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  Politisches Glossar: Direkte Aktion

Direkte Aktionen im öffentlichen Raum sind aus dem heutigen Protest-Repertoire (nicht nur) sozialer Bewegungen nicht mehr wegzudenken. Im Interview spricht Michael Vester über die Geschichte und Praxis ihrer Verbreitung.

„…nur mal einen stein ins wasser schmeissen“

Ein Austauschstipendium ermöglichte 1961 dem damaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Michael Vester, ein akademisches Auslandsjahr am Bowdoin College im US-Bundesstaat Maine zu verbringen.

Da Vester für die internationale Arbeit des SDS zuständig war, kam er in Kontakt mit der US-amerikanischen Studentenorganisation Students for a Democratic Society (SDS) und einem ihrer damaligen Wortführer, Tom Hayden. Während seines USA-Aufenthaltes wurde er in die inhaltliche Neugestaltung des Grundsatzprogramms des SDS, dem Port Huron Statement, einbezogen, das unter anderem die Forderungen nach partizipativer Demokratie und Gleichberechtigung der afroamerikanischen Bevölkerung beinhaltete. Zur gleichen Zeit formierte sich in den Südstaaten der USA Widerstand gegen die alltägliche rassistische Diskriminierung, und es wurden gewaltfreie Aktionen im öffentlichen Raum, unter anderem in Form von Sit-ins, Bus- Boykotten und Märschen, durchgeführt. Aus dieser Bewegung gründete sich das Student Nonviolent Coordinating Comittee (SNCC), das in den Folgejahren den Begriff der gewaltfreien direkten Aktion in den USA prägen sollte.

Beeindruckt von den Erfolgen der amerikanischen StudentInnen- und Bürgerrechtsbewegung in den folgenden Jahren, publizierte Vester im Juni 1965 seinen Artikel „Die Strategie der direkten Aktion“ in der SDS-Zeitschrift neue kritik. Er schlug gewaltfreie Formen direkter Aktion als politische Strategie für die Verhältnisse in Westdeutschland vor, um die Proteste gegen die geplanten Notstandsgesetze auch über die StudentInnenbewegung hinaus auf eine breitere gesellschaftliche Basis zu stellen. Die westdeutsche StudentInnenbewegung orientierte sich später an den US-amerikanischen Verhältnissen und machte direkte Aktionsformen wie Teach-ins, Sit-ins oder Go-ins zu einem zentralen Bestandteil ihres Protestes.

Herr Vester, 1960/61 studierten Sie in Frankfurt am Main Sozialwissenschaften und waren stellvertretender Bundesvorsitzender des SDS. Was waren die historisch-politischen Einflüsse auf den SDS in den Anfängen der westdeutschen Studentenbewegung?

Wir waren damals noch am Rande der Sozialdemokratie organisiert. Wir glaubten, dass, wenn man politisch wirken wollte, man das zusammen mit den noch existierenden Elementen der Arbeiterbewegung machen müsste. Das bedeutete, mit den Gewerkschaften zu arbeiten, und um mit den Gewerkschaften auch bildungsmäßig arbeiten zu können, war es nicht gut, wenn man nicht in der SPD war. Es herrschte der Kalte Krieg, die KPD war verboten und auch in einer unmöglichen stalinistischen Position. Da gehörte man lieber zum sozialistischen Flügel der SPD.

Ein Bezugspunkt für unsere Orientierung war die spanische Revolution. Unsere Ausrichtung war antifaschistisch, auch antistalinistisch, in Form des Anarchosyndikalismus. Von dort aus sind wir darauf gekommen, dass es in der historischen Arbeiterbewegung auch eine nicht-autoritäre Traditionslinie gibt, zu der auch die Arbeiterräte in Deutschland zählten. Das bedeutete für uns eine Alternative sowohl zu stalinistischen als auch zu autoritär-kapitalistischen Formen. Die Arbeiterräte waren, um es in einem Wort kurz zusammenzufassen, Rätesozialisten, und dieser Rätesozialismus war unsere Traditionslinie. Wir wollten die Defizite bei Marx korrigieren und ergänzen, ohne Marx über Bord zu schmeißen.

