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Album des Jahres?

M.I.A.: Coming back with Power, Power

Mash it up! Als M.I.A. vor zwei Jahren ihr Debüt „Arular“ – benannt nach dem Tamil Tigers-Decknamen ihres Vaters – herausbrachte, war sie die Antwort auf viele meiner Fragen, und dieser Eindruck hat sich mit „Kala“ – diesmal benannt nach ihrer Mutter – nur verstärkt. Maya Arulpragasam hat in der Zwischenzeit nicht locker gelassen und ihr pink-türkises Knallpulver nicht verschossen, sondern über den Erdball verstreut. Ragga-Hip- Hop, Cut Up-Electronics, Grime, Baile, Bollywood-Disco, Dancehall: she’s got it all! Und die Musikpresse frohlockt, dass sich die Pop-Balken biegen. Allem Anschein nach dürften sich einige in den letzten Jahren die Frage gestellt haben, wann es endlich eine Musikerin schafft, den „Ghettolärm“ in Formate zu bringen, die auch in einer US-, UK- oder EU-Disco ziehen. Das United Kingdom mit langer und intensiver Kolonial- und Immigrationsgeschichte schien für eine solche Entwicklung wieder einmal prädestiniert und tatsächlich folgte auf flotte, aber eher unpolitische Versuche à la Panjabi MC ein Hybrid mit besonderer Power- Power. Und M.I.A. lässt sich auch nicht so leicht in die Sicherheitsabstandsecke „Weltmusik“ schieben, denn wie sagt sie so schön im Booklet: „People think we r stupid but we not“ und bastelt schon mal an ihrer World Town.

Gekonnt kombiniert sie in ihrem Artwork Kriegssymbole mit knalliger Neon-Camouflage Attitüde, zieht die Flaggen aller Welt über die Landkartenhaut Nordamerikas, erschafft ein Kaleidoskop aus Farben und Formen. Pixelschrift trifft auf afrikanischen Rapperkitsch-Stil mit Feuerfackeln und viel Bling- Bling. Auch ihre Musik ist eine Bricolage des wilden Denkens, eine Restrukturierung von dem, was (außerhalb des euro-amerikanischen Universums auch) da ist, aber endlich keine Referenzhölle, dazu spielt sie zu gerne mit den Mechanismen der Macht und hat auch eindeutig zu viel Herz. Und Wut: „All I wanna do is [gunshots] and take your money“, singt ein Kinderchor im Track „Paper Planes“. So hat es M.I.A. auf einige Magazincovers geschafft und das Rolling Stone Magazine nennt sie eine „Guerrilla Goddess“, nur um sie ein paar Sätze weiter als „the hottest thing to happen to revolutionary chic since Patty Hearst slipped on a beret“ und „Sri Lankan rapper“ abzutun. Dabei hätte bei der notorischen Abhandlung ihrer Biografie in sämtlichen Medien doch auch ihr britischer Pass im Gedächtnis bleiben können. Dass M.I.A. nicht auf einer Blumenwiese groß wurde, wissen mittlerweile einige. Dass sie darüber viel und gerne spricht – und zwar nicht unbedingt in Oxford English – und ihr Leben in globalen politischen Zusammenhängen denkt, scheint für manche allerdings noch etwas gewöhnungsbedürftig.

So auch für das U.S. Department of Homeland Security, auf deren Watchlist sie stand und deswegen Visa-Probleme hatte. Was auch ein Grund für sie gewesen sein dürfte, auf Reisen zu gehen und ihr neues Album statt mit Timbaland in den U.S.A. – dafür kann mensch nur dankbar sein – in Indien, Liberia, Trinidad und dazwischen zu produzieren, meist gemeinsam mit „dirty house“ Kollegen Switch.

Die Tracks auf „Kala“ sind rau und ein jeder fühlt sich an wie ein anderer Kontinent oder eine andere „Immigranten-Community“ oder so. Dafür sorgen Afrikan Boy, der Wilcannia Mob, Straßengeräusche, die dichte Kompression einer langen Reise in 12 Tracks. Der kämpferische Gestus ist nicht bitter, hat Freude am Detail, an den Fischen im Wasser und den Vögeln im Dschungel. Und dann gibt es so verrückte Nummern wie „$20“, in dem M.I.A. den Pixies-Song „Where Is My Mind“ klingen lässt wie Jah Wobble mit schwerem Skunk-Kopf am Morgen danach. Mit dieser Frau will mensch einfach auf Reisen gehen und bei der Revolution dabei sein, zu der es sich auch tanzen lässt! In einem intro-Interview meinte M.I.A.: „Ich glaube, die Amerikaner brauchen mehr Außenperspektive!“ Kann uns allen nicht schaden, würde ich sagen. A little poison for the system …

M.I.A. „Kala“ (XL Recordings/edel)


online seit 26.12.2007 18:45:02 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Silke Graf




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