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  Anti-Bluff

Intellinke zwischen StellvertreterInnen-Politik und Politik der Ersten Person

1981, Berlin West. Hebt sich der Blick vom Bierdosen- und Kippen- bestückten Asphalt, scheinen die Fassaden der über hundert besetzten Häuser eigene Sprachen zu sprechen, Betonwände zu Transparenten mutiert zu sein. Sag nein zum Salat, Zersetz den Staat, Kein Dialog mit der Macht. Nicht nur die Häuser sind eigen, auch die Sprache ist es, die durch Zigarettendunst, Hundegebell und Kindergeschrei in ringreiche Ohren dringt. Wer gehört werden will, muss brüllen. Und wer noch immer dazu neigt, in der Wortwahl einen akademischen Hintergrund aufschimmern zu lassen, wird sich bemühen, ihn zu verdecken. Der studentische Code, der noch vor wenigen Jahren die Hörsäle und Demoplätze beschallte, hat auf den BesetzerInnenplena Hausverbot.

Die Sprache(n) der Revolte

Mit dem studentischen Code wird auch die Sprache einer anderen Revolte zum Schweigen gebracht, die zu diesem Zeitpunkt gerade mal 13 Jahre alt ist: 1968, als der Zugang zur In-Group noch über die Fähigkeit vergeben wurde, mit elaboriertem Begriffsarsenal die Frühschriften der Frankfurter Schule zitieren zu können, die in braunen Raubdrucken auf dem Campus zirkulierten. Und als, noch unbefleckt vom ersten feministischen Tomatenwurf, die meist männlichen Sprecher des SDS um den längsten Satz wetteifern durften. Lauthals übertönt oder als Kommunistensau angeschrien wird '81 aber auch, wer sich dem Jargon der K-Gruppen verpflichtet hat. Jenen in den 1970er Jahren hegemonial gewordenen dogmatischen Zerfallsprodukten der antiautoritären Revolte, die in ihrem Bemühen, die Oktoberrevolution nachzuspielen, ausgerechnet die Phase der Bürokratisierung wählen. Auch wenn sie sich subjektiv selbstredend in der vorrevolutionären Phase verorten und jede Spaltung (in Mehrheit und Minderheit, Bolschewiki und Menschewiki, versteht sich) als Geburtstunde der eigentlich revolutionären Avantgarde feiern, welcher sie zufällig selbst angehören. Während die 68erinnen, mit Marcuse gestärkt, erwägen, die revoltierenden Studierenden, also sich selbst, zum revolutionären Subjekt zu ernennen, studieren die 81erinnen in den besetzten Häusern nur heimlich und fliegen nicht selten, wenn es auffliegt, raus. Während die Kader der 70er ihre intellektuelle Arbeit in den Dienst des Proletariats stellen, für das und an dessen Stelle sie sprechen, lehnen die Punks der 80er jede Form der Stellvertretungspolitik ab. Und mit ihr auch jede Form zentraler Organisierung. Das bringt sie in Opposition zum Staat und all seinen (auch grünen) Parteien, zumal wenn es, wie in der DDR, nur eine davon gibt. Hier wie im Westen sind es keine groß geplanten Aktionen, keine revolutionären Träume von gesamtgesellschaftlicher Veränderung, die die Ost-Punks, vor allem in Leipzig und Berlin, dazu antreiben, sich die Nase an der grauverstaubten Wand der DDR blutig zu hauen. Hier wie da gilt NO FUTURE als zukunftsweisend, wird die Nichtplanbarkeit im Hier und Jetzt zum Konzept, nur unterscheidet sich das Hier und Jetzt im Hier wie Da. Denn den mit NO FUTURE bestickten Lederjackenrücken einem Staat zuzukehren, der seine Existenz gerade auf eine glorreiche sozialistische Zukunft baut, ruft Reaktionen hervor, die vom prinzipiellen Gaststättenverbot über die Stasibespitzelung bis zur permanenten U-Haft reichen.

Repräsentation vs. Erste Person

Die Unlust an theoretischen Debatten, elaborierten Codes und dem "ständigen Zerreden" setzt die Punks zudem von den staatstragenden Intellektuellen ab, die im Osten unter dem Label der Intelligenz die Aufgabe hatten, Wissen und Kunst dem Aufbau des Sozialismus zu widmen und möglichst viele Arbeiterinnen über Bitterfelder Wege dazu zu bringen, sich ihnen anzuschließen (siehe das Buch "Haare auf Krawall" über Jugendsubkulturen in Leipzig 1980 bis 1991). Das ist dieselbe Tradition, in der auch die K-Gruppen-Kader vor Arbeitsbeginn stehen, wenn sie an den Fabriktoren ihre Flugblätter verteilen, um die Werktätigen über ihre wahren Interessen aufzuklären. "Wenn Intellektuelle anfangen für die Bevölkerung zu sprechen, wird es lustig", schreibt Katja Diefenbach und hätte viel zu lachen gehabt in diesen 70ern, die geprägt waren vom Theater der Repräsentation und der Avantgarde.

Genau hiergegen richtet sich die autonome Politik der Ersten Person. Die Autonomen entstehen aus spontaneistischen Zerfallsprodukten von '68 (Spontis) und vor allem der italienischen Bewegung der Autonomia Operaia, die sich nach Niederlagen in den militanten Fabrikkämpfen frühzeitig auf Hausbesetzungen, proletarische Einkäufe ("Bezahlt wird nicht!") und die Bildung einer Gegenkultur verlegte. Die radikal subjektive Politik der Ersten Person erlaubt es nicht nur, das Private politisch zu artikulieren, sondern verzichtet dabei auch auf jede offizielle Sprecherin: "Es gibt keinen Rudi Dutschke der 81er, auch keinen Che Guevara." Die Wissenschaftlerinnen und Professorinnen dieser Bewegung - es gibt einige - treten nicht in ihren beruflichen Charaktermasken auf, sondern mit Hassi oder Motorradhelm. Etwa im Wald der Startbahn-West des Frankfurter Flughafens, wo sie (strikt in ihren Ortsgruppen organisiert) Verletzte verpflegen, Bullenfunk abhören oder Zäune aufbrechen.

Vom Theorie-Macker zum Praxis-Macker?

Es wäre also zu einfach, den autonomen Hass auf alles Akademische und Studentische als ausschließlich antiintellektualistisches Ressentiment zu identifizieren. Pol Pot, der im Namen des Sozialismus alle Brillenträger Kambodschas erschießen ließ, war kein Punk. Autonome Aneignung von Theorie war nämlich (bei den Autonomen anders als bei den Punks) trotz eines Primats der Praxis keinesfalls durchgängig verpönt, die Unmengen von Flugblättern etwa der Autonomen L.U.P.U.S.-Gruppe oder der Ex-Anti-Nato-Gruppe (nicht selten mit soziologischem Jargon versetzt) zeugen davon. Aber die individuelle Aneignung des sozialen Mehrwerts, der mit intellektueller Arbeit in anderen Epochen in Form eines Statusgewinns einhergeht, wurde durchaus auch gewalttätig behindert. Radikaler als die meisten linken Bewegungen hatten die 81er dieses soziale Kapital enteignet und es durch das Credit-System des Streetfighters ersetzt. Die einfache Formel vom Theorie-Macker zum Praxis-Macker würde aber zwei historische Figuren übersehen. Zum einen die starke autonome Frauenbewegung, an deren Auflösung die queere Bewegung noch heute arbeitet. Ihr strikter Separatismus und moralischer Antisexismus wird leicht nachvollziehbar angesichts der hegemonialen männlichen Subjektivitäten der 1980er, die nicht nur in traditionellen linken Szene- und Antifa- Gruppen heute immer noch fortleben. Und zum anderen wäre da die historische Entwicklung, die die Frauenbewegung selbst durchleben musste. Im Jubiläumsheft zu fünfzig Jahren "Das Argument", welches dem kritisch-intellektuellen Engagement von heute gewidmet ist, berichtet Frigga Haug rückblickend, dass auch sie sich "den Auftrag gegeben" hatte, "den Unteren, den Arbeitenden, dem Volk die Zusammenhänge ihrer Lebensbedingungen zu vermitteln": "Im Falle der Frauengruppe unter meiner Leitung hatte dieses Verfahren des Avantgarde-Bewusstseins zu einer Art Zusammenbruch geführt und schließlich zur Erkenntnis, dass wir alle Kinder der Verhältnisse sind".

Intellektuelle Mehrarbeit

Im Gegensatz zu '68, das mit dem Wort eines seiner zentralen Intellektuellen, Guy Debord, eine, ja, spektakuläre Historisierung erfahren hat, welche einige ihrer spannendsten Momente, wie etwa die revolutionäre Betriebsarbeit, freilich verschweigt, ist '81 bislang zu keiner großen Erzählung geworden. Das mag an der relativen zeitlichen Nähe zu heute liegen, wahrscheinlicher jedoch daran, dass sich die anti-repräsentationale Politik der 80er einer bürgerlichen Geschichtsschreibung versperrt, die an großen Namen orientiert ist. Das mangelnde Interesse der Linken an einem politischen Revival der 81er könnte allerdings noch einen anderen Grund haben - nämlich dass sie, zumal in Berlin, noch immer nicht überwunden sind. In den von den Universitäten relativ weit entfernten Stadtteilen Friedrichshain, Kreuzberg oder Neukölln entsteht nicht nur am 1. Mai zuweilen der Eindruck, die besetzten Häuser seien zwar geräumt und die Lebendigkeit der Szene entschwunden, aber die Masken von Moralismus und mackerhafter Militanz leben auch ohne sie noch fort. In Leipzig dagegen scheinen die 80er der Vergangenheit anzugehören. Selbst in Connewitz, dem früheren Punkerdörfchen, wo sich am Ende des vorletzten Jahrzehnts die wildesten Straßenkampfszenarien abspielten, wirken die wenigen noch erkennbaren Überbleibsel dieser Zeit wie rudimentäre Organe eines längst verstorbenen Tiers. Statt an Steinweitwürfen erfreuen sich nicht wenige der ortsansässigen linken Intellektuellen an unkritischen Rezitationswettbewerben der Kritischen Theorie. Kurz, sie betreten die politische Bühne in den Kostümen von '68, in den verstaubten Talaren eines nicht aus der Mode kommen wollenden männlichen Geschlechts. Diese historische Konstellation verweist auf eine doppelte soziale Arbeit, welche die linke intellektuelle Arbeit begleitet. Neben dem in der Schule und an der Universität fast ausschließlich gelehrten Bluff, der Aufblähung von Intellektualität, jene spezifisch linke intellektuelle Arbeit, die in ihrer Verschleierung besteht, der Antibluff. Mehrarbeit bedeuten sie beide. Aber Kontexte, in denen der Antibluff abverlangt wird, sind - von Kambodscha und Co. abgesehen - in den meisten Fällen vorzuziehen.


Literatur:
Katja Diefenbach: „Total gegen 1968. 35 Jahre Erfahrung in der Schmerztherapie. Houellebecqs verspäteter Hass auf die Mairevolten“
Kursbuch 65. Das große Buch der Revolte 81. Rotbuch Verlag, Berlin 1981
Conny Remath/Ray Schneider (Hrsg.): „Haare auf Krawall. Jugendsubkultur in Leipzig 1980–1991“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2001
Das Argument 280: „50 Jahre Das Argument, Kritisch-intellektuelles Engagement heute“, Heft 1/2 2009



online seit 15.07.2009 16:04:54 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Bini Adamczak + Biene Holme


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1876Engagierte Intellektuelle. Theorie und Geschichte



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