menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  „Das erste Opfer“

Auschwitz-Birkenau: Eine Ausstellung aus einer anderen Zeit


Nationale Geschichtsmuseen und Gedenkstätten zeigen bei ihrer Initiierung, während der Realisierung und nach der Eröffnung an, welche geschichtspolitischen Debatten in einer Gesellschaft geführt werden und welche Geschichtsbilder jeweils dominieren. Insofern erzählt eine historische Ausstellung mindestens so viel über die Zeit ihrer Entstehung, wie über jene Zeit, der ihr Inhalt gilt. In den Debatten rund um ihre Eröffnung und danach spiegelt sich das Verhältnis der Gesellschaft zum dargestellten Thema wider.

Nun ist die klassische historische Ausstellung ein relativ starres Medium: Haben HistorikerInnen, Financiers, AusstellungsarchitektInnen, die ausstellende Institution und alle anderen Beteiligten einmal eine Darstellungsweise ausverhandelt, dann präsentiert die Ausstellung meist eine geschlossene, unveränderliche Erzählung. Während die historische Ausstellung also auf Eindeutigkeit und klare narrative Strukturen abzielt, stellt sich das Gedächtnis einer Gemeinschaft als dynamischer Prozess dar, der durch die konkurrierenden Interessen unterschiedlicher gesellschaftlicher AkteurInnen geprägt ist. Jedoch tritt die Relativität der als „kollektives Gedächtnis“ verstandenen hegemonialen Vergangenheitserzählungen schlagartig zu Tage, wenn die vorherrschende Vergangenheitsversion durch Skandale, Debatten und ähnliches in die Krise gerät. Dann können nämlich Vergangenheitsnarrative, die jahrzehntelang unhinterfragte Gültigkeit besaßen, plötzlich in sich zusammenbrechen und jede gesellschaftliche Verbindlichkeit verlieren.

Erosionen nach Waldheim

Dieser Prozess der Erosion eines hegemonialen Geschichtsbildes entwickelte sich in Österreich zuletzt ausgehend von der Waldheimdebatte. Die von Waldheim zu seiner Verteidigung geäußerten Worte „Ich habe ja nur meine Pflicht getan wie tausende andere Österreicher auch“, legten plötzlich den unüberbrückbaren Widerspruch zwischen dem Konsens über die Opferrolle Österreichs und der seit den 1950er Jahren vorherrschenden ehrenden Erinnerung an Österreicher in der Wehrmacht frei. Es folgte eine Phase verdichteter gesellschaftlicher Kommunikation über die Beurteilung von „Anschluss“ und NS-Herrschaft – als paradigmatischer Prozess des Neuverhandelns von Geschichte. Dabei gelangten Themen ins Blickfeld der Wissenschaft, die unter den Vorzeichen des Opfermythos kaum erforscht wurden, etwa der Antisemitismus in allen Bevölkerungsschichten, die Verbrechen der Wehrmacht und die Beteiligung von ÖsterreicherInnen an den NS-Verbrechen.

Eines zeigt dieser Prozess der Neuverhandlung der Vergangenheit recht deutlich: Dass es eine gewisse Zeit braucht, bis sich neue Vergangenheitsversionen kulturell ausformen und etablieren. So wurde die Erkenntnis, dass Österreich doch nicht nur Opfer des Nationalsozialismus war, erst einige Jahre nach Waldheim ins Standardrepertoire politischer Reden zu historischen Gedenktagen aufgenommen. Erst 2000, fast 15 Jahre nach Waldheim, wurde in Wien ein Denkmal für die Opfer des Holocaust errichtet. Und erst in den letzten Jahren wurde mit der Neugestaltung der zentralen Ausstellungen zum Nationalsozialismus in Österreich begonnen: Jene des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes wurde 2005 überarbeitet und neu eröffnet, die Neugestaltung jener in der Gedenkstätte Mauthausen ist derzeit im Gange.

