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  Information und Gemeinwohl

Ist der Begriff der Commons brauchbar für den Kampf gegen die Privatisierung aller Lebensbereiche? Ein Gespräch mit Ted Byfield und Eben Moglen.

Informationen, Ideen, intellektuelle und immaterielle Arbeit werden zunehmend privatisiert, in Waren verwandelt und eingezäunt. Wen sollte das kümmern, und warum? Was, wenn uns das nicht stört?

Eben Moglen: Jede/n, der/die liest und zuhört und denkt, sollte das stören. Es geht um die individuelle Entwicklung des menschlichen Gehirns. Wenn wir uns nicht kümmern, wird die symbolische Substanz jedes Menschenlebens unter die Kontrolle von Organisationen geraten, die menschliche Aufmerksamkeit für ihre ökonomischen und sozialen Zwecke vereinnahmen wollen.

Ted Byfield: Für viele Leute macht es Sinn, sich nicht zu kümmern: Man kann nicht von allen erwarten, alles fallen zu lassen und plötzlich ExpertIn in diesem spezialisierten Feld zu werden. Aber diese “immateriellen” Veränderungen nehmen materielle Formen wie Recht und Politik an. Es ist naiv, sie für persönliche Entscheidungen zu halten: Sie haben systemische Auswirkungen, und es wird hart – vermutlich sogar unmöglich –, später wieder zurückzugehen. Und es ist noch naiver, zu fragen, was passieren würde, wenn “wir” uns nicht kümmern, weil die Antwort ist klar: “Die” würden nicht aufhören, emsig daran zu arbeiten, alles unter der Sonne zu privatisieren. Und ich meine ALLES: All das Gerede über “Intellektuelles” hier und “Immaterielles” da verwischt die Tatsache, dass die grundlegendsten, materiellen Dinge – Saatgut, Wasser, Rezepte, Formen des Auskommens – privatisiert und als “Exklusivrechte” behandelt werden.

Gegen diese Privatisierungsbewegung fordern manche “Information Commons” (Information als öffentliches Gemeingut). Glauben Sie, dass der Begriff der “Commons” brauchbar ist, um den Widerstand gegen Privatisierung und Kommodifizierung von Information und immaterieller Arbeit zu definieren?

Eben Moglen: Ja. “Commons” bezieht sich auf Ressourcen, die ohne Eigentum für das Allgemeinwohl verwaltet werden. Natürliche Ressourcen sind auf diese Weise seit Beginn der menschlichen Gesellschaft verwaltet worden. Intellektuelle Ressourcen können auch so geführt werden, vor allem jetzt, wo vernetzte Kommunikations- und digitale Technologie die Kosten der Herstellung und Verteilung von Software, Musik, Kunst, Literatur etc. radikal reduziert haben.

Ted Byfield: Ja und nein. Es ist eine nützliche Idee, um sie mit sich gedanklich herumzutragen, aber ich würde sie nicht als Grundlage für Recht oder Politik einzusetzen versuchen – und schon gar nicht als Grundlage für durchsetzbare Rechte oder Politik.

Die historischen “Commons”, die gemeinschaftlichen Landflächen, sind gescheitert, sind zerstört worden, mit schlimmen Konsequenzen zu Beginn des Kapitalismus. Warum glauben Sie, dass die Idee 200 Jahre später eine erfolgreiche Inspiration sein kann?

Eben Moglen: Das ist eine falsche Geschichte. Fischgründe sind Commons, Trinkwasserressourcen sind Commons, Luft ebenso, auch öffentliche Kunst. Es hat eine immense Ausweitung der Sphäre der Commons während des Aufstiegs des Kapitalismus gegeben, obwohl der Kapitalismus gern eine andere Geschichte erzählt. Digitale Technologie macht die Verwaltung der neuen Commons leichter und wirksamer als die der alten.

Ted Byfield: Die Tatsache, dass Sie nach den historischen Commons fragen, zeigt, dass deren Versagen und Zerstörung nicht so endgültig gewesen sein können, wie Sie es sagen. Heilige wurden ja auch zerstört, aber sie scheinen noch immer einen gewissen Einfluss auszuüben.
Meiner Meinung nach muss man immer die vielen Alternativen in Betracht ziehen, die in einer Frage angelegt sind. Ihre Frage wirkt nostalgisch: Sie führt uns zur Frage, wie die Welt aussehen würde, wenn die Commons überlebt hätten. Aber es gibt auch eine andere Lesart: Wie schlimm wären die Konsequenzen gewesen, wenn es niemals Commons gegeben hätte? Viel, viel schlimmer. Und heute gilt das gleiche: Das Unglück der Zukunft wird danach bemessen sein, in welchem Ausmaß das bislang Gemeinsame privat und exklusiv wird.

Es gibt eine beachtliche Menge an “kapitalistischer Opposition” gegen exzessive Copyright-, Patent- und Trademark-Regelungen, die sowohl auf individuellem Interesse bestimmter Firmen oder Branchen als auch auf theoretischer Kritik beruhen. Sind die “Information Commons” inhärent anti-kapitalistisch oder kann der Kapitalismus die Idee leicht vereinnahmen und integrieren?

Eben Moglen: Der Kapitalismus koexistiert mit der Verwaltung und Produktion der Commons. In der Anerkennung der Commons liegt nichts inhärent Anti-Kapitalistisches. Der Kapitalismus besitzt allerdings einige wohlbekannte Eigenschaften, die seine Organisationen zum Ausufern veranlassen.

Ted Byfield: Ich halte nichts von heroischen “antikapitalistischen” Posen. Meiner Meinung nach ist der Kapitalismus eine geschichtliche Periode, die sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnet. Er ist nicht monolithisch: Es gibt eine Menge Raum für Vielfalt, ja, er braucht diese Vielfalt. Insofern wäre es sowohl dumm als auch paradox, sich als “antikapitalistisch” zu bezeichnen: Dumm, weil es nicht möglich ist, und paradox, weil diese fehlgeleitete Opposition zentral für das Funktionieren des Kapitalismus ist. Aber das soll nicht heißen, dass Widerstand vergeblich ist: Man kann – und man SOLL auch – bestimmte Kräfte und Entwicklungen unterstützen oder bekämpfen, und das sehr vehement. Aber es ist nicht notwendig, diese politischen Debatten mit “antikapitalistischen” Kostümen zu verkleiden.
Das ist eine komplizierte Art, auszudrücken, dass “Information commons” nichts inhärent Kapitalistisches oder Antikapitalistisches sind. Es ist fruchtbarer, Commons in anderen Begriffen zu denken – als bürgerlich, anständig, respektabel, fruchtbar, ethisch, angemessen usw.
Einige Leute mögen diese Begriffe für zu weich halten, aber ich denke, dass dies die Art von Werten ist, die Leute dazu motiviert, mehr zu tun, als sich bloß ihren Anteil zu nehmen in welche historischen Umstände sie auch immer hineingeboren wurden.


Ted Byfield ist Designlektor in den USA und Aktivist selbstorganisierter politischer Internetforen wie der nettime-Mailinglist, icannwatch.org und reconstructionreport.org.
Eben Moglen ist Rechtsprofessor in New York und Autor des dotCommunist Manifesto.

online seit 02.07.2003 16:17:57 (Printausgabe 14)
autorIn und feedback : Ribo Kader




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