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Linz in Kisten Kulturprojekte und Vergangenheit Bereits 1938 gab es das Vorhaben, Linz zu einer Art europäischen Kulturhauptstadt zu machen. Während den Vorbereitungen um die Abhaltung des Kulturhauptstadtjahrs gibt es nun sehr unterschiedliche Versuche, dieser Tatsache gerecht zu werden. Die Hafenstadt Linz sollte ab dem so genannten „Anschluß“ im Mai 1938 (der in Linz verkündet wurde) zu einem Zentrum der Industrie und Verwaltung, aber auch der Kultur ausgebaut werden. Mit der Gründung des Stahl- und Rüstungsbetriebs „Reichswerke AG” (1) wurde 1937 der Grundstein für die spätere VÖEST sowie die Linzer Chemieindustrie gelegt. Stadtteile wie der Bindermichl oder die Neue Heimat wurden mit Wohnbauprojekten, die bis heute noch „Hitlerbauten” genannt werden, neu erschlossen, um zehntausende IndustriearbeiterInnen unterzubringen. Über 50 Prozent der Beschäftigten waren ZwangsarbeiterInnen, es wurden drei Außenlager des KZ Mauthausen gebaut. Oberösterreich als „Reichsgau Oberdonau“ und „Heimatgau des Führers" erhoffte sich von der nationalsozialistischen Ära einen Bedeutungszuwachs und die Überwindung des Image vom „provinziellen” Linz und Oberösterreich. Diese Aufwertung spiegelte sich vor allem auf der Ebene der Kulturpolitik. Nationalsozialistische Kultur war als Bestandteil der NS-Politik eines der Vehikel, den antisemitischen, rassistischen und deutschnationalen Wahn aggressiv zu demonstrieren und zu verwirklichen. Die Stadt Linz sollte zu einem der größten kulturelles Zentrum der NS-Kultur im „Deutschen Reich“ werden. Im Zuge dessen wurden Projekte wie Museen, ein Opernhaus und zahlreiche repräsentative Bauten geplant. Unter anderem sollte die „größte Kunst und Gemäldegalerie der Welt” entstehen, dessen Bestände die des Louvre in Paris, der National Gallery in London und der Eremitage in St. Petersburg übertreffen sollten. Ermöglicht wurde der Umfang der geplanten Sammlung durch Raub und Enteignung von rund 16 Millionen Kunstgegenständen aus vorwiegend jüdischem Privatbesitz. Es kam allerdings zu keiner dieser kulturellen Neugründungen, Hitlers persönliches Interesse an Linz beschränkte sich eher auf den nostalgisch-biographischen „Heimatstadtmythos”. Als kulturelles Zentrum des „Deutschen Reiches” war München vorgesehen. Entwürfe und Modelle für die Errichtung des erwähnten „Führermuseums”, verschiedener Prachtstraßen und anderer repräsentativer Bauten sind nach wie vor erhalten. Diesen und anderen Resten der nationalsozialistischen Kulturpolitik widmet sich seit 17. September die Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers - Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich” im Linzer Schlossmuseum. Zentraler Inhalt der Ausstellung ist das regionale kulturelle Leben in OÖ während der NS-Zeit, aber auch dessen Einbettung in den damaligen Kulturbegriff. Die Kontinuitäten und Brüche des Kulturlebens und der Kulturpolitik zwischen ´38 und ´45 werden in Beziehung zur Zeit davor und danach gesetzt. Kuratiert ist die Schau von der Historikerin Birgit Kirchmayr, in den Spezialbereichen unterstützt von WissenschafterInnen der Kunst- und Zeitgeschichte. Präsentiert wird in der Ausstellung ausschließlich jene Kunst, die zwischen 1939 und 1944 bei den Ausstellungen des „Künstlerbundes Oberdonau” gezeigt wurde. Die AusstellungsmacherInnen argumentieren dies in einem „Spiegel”-Interview mit dem Hinweis auf die Hegemonie der damaligen Kunstszene: „Die Moderne war in Oberösterreich schon vor 1938 kaum vertreten, ebenso wenig jüdische Künstlerinnen und Künstler”. Weiter gedacht ergibt sich daraus auch: „Bis auf wenige Ausnahmen gab es keine Schreib-, Mal- oder Aufführungsverbote. Es lässt sich somit ein überaus hoher Grad an Kontinuität sowohl vor 1938 als auch zur Zeit nach 1945 im Bereich der