Rot-weiss-rote Landkarte …

Eine bezüglich ihrer Verbindlichkeit ziemlich wichtige Ausstellung an einem sehr symbolträchtigen Ort, einem Ort, der wie kein anderer für die Katastrophe des 20. Jahrhunderts steht, wird in diesem Zusammenhang oft vergessen. Im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau durften zwölf Nationen, aus denen Menschen nach Auschwitz deportiert wurden, nationale Ausstellungen errichten, die meist von Gruppen ehemaliger Häftlinge als Gedenkstätten konzipiert wurden, in deren Mittelpunkt das Leiden und Sterben der Häftlinge, weitgehend unter martyrologischen Vorzeichen – im politischen wie religiösen Sinn –, stand. Diese Verbindung von historischer Information und Gedenken macht die „Länderausstellungen“ zu Orten der Sinnstiftung, zu Darstellungen des Selbstbildes der ausstellenden Länder in Bezug auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. Die österreichische Ausstellung steht dort seit 1978 unverändert, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, und repräsentiert ein Geschichtsbild, das geschichtsbewussten österreichischen BesucherInnen der Gedenkstätte heute eigentlich nur peinlich sein kann. Schon beim Betreten des roten Ziegelsteingebäudes, das zwischen 1940 und 1945 ein Häftlingsblock im Konzentrationslager Auschwitz I war, wird man durch ein Bild begrüßt, das symbolhaft für die Botschaft der Ausstellung steht. Da wird eine rot-weiß-rot eingefärbte österreichische Landkarte von schwarzen Soldatenstiefeln niedergetrampelt, links daneben prangt der programmatische Titel der Ausstellung: „Österreich – Erstes Opfer des Nationalsozialismus“. Dieser Titel gibt den Grundtenor der Ausstellung vor, die 1978 zum Jahrestag des „Anschlusses“ eröffnet und von ehemaligen Häftlingen im Auftrag des Bundesministeriums für Kunst und Wissenschaft und mit maßgeblicher Unterstützung der Bundesländer, des ÖGB und der Arbeiterkammer gestaltet wurde. Der Narrativ der Ausstellung entspricht dem vom Opferkonsens geprägten Geschichtsbild im Österreich der 1970er Jahre: Erzählt wird die Geschichte von den politischen Kämpfen der Ersten Republik, der Errichtung des „Ständestaates“, des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland und – auf einem guten Drittel der Ausstellungsfläche – jene des Widerstandes aus allen politischen Richtungen.

Kaum erwähnt werden die Begeisterung vieler ÖsterreicherInnen über den „Anschluss“, die rege Beteiligung der Bevölkerung bei Demütigung, Enteignung, Misshandlung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung und die beeindruckenden Karrieren, die viele Österreicher (und manche Österreicherinnen) im Vernichtungssystem des Nationalsozialismus gemacht haben. Österreich war – ganz im Sinne der eröffnenden Tafel – das erste Opfer des Nationalsozialismus. Dieser die gesamte Nation umfassende Opferstatus wird gegen Ende der Ausstellung noch einmal auf den Punkt gebracht. Auf einer Glastafel vor dem symbolbeladenen Bild des brennenden Stephansdoms sind sämtliche österreichischen Opfer des Nationalsozialismus aufgeführt: von den politischen GegnerInnen und WiderstandskämpferInnen über jene ÖsterreicherInnen, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurden bis hin zu den österreichischen Wehrmachtssoldaten, die nicht aus dem Krieg heimgekehrt sind, und den zivilen Opfern des Krieges.

Wie kann es nun sein, dass jene, die während der NS-Zeit in den Konzentrationslagern gelitten haben, jene, die die Brutalität der SS-Männer, von denen viele aus Österreich stammten, am eigenen Leib erfahren haben, 25 Jahre später eine Ausstellung machen, in der ein allumfassender Opferkonsens die Verbrechen der Landsleute zudeckt? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten: Erstens ist die Ausstellung in Auschwitz eine Ausstellung der Opfer, eine Ausstellung, in der jene, die vom NS-System verfolgt wurden, ihre Geschichte darstellen. Für sie war, so Ernst Hanisch, der Opfermythos kein Mythos, sondern gelebte Erfahrung.

Zweitens muss der Vergangenheitsnarrativ von Österreich als Opfer des Nationalsozialismus auch als Gegenentwurf zur Interpretation der „Ehemaligen“, der Veteranen und der MitläuferInnen verstanden werden. In deren Geschichtsbild war die NS-Zeit eine große Zeit und jene, die in der Wehrmacht für Führer, Volk und Vaterland gekämpft haben, waren die Helden der Heimat. Dieses Geschichtsbild wurde zentral vom Kameradschaftsbund vertreten und wird in nahezu jedem österreichischen Dorf durch ein Kriegerdenkmal repräsentiert. Und drittens – auch das soll nicht vergessen werden – haben einige der KZ-Überlebenden nach der Debatte um Waldheim ihre Haltung zum „Opfermythos“ überdacht und relativiert. So äußerte sich etwa Hermann Langbein, der wesentlich an der Gestaltung der österreichischen Ausstellung in Auschwitz beteiligt war und im persönlichen Gespräch leidenschaftlich gegen deren Umgestaltung eintrat, 1993 wie folgt: „Da ist nur der Widerstand, Widerstand – aber dass es Österreicher gab, die in entscheidender Funktion in Auschwitz in der SS tätig waren, kommt nicht vor. Das müsste repariert werden.“

…und ein schwarzer Fleck

Diese Überlegung Langbeins kann vielleicht auch als Reaktion auf die Kritik an der Ausstellung verstanden werden, die in den 1990er Jahren aufkam und zusehends stärker wurde. Am Anfang waren es vor allem Zivildiener, die seit 1992 ihren Dienst als „Gedenkdienst“ im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau leisten konnten, die die Ausstellung und ihr verstaubtes Geschichtsbild kritisierten. Ein schwarzer Fleck nach dem Titel der Ausstellung zeugt noch heute von dem Fragezeichen, das von einzelnen Zivildienern und kritischen AusstellungsbesucherInnen immer wieder aufgemalt wurde. Dazu kamen zahlreiche an die Museumsleitung gerichtete Briefe von BesucherInnen, die eine Umgestaltung der Ausstellung forderten. Die Kritik führte 2005 zur Anbringung eines Zusatzbanners auf Anregung der österreichischen Generalkonsulin in Krakau, Maga. Hermine Poppeller, der österreichischen Delegation bei der ITF (Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research) und mit Unterstützung des Österreichischen Nationalfonds. Darauf wird festgestellt, dass das in der Ausstellung vertretene Geschichtsbild „nicht mehr dem historischen Selbstverständnis des heutigen Österreich“ entspreche: „Das Bekenntnis zu einer moralischen Mitverantwortung für die Beteiligung zahlreicher Österreicher an nationalsozialistischen Verbrechen hat zu einer viel differenzierteren Sicht der historischen Ereignisse geführt.“ Weiters wird auf dem Zusatzbanner eine Neugestaltung der Ausstellung angekündigt, die diesen neuen Erkenntnissen Rechnung tragen solle. 2008 erschien dann ein vom Nationalfonds finanzierter und von Brigitte Bailer-Galanda, Bertrand Perz und Heidemarie Uhl erarbeiteter Bericht, in dem die Notwendigkeit einer Neugestaltung unterstrichen und Schritte zur Realisierung beschrieben werden.

Der politische Beschluss zur Neugestaltung bleibt jedoch weiterhin aus, obwohl an der peinlichen Verstaubtheit der Ausstellung wohl kein Zweifel besteht und sie, so Brigitte Bailer- Galanda bei der Präsentation des Berichtes, „zunehmend zu einem außenpolitischen Problem“ werde – immerhin wird die Gedenkstätte Auschwitz jährlich von mehr als einer Million Menschen besucht. Zudem wurden in den letzten fünf Jahren beinahe alle nationalen Ausstellungen in Auschwitz neu gestaltet – nur die italienische Ausstellung, die als einzige einen künstlerischen Zugang wählt, und die jugoslawische, die Ausstellung eines Staates, der nicht mehr existiert, sind noch im Originalzustand. Die Erinnerungsjahre 2005 und 2008 wurden als Chance, eine Neugestaltung in Auftrag zu geben, nicht genutzt. Jetzt sollten die politischen EntscheidungsträgerInnen rasch handeln, bevor die Ausstellung, genau wie die jugoslawische, für das Museum untragbar und geschlossen wird. Bei einer etwaigen Neugestaltung sollte die alte Ausstellung jedoch nicht einfach abgebaut und entsorgt werden. Nicht nur aus Respekt vor der Erinnerungskultur der Überlebenden – sondern auch, weil die Ausstellung ein einzigartiges Dokument österreichischer Gedächtnisgeschichte ist.


Literaturtipps:

Hanisch, Ernst: Opfer/Täter/Mythos: Verschlungene Erzählungen über die NS-Vergangenheit in Österreich. In: Zeitgeschichte 6, November/Dezember 2006
Larndorfer, Peter: Gedächtnis und Musealisierung. Die Inszenierung von Gedächtnis am Beispiel der Ausstellung „Der Österreichische Freiheitskampf 1934 – 1945“ im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 1978 – 2005. Diplomarbeit. Wien 2009
Pieper, Katrin: Die Musealisierung des Holocaust. Das Jüdische Museum Berlin und das U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Ein Vergleich. Köln u.a. 2006
Uhl, Heidemarie: Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese: Die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. In: Flacke, Monika (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Berlin 2004



online seit 18.11.2009 10:46:40
autorIn und feedback : Peter Larndorfer




Was wurde eigentlich aus...?

Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 11: Homo-Ehe
[01.07.2010]


Was würdest du...

...mit einem bedingungslosen Grundeinkommen machen? Teil 5
[21.06.2010,Elfie Resch]


Was würdest du...

...mit einem bedingungslosen Grundeinkommen machen? Teil 4
[09.06.2010,Elfie Resch]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten