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Representing Reality

Blogging - Private Momente im öffentlichen Raum.

Nette Weblogs fordern auf, zu verweilen und in absehbarer Zeit wieder Mal vorbei zu schauen, ähnlich wie nette Gastgeber nach einem netten Besuch auffordern, wiederzukommen. Jedenfalls sollten sie das. So mancher Gastgeber scheitert allerdings an dieser Tradition – und das mit Hingabe. Der Gastaufenthalt selbst wird zur Nervensache und bestätigt gängige Vorurteile. An aller erster Stelle dieses: Warum soll ausgerechnet der öde Alltag, weil eben Alltag, anderer Menschen interessant sein oder gar zur Teilhabe ermutigen? Beziehungen scheitern daran, warum sollten sich dadurch Freundschaften aufrecht erhalten oder gar Communities bilden lassen? Willkommen in Rons Weblog.

Bei Ron zu Besuch
Eine unendliche Abfolge von Bildern und Referenzen, die Ron und seine Welt, und noch einmal Ron, darstellen, erklären: Ron am Schreibtisch, Ron vor dem Büro, Ron auf dem Parkplatz, Ron und seine Familie, Freunde und schließlich „that’s me and Buster“. All das geschmückt mit passenden Zeitdiagnosen. Rons Weblog bestätigt - wie befürchtet –, dass der selbst inszenierte und auf diese Weise seltsam stilisierte Alltag fremder Menschen nur bedingt Kurzweiligkeit verschafft. Trotzdem, weiterklicken, die Dreistigkeit anderer fasziniert.

Halbe Ewigkeit und noch ein bisschen später, eine ansehnliche Zahl von Blogs mit Vergnügen aufgesucht: Die anfängliche Skepsis ist einer konstruktiven Phase gewichen, denn die präsentierten Selbstdarstellungen ziehen durchaus auch in ihren Bann – be part of it! Auch in diesem Zusammenhang ist die altbekannte Regel gültig: Ob ein Weblog zu was taugt oder nicht, ist in erster Linie eine Frage des Content. Wie banal, möglicherweise zu banal. Denn bar jeder Orientierung, geschweige denn einer Idee, wohin nun, macht sich langsam ein Unbehagen breit. An Stelle des Amüsierens ist der stille Vorwurf des Voyeurismus getreten. Obwohl: Bei manchen Weblogs ist die Gastfreundschaft oberstes Prinzip, ein Gastgeschenk obligat – das Rezept der Köchin klingt vielversprechend ... doch auch diese Gedanke will nicht beruhigen, das Unbehagen nicht verschwinden.

Sehnsucht nach Details
Da ist nichts zu machen. Das alte Dilemma – die ohnedies viel strapazierte Grenze zwischen Privat und Öffentlich – bricht in einer neuen Facette hervor. Neben der naheliegenden Frage, welche Inhalte noch von allgemeiner Relevanz sein könnten und was bereits dem Partikularen zugehörig ist, eben special Interest, geht es quasi um’s Eingemachte. Woher plötzlich diese Sehnsucht, nach Details aus dem Leben anderer Menschen, Menschen, zu denen überhaupt kein Bezug vorhanden ist? Nette Kochtipps, hervorragende Schnappschüsse, auch belehrende Kulturblogs sind eine Sache, aber der schnöde Alltag? Warum interessiert die Liebkosung eines hässlichen Dackels, das gelungene Ziehen einer Blume aus der Dose, der verschlafene Montag? Aus der Distanz, nämlich jener der Fremden, der Unbekannten, vermag der Voyeurismus nur für eine begrenzte Dauer die Spannung zu halten. Wie beruhigend.

Die andere Perspektive scheint ähnlich zwiespältig: Was bewegt jemanden dazu, seinen mehr oder weniger aufregenden Alltag, seine Interessen und Vorlieben in einem öffentlichen Medium zu präsentieren, zur Schau zu stellen – vor allem über Jahre hinweg? Zurück zu den Ursprüngen. Nochmals die Suchmaschine bemühen oder doch auf die bewährten weiterführenden Links in den bereits besuchten Logs zurückgreifen? Wie auch immer, irgendwo gibt es die spannenden, wohlgemerkt persönlichen Weblogs, die über ein Insiderwissen hinaus tickern. Das Mehrgenießen schlägt einmal mehr unbarmherzig zu.

Freie Arbeitszeit, arbeitsintensive Freizeit
Tausende Klicks später, Kants moralischen Impetus - der Zeigefinger erhoben – vor Augen, bleibt die Frage aufrecht: Was ist öffentlich und damit von allgemeiner Relevanz, im Gegensatz zum privaten Gebrauch? Kant geht zwar noch weiter und spricht vom Privatgebrauch der Vernunft, aber das soll geflissentlich übergangen werden. Entbehrt diese Differenzierung doch nicht einer gewissen Ironie, zumindest in einem bestimmten ökonomischen Moment, einem, in dem nicht mal mehr die altbewährte Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit eindeutig ausgemacht werden kann, geschweige denn jene der Vernunft. Das Ineinanderfließen der einst strikt von einander getrennten Sphären scheint vollbracht. Nochmals zur Illustration Rons Weblog.

Ron vor dem Büro, Ron auf dem Parkplatz, Ron und seine Familie, seine Freunde und nicht zu vergessen Rons Hund „Buster“. Eigentlich liegt Ron mit seinem Blog voll im Trend, denn was die Trennung von Privat und Beruf betrifft, scheint sie tatsächlich irrelevant: Was meine Vorgesetzten, meine Kollegen und Kolleginnen, etc. über mich wissen können, wissen sollen, ist in Zeiten der allgemeinen Vereinbarungskultur nicht mehr so eindeutig trennbar. Vereinbarungen werden abgeschlossen, wenn davon ausgegangen werden kann, dass sie eingehalten werden und das hat wiederum etwas mit Vertrauen zu tun. So ist eine Verlinkung des persönlichen Weblogs mit meiner offiziellen Homepage unausweichlich, denn zu verbergen gibt es nichts, sollte zumindest nichts sein. Jobs sind rar.

Biedermeier revisited?
Trotz der Kritik an den so genannten Arbeitsbedingungen (oder sind es doch schon Freizeitbedingungen) verursacht Rons Blog betroffenes Erstaunen. Es mag als eine Spielart des Do-it-yourself-Mediums durchgehen und allzu deutlich machen, dass die Zeit der Dualismen endgültig passé ist, spannend ist es nicht. Denn Rons eigene Inszenierung als Blogger vermag dank der simplen Software auf den ersten Blick gelingen, wagt sich jemand ins Innere seines Blogs vor, so wird nur allzu deutlich, dass es letztlich nichts anders ist als ein launiges Wohnzimmer, dessen Besitzer einem Hang zum Biedermeier aufweist. Langweilige Tagebucheinträge, das bleiben Rons Einträge. Auch die Idee der weiter führenden Links will ihm nicht so recht gelingen. Weshalb dann ein public weblog? Gegen ein kleines, feines, privates (!) Log ist ja nichts einzuwenden. Aber warum der Drang an die Öffentlichkeit? Ron hat schon einen guten Job. Weiter klicken ist angesagt.

Im Rausch der Geschwindigkeit
Die Frage nach dem Privaten oder doch Öffentlichem tritt nach und nach in den Hintergrund, als auf www.blogger.com ein vielversprechender Teaser erneut lockt: „Introducing AudioBlogger! So, imagine this: You’re driving down the road, chatting at a party, or whatever. You have a phone. You call your blog on the phone. You leave a message. The message gets instantly posted to your blog as an MP3 file for the world to listen to. Cool?” Da ist sie wieder, die Verschränkung der öffentlichen wie privaten Realitäten, am Weg zur Party und doch nicht dort? Damit wird auch schon das Medium als solches ins Spiel gebracht. Media is the Message. Doch so banal?

Vielleicht ist es auch die falsche Fragestellung, denn abgesehen von den technischen Spielereien, ist es auch die spezifische Geschwindigkeit, die einstige Grenzen zwischen Privatem und öffentlich Relevantem herausfordert. Die Zuschreibung, Blogging sei eine neue Form des Journalismus, die Blogger zu „Home-Journalists“ oder „Nano-Publisher“ macht, verweist darauf, dass schließlich die Technologie und Geschwindigkeit über die Bedeutung des Inhalts entscheiden. Schon nicht mehr im Büro, noch nicht auf der Party, aber Augenzeuge.

Grenzen überschreiten
Das entscheidet freilich noch nicht darüber, ob Weblogs nun eine Ernst zu nehmende Form des Journalismus sind oder nicht. Es verdeutlicht aber die Gratwanderung, die Blogger mit ihren Logs beschreiten: Mit ein wenig Software, ein bisschen Webfitness, einigen wenigen Photoshopkenntnissen und nicht zu vergessen, Inhalt, in diesem Fall Content, der letztlich sich schon im Vorort-Sein erschöpfen kann, fordern sie das Genre der Berichterstattung und Dokumentation heraus und bringen es ordentlich durcheinander. Gestern noch ein gewöhnlicher Alltag, heute die einzige Informationsquelle aus dem Sperrgebiet. Der Rest ist Geschichte.

Die Verschränkung von Medium und Inhalt mag mittlerweile antiquiert anmuten, im Fall der Bloggerkultur bietet sie immer noch Spannung. Oder wie Günther Anders in einer seiner umstrittenen Thesen zur Antiquiertheit bemerkte: „Der Triumph der Apparatenwelt besteht darin, dass er den Unterschied zwischen technischen und gesellschaftlichen Gebilden hinfällig und die Unterscheidung zwischen den beiden gegenstandslos gemacht hat“. Vielleicht aber hatte Rons Chefetage das Weblog mal aufgesucht und im Mitarbeitergespräch zu entsprechenden Modifikationen angeregt? Ein Wohnzimmer im Biedermeierstil ist immer noch sicherer als die coole Dachmaisonette der Brandstifter.

online seit 20.05.2003 14:13:41 (Printausgabe 13)
autorIn und feedback : Agnieszka Dzierzbicka


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