Das A und O bei unserer politischen Beschäftigung war außerdem die Abgrenzung vom Nationalsozialismus. Auch meine Politisierung in der Schülerzeit war immer mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis und anderer faschistischer Verbrechen verbunden, aber auch mit den Verbrechen Stalins. Adorno und andere haben über den autoritären Charakter geforscht, und daher kam unsere Ablehnung von Führeransprüchen. Denn das war für uns auch in der Linken ein autoritärer Zug, den wir nicht wollten. Wir wollten so etwas wie einen Dritten Weg, Dritte-Welt- Orientierung und Internationalismus.

1961 gingen Sie für ein Jahr in die USA. Welche gesellschaftspolitischen Verhältnisse fanden Sie dort vor?

Es war damals die Kennedy-Zeit, die eine politische Öffnung bedeutete und es überhaupt erst ermöglichte, neue Ideen zu entwickeln. In den USA waren Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre neue politische Bewegungen entstanden, die sich zunächst auf zwei Feldern artikulierten. Das eine Feld war die Friedensbewegung, die gegen Atomtests und dergleichen protestierte. Die haben schon so etwas wie direkte Aktionen, zum Beispiel Sit-ins, praktiziert. Aber die größten direkten Aktionen gingen von den antirassistischen Bürgerrechtsbewegungen in den Südstaaten aus. Die haben damit angefangen, und erst später wurde diese Aktionsform an den Unis aufgegriffen.

Diese Bewegungen im Süden hatten eine neue Qualität. Die Schwarzen begannen militant zu werden, zunächst mit diesen gewaltfreien angelsächsischen Methoden, bei denen sich einfach einer irgendwo hinsetzte und wegtragen ließ und durch diese Gewaltfreiheit Medienwirksamkeit erzielte. Denn so wurden bestimmte Werte nicht verletzt und eine Solidarisierung mit den Opfern erleichtert. Wobei der Süden immer Ku-Klux- Klan-County war. Sie kennen die Geschichte: „Ach, schon wieder so ein schrecklicher Neger-Selbstmord, 16 Schüsse in den Rücken.“ Da gewaltfrei zu bleiben, dazu gehörte schon was.


Wie ist diese Aktionsform der direkten Aktion ins weiße studentische Mittelklassemilieu gekommen, wenn sie doch eigentlich in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung entstanden war?

Durch die moralische Parteinahme für diese Bürgerrechts- und Friedensbewegung. Ein Teil der liberalen Intellektuellen, die an den nordamerikanischen Universitäten sehr stark waren, stellte sich auf deren Seite. Verbreitung im studentischen Milieu fanden direkte Aktionen erst im Anschluss an die Freedom Rides 1961. Da sind auch weiße Studenten in die Südstaaten runtergefahren und haben bei den Sit-ins der Schwarzen gegen die Rassentrennung mitgemacht. Das bekam ziemlich viel Presse, und dann wurden diese gewaltfreien Formen verbreitet. Sitzstreik oder wie man das nennen wollte, Sich-wegtragen-Lassen, das ist eine Art moralischer Appell. Denn wenn man selber Gewalt ausübt, hat man eigentlich in der Öffentlichkeit verloren. Das ist ja auch eine christliche Form. Martin Luther King hat so etwas auch vertreten, um das Moralische darzustellen, und es hat an die amerikanischprotestantische Kultur appelliert. Später hat man diese Aktionsform auch an den Universitäten verwendet.

Dabei sind gewaltfreie Aktionen wie diese Formen, die natürlich eine moralische Öffentlichkeit und Kultur voraussetzen, auf die man sich berufen kann. Dabei gibt es Resonanz nur, wenn auch eine eigenständige Traditionslinie besteht. Ansonsten passiert gar nichts. Künstliche Importe funktionieren nicht.

Was waren Ihre eigenen Erfahrungen mit direkten Aktionen in den USA?

Meine persönlichen Erfahrungen mit der direkten Aktion waren eher indirekt. Wir waren damals mit den Studenten- und Jugendbewegungen aus Birmingham in Alabama verbunden. Die hatten schon Sit-ins und so was gemacht. Die waren auch 1962 in Port Huron im Bundesstaat Michigan beim Treffen des SDS vertreten, aus dem dann das Port Huron Statement hervorging. In Port Huron saßen auch Aktivisten vom SNCC, dem Student Nonviolent Coordinating Committee. Port Huron war ein kleines gewerkschaftliches Ferienlager am Huronsee. Viele Kilometer nördlich von Detroit und von Ann Arbor lag dort in den Wäldern eine ganz einfache Barackensiedlung, wo man sich für ein paar Tage treffen konnte.

Eine wichtige Erfahrung für mich persönlich war, als Tom Hayden und andere vom SDS 1964 die Grenze überschritten und im Staat New Jersey und Newark in den Slumvierteln im Rahmen des Newark Community Union Project Basisarbeit begannen. Auf diese Weise eine Brücke zur Gesamtbevölkerung zu schlagen bedeutete die wirkliche Überschreitung. Das war für mich auch der Anlass, mich der Praxis der direkten Aktion zuzuwenden und den Artikel zu schreiben.

Im Juni 1965 veröffentlichten Sie in der neuen kritik Ihren Artikel „Die Strategie der direkten Aktion“, in dem sie für eine Übertragung US-amerikanischer Protestformen auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse plädierten. Wie kamen Sie darauf, derlei Protestformen auf westdeutsche Verhältnisse übertragen zu wollen?

Ich wollte nur mal einen Stein ins Wasser schmeißen. Ich war verhältnismäßig skeptisch, aber alle anderen Methoden hatten nichts gebracht, und diese direkten Aktionen waren das einzige international bekannte Beispiel. Man musste diese Blockade der öffentlichen Meinung durch etwas brechen, das einem Sympathie verschaffte. Da schlug ich das vor. Ich wusste aber nicht genau, wie das gemacht werden konnte.

Als ich das Konzept der direkten Aktion kennenlernte, hatte es sich ja bereits wie ein Buschfeuer auf andere Bereiche in den USA ausgeweitet. Diese bitteren Aktionen in den Südstaaten waren ja zu Anfang der 60er Jahre gewesen. Dann hatten sich diese Teach-ins auch an den Universitäten im Norden ausgebreitet. Alles, was im Norden passierte, stieß im Rahmen einer liberalisierten Alltagskultur auf sehr breite gesellschaftliche Akzeptanz und führte zu einer allgemeinen Klimaveränderung in den USA. Als ich den Artikel 1965 schrieb, war das schon zu sehen.

Ich fand damals, dass der Ansatz der direkten Aktion eine Erfolgsgeschichte war und dass wir in der Bundesrepublik auch so was machen müssten. Und komischerweise fanden sich dann später auch Leute, die das machten. Die taten es aber nicht genauso wie die Amerikaner oder wie ich es vorgeschlagen hatte. Trotzdem passierte es. Diese Bürgeraktivität wurde dann auch ein Element der Alltagskultur bestimmter Bürgerbewegungen, bis hin zur großen Friedensbewegung. Aber auch zum Beispiel diese Hausbesetzungen, diese jugendlichen Wohngemeinschaften in den 70er Jahren: Dass man das machen konnte, dazu gehörte eine moralische Selbstüberwindung, die vorher nicht existierte.

Wie gesagt, ich glaube nicht, dass all diese Regeln, die ich in meinem Artikel aufgestellt habe, befolgt worden sind. Die direkten Aktionsformen setzten sich erst nach und nach durch. Ich glaube, das geschah mit der sogenannten Schüler-, Lehrlings- und Studentenbewegung, die erst ’66 entstand.

Wie hat man sich denn den Ablauf so einer Aktion vorzustellen? Welche eigenen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe zum Beispiel anlässlich des Besuchs des kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombé 1964 in der Bundesrepublik mit Rundschreiben des SDS die ersten antiimperialistischen Proteste organisiert. Tschombé wurde vorgeworfen, 1961 an der Ermordung Patrice Lumumbas, des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo, beteiligt gewesen zu sein, das bis dato unter belgischer Kolonialherrschaft gestanden hatte. Diese Demonstrationen waren relativ gewaltfreie Blockaden vor den belgischen Konsulaten. Wir haben an vielen Orten in der Republik gleichzeitig Demonstrationen gemacht. Am Tag der Aktion schlug einem das Herz mit einer Riesenangst bis zum Hals. Die Bullen waren mit Schildern und ich glaube mit einem Wasserwerfer aufgefahren und hatten Straßensperren eingerichtet. Sie haben mit dem Schlimmsten gerechnet.

Die Polizei war damals noch nicht gewohnt, mit solchen Aktionen umzugehen, und wusste nicht, was kommen würde. Und wir waren das auch nicht gewohnt. Es bestand das Risiko, festgenommen zu werden. Allerdings war Frankfurt eine liberale, von linken Sozialdemokraten regierte Stadt, die nicht die Absicht hatten, die Situation zu eskalieren.

Keiner der Spieler war das Spiel gewöhnt. Es gab noch keine Spielregeln. Das waren die ersten Experimente. Kaputt gemacht haben wir dabei aber nichts, und das war auch so beabsichtigt.

Wurde denn da auch schon die Medienwirksamkeit berücksichtigt? Die Happenings der Kommune 1 waren ja z.B. sehr spektakuläre Aktionen, die auf eine starke Außenwirkung abzielten.

Ja, aber wissen Sie, diese Medienwirkung, dieses Spektakel, was hat denn das an der Gesellschaft verändert? Was hat das verändert? Die Sponti-Bewegung hat die Wohngemeinschaften eingeführt, die andere Kindererziehung, die anderen Pädagogen, die stärkere Berücksichtigung der Frauen in der Gewerkschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Es gibt eine ganze Reihe von Umgangsformen in der Alltagskultur, die durch die Sponti-Bewegung geschaffen worden sind, und die sind nachhaltig. Das ist nicht alles ideal gelaufen, aber das hat wirklich eine weitreichende Veränderung der Alltagskultur gebracht. Das ist alles nicht durch die Kommune 1 und ihre Puddingattentate zustande gekommen, sondern ist durch eine andere Jugendkultur, durch Partizipationswünsche, durch Toleranzwünsche usw. entstanden. Und unsere Aktionsgruppe gehörte dazu. Wir haben, glaube ich, eher die Sprache der Leute, der Jugendlichen hier gesprochen, und wir haben vor Ort viel Zeit ohne spektakuläres Auftreten verbracht. Ich denke, so ein Medienecho verändert nicht die tiefen Grundströmungen der Gesellschaft, sondern nur die Schaumkrone.

1965 schreiben Sie in ihrem Artikel: „Direkte Aktion beginnt als kleine Politik, beim Engagement im täglichen Existenzkampf, den die Menschen aus Not führen müssen.“

Ja, ich habe mich gefragt: Wo kommen denn die Formen direkter Aktion her? Alltag war damals auch ein Stichwort, der Begriff wurde dann später ein bisschen entpolitisiert. Aber ich glaube, dass man den auch klassenmäßig fassen kann, und in der Alltagskultur gibt es eben Elemente wie beispielsweise Streik. Ein Streik ist ein ganz typisches Beispiel eines gewaltlosen Fernbleibens, mit dem man die Gegner schmerzlich trifft, ohne eine einzelne Waffe zu benutzen. Das ist ein typisches Beispiel für Verweigerungsformen der stillen Art, und Streik ist eine tolle Form.

Oder ’69 in Hannover hatten wir einen großen Straßenbahnenboykott, die Roter- Punkt-Aktion. Da ging es um Straßenbahntariferhöhungen. Da haben die Leute beschlossen, sich morgens vor die Straßenbahnen zu setzen. Das war auch so eine direkte Aktion in der Studentenbewegung, sich vor die Straßenbahn zu setzen, und das war sicherlich aus Amerika entlehnt. Da hat aber die Stadtregierung gesagt, „Ha, jetzt zeigen wir denen mal, wer den längeren Atem hat, und die Straßenbahnen fahren einfach nicht.“ Da dachte der damalige Oberstadtdirektor, er hätte einen Punkt gemacht. Dann haben sich die Leute aber einfach rote Punkte gedruckt, auf ihre Autos geklebt und so signalisiert, dass sie Leute mitnehmen. So wurden die Leute dann statt mit der Bahn in Privatautos zu ihren Arbeitsplätzen gebracht. Da waren die von der Stadt platt. Das ist anscheinend ganz spontan entstanden.

Was ist denn nun eigentlich alles direkte Aktion? In Ihrem Artikel werden ja vor allem Teach-in, Sit-in und Go-in genannt.

Direkte Aktionen müssen mit dem Alltag der Leute zu tun haben und sie müssen mit den gesellschaftlichen Werten ausbalanciert werden. Direkte Aktionen waren demnach ein Pfad zwischen nur Reden ohne Ergebnis und Militanz, die zurückschlägt. Es ging um die Frage, wie man das vermeiden konnte. Der Artikel war auf eine bestimmte gesellschaftliche Situation und auf ganz bestimmte Bedingungen hin geschrieben. Da war erst mal der Habitus der Leute, die das wahrnehmen sollten. Wir wussten sehr viel von der Arbeiterklasse und dass die Facharbeiter außer in Situationen außerordentlicher Zuspitzung und Not nicht für Gewalt waren.

Und wenn man Akzeptanz bei den Arbeitern – nicht bei den Spießern, bei den Arbeitern – finden wollte, dann musste man Respekt vor dem Eigentum, Respekt vor dem menschlichen Leben usw. deutlich zeigen. Und das Zweite war, dass wir die Regeln des Feldes beachten mussten. Die Spielregeln des Feldes waren, dass bestimmte Delikte strafrechtlich verfolgt werden, und wenn man die Spielregeln nicht einhält, schafft man eine illegale Szene. Das ist ja dann der RAF passiert. Also, die Spielregeln des Feldes sind solche der Legalität. Es ist aber nicht wegen der Legalität so gemacht worden, sondern diese direkten Aktionen waren ein Weg, auf dem man noch legal war, aber doch schon provozierte und gleichzeitig die Sympathien der Gruppen fand, die man erreichen wollte. Es kam mir nicht auf Legalismus an, sondern darauf, dass das in der Alltagskultur der Leute Akzeptanz finden konnte.

Sehen Sie im Kontext von heutigen Protestveranstaltungen erfolgreiche Formen direkter Aktion?

Nix Neues, denke ich. Es findet auf einem höheren Niveau statt. Man weiß, dass man spielt, dass das ein Spiel mit Spielregeln ist. Die Beteiligten wissen damit umzugehen, und es gibt auch bürgerliche Stimmen, dass man den Protestierenden doch ein bisschen entgegenkommen sollte. Und dieses Bewusstsein von Spielregeln auch für informelle Protestformen, die gesetzlich nicht so festgelegt sind, das ist eine höhere politische Kultur.
Ich kenne viele vergangene Ereignisse, bei denen man froh gewesen wäre, wenn das so gut gelaufen wäre wie in Rostock, so schlimm das auch immer war.

Aber Sie sprechen nur über die Straße, d.h. die Öffentlichkeit außerhalb der Betriebe, außerhalb der Familien, außerhalb dessen, was man als Privatsphäre oder Besitzsphäre definiert. Die eigentlichen Herrschaftsformen finden dort statt. In der Erziehung, im Bildungssystem, in den Dienstleistungs- und in den Industriebetrieben, da sind die Autoritätskonflikte, da haben die ihr Zentrum. Und was da passiert, ist wichtig. Da ist der Alltag. Der Alltag ist die Arbeit und die Reproduktion des Lebens und der Konsum, die Freizeit natürlich auch, und das darf man nicht vergessen. Und da muss ich gucken, wie die Schulkulturen, die Mitbestimmungskulturen funktionieren.

Sie sind an den Aktionen, die sie erwähnt haben, interessiert, und ich finde die auch nach wie vor wichtig. Aber man darf nie vergessen, dass die Spitze des Eisbergs nicht der Eisberg ist, sondern dass da noch mehr ist. Das ist der Alltag. Und ich denke, dass man das auch nicht idealisieren darf. Das ist keine romantische Sommerliebe, sondern das ist Dicke-Bretter-Bohren, sagte Max Weber mal. Das andere sind noch Illusionen der Jugendphase. Und die meisten kippen dann ja irgendwann um. Dass es aber trotzdem weitergeht, das hilft einem, die Resignation zu vermeiden. Das gibt Perspektiven, da man zeigen kann, dass Bewegungen zyklisch sind. Also, das ist meine innere Moral.

Literatur:
Mills, C. Wright: Letter to the New Left. In: New Left Review No. 5, September-October 1960.
Port Huron Statement of the Students for a Democratic Society, 1962 (Stand: 16.02.2008).
Vester, Michael: Die Strategie der direkten Aktion. In: neue kritik 6 (1965) 30, S. 12–20.



Das Interview ist zuerst erschienen in: Klaus Schönberger / Ove Sutter
(Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein... Eine kleine Geschichte der
Protestformen sozialer Bewegungen. Assoziation A. August 2009. 267 Seiten.

online seit 02.11.2009 14:32:04 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : Interview: Philipp Franz und Ove Sutter




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