menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Persepolis

Eine Filmkritik

PERSEPOLIS von MARJANE SATRAPI , VINCENT PARONNAUD

F 2007
Drehbuch: Marjane Satrapi
Filmstart: 30.11.2007 Laufzeit: 96 min


Dieser autobiographische Comicfilm beginnt am Pariser Flughafen Orly. Marjane zündet sich eine Zigarette an und lässt ihr bisheriges Leben Revue passieren.

Iran, 1979: Schah Mohammad Reza Pahlavi wird im Zuge der Islamischen Revolution gestürzt. Marjanes Vater, der sich in intellektuellen Kreisen bewegt, erzählt der Kleinen die jüngere iranische Geschichte: Der Vater des Schahs (Reza Schah Pahlavi oder auch Reza Chan) liebte sein Land und wollte eine Republik gründen; die Briten redeten ihm aber ein, er könne mit ihrer Unterstützung auch Kaiser werden, wenn nur sein Öl an sie ginge. Auch sein Sohn herrschte als Diktator. Beide modernisierten den Iran und öffneten sich dem Westen.

Auf der Straße geht man mit Panzern gegen die Demonstranten vor, die Statuen des Schahs stürzen. Doch die Revolutionäre siegen. Es wird die Demokratie versprochen. Die islamische Republik wird ausgerufen und es wird gefährlich für „Antirevolutionäre“.

Ein Jahr nach der Revolution greift der Irak den geschwächten Iran an. Es finden Hinrichtungen statt, die Bevölkerung lebt in Angst, die Frauen müssen Kopftücher tragen.

Teheran 1982: Die Bee Gees sind für Marjane total cool, ABBA out. Sirenengeheule und sich im Keller zu verbergen gehören zu ihrem Leben, aber ebenso Punk, Iron Maiden (deren CD Marjane nur auf dem Schwarzmarkt bekommen kann, denn die sind ja aus dem Westen) und Michael Jackson. Panzer fahren durch die Stadt, 14-jährige Jungen werden dazu bewegt als Märtyrer an der Front zu sterben und so ins Paradies zu kommen. Alkohol ist verboten. Kommunisten werden hingerichtet. Die Stadt wird von Bomben verwüstet.

Marjane wird von ihren Eltern nach Wien geschickt. Da sie sich integrieren möchte, liest sie Sartre und Freud. Sie schämt sich ihrer Herkunft und gibt an Französin zu sein, denn „hier hält man uns für Wilde“. Nach ein paar Jahren entschließt sie sich in den Iran zurück zu kehren. Dort ist der Krieg nach acht Jahren vorbei. Der Westen hatte beiden Kriegsparteien Waffen geliefert, es gibt eine Million Tote zu beklagen. Verwandte und Bekannte besuchen Marjane und fragen sie aus über europäische Diskos, Sissifilme und Romy Schneider, die für sie das Paradies darstellen.
Frauen und Männer sitzen an der Uni und in Cafes getrennt, Partys sind verboten. Revolutionswächter sperren Menschen willkürlich ein, Frauen sind verhüllt: Der Krieg ist vorbei, die Menschen sind aber nicht frei. Da sie sich auf der Straße nicht einmal an den Händen halten dürfen, heiraten Marjane und ihr Freund. Sie ist 21 Jahre alt.

Doch schon nach einem Jahr ist Marjane von ihrer Ehe und auch vollends von ihrem Land enttäuscht. Sie lässt sich scheiden und geht nach Frankreich. Ihre Mutter verbietet ihr zurück zu kommen, denn Marjane soll eine freie Frau sein. „Diesmal gehst du für immer“. Marjane wird von einem Pariser Taxifahrer nach ihrer Herkunft gefragt. Diesmal leugnet sie diese nicht.

Der Film hat gerade für das westliche Publikum einen großen Wert, da er zeigt, dass es sehr wohl Querdenker und emanzipierte Frauen in der jüngeren Geschichte des Iran gab und gibt. Große Vorbilder für Marjane waren etwa ihre schimpfende, Pfeife rauchende und seit langem geschiedene Oma, oder ihr Onkel, ein Kommunist, der für seine Überzeugung („einmal wird die Arbeiterklasse siegen“) sein Leben einsetzt.

Teils komplizierte historische Prozesse werden sehr simpel und auch mit Ironie dargestellt. Trotz der ernsten Thematik verliert Satrapi nie ihren Witz und ihre Selbstironie. Revolution und Krieg werden durch die Augen eines Kindes, später durch die einer selbstbewussten jungen Frau gesehen, die sagt was sie denkt. Das macht das Thema gerade für ein junges Publikum interessanter. Prominente Menschen wie Chiara Mastroianni oder Catherine Deneuve, die den Comicfiguren ihre Stimme geliehen haben, sind ebenfalls keine schlechte Werbung für den Film.

Über der Geschichte schwebt durchgehend die Stimmung, dass sich diese junge Frau weder in ihrer noch in der westlichen Kultur ganz wohl gefühlt hat. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten weiß sie, dass auch Europa nicht das Paradies ist. Interessant ist, dass nur die Szenen am Flughafen farbig dargestellt werden. Ob ihre Erinnerungen an den Iran und an Wien deshalb schwarz-weiß sind, weil diese nicht schön sind und ihre Zukunft in Frankreich bunt dargestellt ist, weil sie Hoffnung auf ein besseres Leben bedeutet, ist nahe liegend.

Persepolis war die Hauptstadt des antiken Perserreichs, von der heute nur noch Ruinen zu besichtigen sind. Satrapi hat diesen Titel wohl gewählt, da sie ihre Heimat als Kind als schön empfunden, jedoch nach einer Zeit nicht mehr wieder erkannt hat.



Marjane Satrapi, geb. 1969 in Rasht, Iran. Lebt als Autorin und Zeichnerin in Paris. Die Verfilmung ihrer eigenen, mehrfach prämierten Buchserie ist ihr erster Langspielfilm.



online seit 05.12.2007 15:13:15
autorIn und feedback : Stephanie Lehner




Sensomotorisches Band: War in our time

Krieg im US-Kino und TV zwischen 1998 und 2008
[10.11.2008,Daniel Raecke]


Piraterie als soziale Utopie

Ein Blick in die Schatzkiste Hollywoods
[05.11.2008,Irene Zavarsky ]


Der Guru-Effekt

Austin Powers und Alf Poier fragen den Inder
[03.11.2008,BW]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten