer Medienkultur ist das auf dem US-Markt eine Auszeichnung – in Europa hingegen wurde etwa „Rome“ fast überall nur geschnitten und verkürzt ausgestrahlt.

Neben dem Coolness-Faktor und der Publicity, die sich aus der Explizitheit der Darstellung ergeben, geht es hier auf den ersten Blick aber auch um eine neue, vermeintlich realistischere und authentischere Darstellung der kulturell und literarisch zuvor stets verklärten Epochen.

Den noblen Westernhelden gibt es in „Deadwood“ zwar ebenso wie bei John Ford. Doch entwickelt sich diese Figur des gerechten und moralisch integren Sheriffs über die Staffeln derart, dass detailliert gezeigt wird, wie sehr ein Mensch Teil politischer, krimineller und familiärer Strukturen sein muss, um überhaupt die Fassade der Korrektheit aufrechterhalten zu können – und dann trotzdem immer wieder daran scheitert. Unterm Strich legt „Deadwood“ das Erhabene in seiner reinen Form als Fiktion bloß. Zu finden ist es stattdessen in der Syntax des brutalen Saloonbesitzers – zumindest, bis wir dessen archaische Nierenstein- Operation miterleben müssen. Es sind vor allem die Dialoge, deren Mischung aus Vokabular und Redewendungen des 19. mit der Obszönität des 21. Jahrhunderts „Deadwood“ eine magische Anziehungskraft verleihen – und die Schilderung einer ursprünglichen Akkumulation gesellschaftlicher Institutionen durch Gewalt und Verbrechen von einer nicht unmaterialistischen historischen Fallstudie in die Sphäre großer Literatur erhebt.

„Rome“ funktioniert im Prinzip ähnlich. Für die Inszenierung „übermäßiger Darstellung von Sexualität und Gewalt“ (TV-Zeitschrift Gong) wurde hier ein Cast mit nahezu ausschließlich britischen und irischen Schauspielern gewählt – was in einem charmanten Double-Bind die klassische Bearbeitung des Stoffes durch William Shakespeare oder George Bernard Shaw ebenso evoziert wie den modernen britischen Gangsterfilm, der den britischen Akzent im neuen amerikanischen Kino untrennbar mit rauen, brutalen Kleinkriminellen konnotiert hat.

Man kann „Rome“ nicht vorwerfen, die klassischen Mythen der romantischen Rezeption der Antike unhinterfragt zu reproduzieren. Das antike Rom wird als Klassen- und Sklavenhaltergesellschaft gezeigt, der Punkt, dass das moderne Liebesideal und die Sexualmoral in der Antike nicht existierten, wird dankbar aufgenommen und immer wieder illustriert. Doch die dramaturgische Einheit von Zeit und Ort, die „Deadwood“ so auszeichnet, wird hier zugunsten einer multiperspektivischen Erzählung geopfert, die mehrere Jahrzehnte, verschiedene Kontinente und mindestens vier verschiedene Klassenstandpunkte umfasst. Damit das in zehn Stunden Fernsehen zu einer runden Sache wird, müsste man ein alle Perspektiven verbindendes Thema spüren, das die Serie erforschen will. Dieses muss aber letztlich hinter dem Wunsch zurückstehen, eine Geschichte, die jeder aus dem Theater oder dem Fernsehen kennt, noch einmal mit den Mitteln des Post-Tarantino-Kinos neu zu erzählen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das ist natürlich kein schlechtes Projekt, das mit hervorragendem HBO-Casting, opulenter Ausstattung und erstklassiger Kamera und Schnitt brillant umgesetzt worden ist – seine sieben Emmys hat „Rome“ nicht umsonst verliehen bekommen. Die Verschränkung der Perspektive zweier Hauptfiguren aus dem Plebs mit der großen Politikgeschichte um die bekannten AkteurInnen ist dramaturgisch so gut gelöst, wie man das eben kann, ohne sich auf eine kohärente Geschichtstheorie zu berufen. Während in Hegels Geschichtsphilosophie gerade Julius Caesar idealtypisch als „historisches Individuum“ vorgestellt wird, durch das der Weltgeist sich der Historie bemächtigt, sind es hier die kleinen Kneipenschlägereien und außereheliche Affären des kleinen Soldaten, die – durch politische Intrigen katalysiert – letztlich den eigentlichen Fortgang der Geschichte entscheiden. Eine Mischung aus Intriganz und nacktem, chaostheoretisch verstandenen Schicksal wird so zum Movens der Geschichte.

Sowohl „Rome“ als auch „Deadwood“ erzählen uns natürlich nicht primär etwas darüber, wie die Geschichte „wirklich war“ (Ranke) – sondern darüber, was wir im 21. Jahrhundert aus ihr lernen wollen. Wie sollte es auch anders sein? Dass wir dabei aus der Darstellung einer gesetzlosen Westernstadt mehr Gewinn ziehen können als aus dem Ende der Römischen Republik ist aber doch auch eine Erkenntnis.


online seit 02.01.2008 14:50:09 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Daniel Raecke




1A Steine!

MALMOE-Zeichnerin elffriede verkauft echte Steine anlässlich der EM
[09.05.2008]


Sweat, tears and champagne

Unter der Discokugel mit Kelley Polar und Hercules and Love Affair
[07.05.2008,Annika Settergren]


Hasen-Chroniken!

Die gesammelten Abenteuer - out now
[02.05.2008]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten