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  Becoming Digital 0x04

Unbequeme Disziplin?

Eine der gängigsten Beschwerden der Wissenschafter_innen, die sich den Digital Humanities (DH) verschrieben haben ist, nicht als vollwertige Disziplin wahrgenommen zu werden. Nun taucht diese Art der Beschwerde so gut wie immer auf, wenn sich eine neue Wissenschaft institutionalisiert. Was an den DH aber auffällt, ist dass sie diesen Prozess augenscheinlich bereits so gut wie abgeschlossen haben: es gibt eigene Institute, Professuren, Förderprogramme und Curricula. Was also fehlt zu einem Diskurs auf Augenhöhe? Polemisch gesprochen: der Diskurs! Denn während die produktiven Beiträge und innovativen Ansätze, die die DH geleistet haben außer Frage stehen, fehlt ihr ein wesentliches Element beinahe völlig: die kritische Reflexion auf das eigene Tun. Ohne diese jedoch bleiben all die “Tools und Services”, all die Protokolle, Standards, Schemata und Datenbanken lediglich das, was sie auch außerhalb der Wissenschaft sind: ultraflexible Managementinstrumente einer postindustriellen Informationswirtschaft, die nur dem Namen nach Bibliotheken, Archive und Editionen sind. Ohne kritische Auseinandersetzung mit all jenen Werkzeugen, die die DH für die Geisteswissenschaften so produktiv machen, kann es keine eigene Theoriebildung geben. Und ohne jene, ist man eben kein echtes Gegenüber im Diskurs, allenfalls ein Ausführender.

Ansätze zu einer solchen Kritik gibt es einige. Sie reichen von Auseinandersetzungen mit der Beschleunigung, die mit der Digitalisierung einhergeht, über die kritische Betrachtung der inhärenten Hierarchien und Ontologien in jedem IT-System bis hin zur Analyse computerbasierter Arbeitsweisen. In Philosophie und Wissenschaftstheorie, Soziologie und Anthropologie werden diese teilweise bereits seit geraumer Zeit bearbeitet. Aber auch außerhalb wissenschaftlicher Institutionen gibt es zwischen kritischer Informatik, Hacktivism und aktivistischer Medienkunst eine breite und durchaus kreative Debatte.

Warum also nicht in den DH? Zwei Dinge stechen hier ins Auge: zum einen, dass die DH in einem politisch-akademischen Klima entstanden sind, in dem Produktivität, also bloßer sicht- und messbarer Output, mit mehr finanzieller Zuwendung belohnt wurden als kritische Vollständigkeit. Der Instrumentalisierungs- und Rechtfertigungsdruck der neuen Wissensindustrie kann aber allein kein Grund sein. Der zweite Aspekt sind die verschiedenen Arbeitstraditionen und -aspekte, welche in den DH zusammenfließen (sollten): klassisch-geisteswissenschaftliche (Differenzieren und Kontextualisieren), bibliothekarisch-archivarische (Sammeln, Ordnen und Bewahren) und technisch-informatische (Modellieren, Implementieren und Standardisieren). Liest man die Forschungsprogramme und Zielsetzungen der meisten DH-Institutionen, -Projekte und -Konferenzen wird schnell klar, dass der technisch-informatische Aspekt eine dominante Rolle einnimmt. Dass aber die notwendige kritische Reflexion nicht in Projektplänen mit atomisiert dargestellten Aufgabenlisten und exakt modellierten Abhängigkeiten unterzubringen ist, wird jedem klar sein, der schon einmal geisteswissenschaftlich gearbeitet hat.

Die im neoliberalen Wissensregime geforderte absolute Planbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens und Produzierens nicht einfach zu erfüllen, sondern zu hinterfragen, und ihre Instrumente kritisch zu beleuchten, ist Aufgabe und Chance für die DH zugleich. Aufgabe deshalb, weil sie ohne diese Kritik der eigenen Methoden nicht vom Katzentisch der Hilfswissenschaften weg kommen wird. Wer das eigene Tun in der Modellierung der Forschungsfragen anderer erschöpft sieht, muss nicht damit rechnen, selbst als Forschende_r ernst genommen zu werden. Vielmehr aber noch ist es eine Chance für die DH, gerade weil sie so viel technische Expertise in eine kritische Betrachtung des neuen Wissenschaftsmanagements einbringen kann. Gerade weil sie, viel exakter als manch andere Disziplin, formulieren könnte, was diese Instrumente leisten können und wo ihre Grenzen liegen. Und vor allem weil die festgefahrenen Grabenkämpfe um die neoliberale Modernisierung des Wissenschaftsbetriebes einen auch technisch versierten Beitrag gut gebrauchen können.

Die DH könnten eine wegweisende Geisteswissenschaft sein. Sie müssten sich nur trauen, etwas unbequemer zu werden.


online seit 28.08.2017 16:22:07 (Printausgabe 79)
autorIn und feedback : Christoph Hoffmann




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