Künstlerschaft, aber auch im Bereich der Kulturpolitik konstatieren.” Interessant bei Zeitungskommentaren zur Ausstellung ist, dass immer wieder auf „Hitlers Größenwahn” bzw. “Hitlers Pläne für die Kulturhauptstadt” hingewiesen wird. Diese Diktion holt – trotz eher gegenteiliger Darstellung in der Ausstellung - den Mythos vom „Führer” wieder hervor und klammert das hegemoniale Kulturverständnis aus, das die Ideen der „Kulturhauptstadt des Führers” stützte. ArchitektInnen, PlanerInnen werden hier zu bloßen ErfüllungsgehilfInnen eines Einzeltäters. Im Vorfeld der Eröffnung wurde auch Kritik laut, die vor allem die Wahl des Zeitpunkts für die Ausstellung betrifft, welche Grund zur Annahme gibt, die eher unangenehmen Themen dem offiziellen Start von Linz09 vorziehen zu wollen, sozusagen als „Reinigungsritual“. Die Ausstellung endet im März 2009. Bis auf die heute noch existierende so genannte „Nibelungenbrücke” mit ihren zwei klobigen Torbauten ist kaum eines der in der Ausstellung thematisierten NS-Großvorhaben realisiert worden. Vier für die Nibelungenbrücke geplante Granitstandbilder von Figuren aus der Nibelungensage wurden nicht aufgestellt. Lediglich zwei der Figuren verzierten anlässlich eines Hitler-Besuchs in Form von Gipskopien für kurze Zeit die Brücke. Im Frühjahr 2006 stellte Intendant Martin Heller dann das vom Verein qujOchÖ eingereichte Projekt „Gefallene Helden” vor: Die ReiterInnen sollten wieder auferstehen. Das in Folge heftig umstrittene Projekt soll, nach Gerüchten um eine Absage, nun doch im Mai 2009 stattfinden. Ziel des Projekts ist laut Einreichungstext, eine „kritische Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Denkmälern aus der NS-Zeit” anzuregen. Derzeit läuft die Auseinandersetzung vor allem mit den Erben des Bildhauers Bernhard Graf Plettenberg: „Dass die Kunst unseres Vaters nachgebaut wird, um sie dann zu zerstören, darin können wir überhaupt keinen Sinn sehen“, wird Kuhnhardt von Plettenberg in der „Presse” vom 14. Juni zitiert. Durch die ursprünglich geplante Nachbildung der Skulpturen aus Knochenleim werde ein Eindruck der Fäulnis erzeugt, die Reiter hätten sich im Laufe der Zeit zersetzt, so die Idee qujOchÖs. Eine schreckliche Vorstellung für die Erben des Bildhauers. Diese könnten mittels einer einstweiligen Verfügung die Aufstellung verhindern, bestätigte im Sommer ein Rechtsgutachten. Es werden nun Möglichkeiten erarbeitet, um dieses zu umgehen. Die erwünschte, auch ohne erfolgte Aufstellung funktionierende Diskussion, die geschichtspolitische Auseinandersetzungen sozusagen plastisch greifbar machen soll, ist in ihrer vollen politischen Brisanz ist schon länger im Gange. Inwiefern sie sich in gegenseitigem Kulturszene-Diss erschöpft bzw. an den Plettenberg-Erben als „easy targets” abarbeitet, bleibt abzusehen. Die Kontinuitäten der NS-Zeit in Form verschiedener Kriegerdenkmäler, die in der Stadt zu finden sind, rutschen bei soviel spektakulärer Diskursbildhauerei freilich unter die Wahrnehmungsschwelle. An deren Gegenwart anzusetzen, wäre ja noch ein mögliches Thema spontaner Projekte während des im Umgang mit NS-Themen so routinierten Kulturstadtjahres. Dass sich vergangenen Mai eine weitere Statue als Geschenk Hitlers an die Stadt Linz entpuppt hat und daraufhin abgebaut wurde, ist einem Kunstprojekt zu verdanken, das den Umgang mit Nazi-Relikten thematisiert. „Linz, 18. April 1942. Die Plastik auf der Gugl soll formlos enthüllt werden. Der Führer übergibt sie der Stadt Linz als Geschenk. Linz, 13. Mai 2008. Die Plastik auf der Gugl wird formlos sichtbar gemacht.”, so der Wortlaut eines an der Aphrodite-Statue angebrachten Schilds. Darauf folgende Recherchen des Archivs der Stadt Linz ergaben, dass die Aphrodite ein Zweitabguss aus der Hand des Bildhauers und NSDAP-Mitgliedes Wilhelm Wandschneider ist. Die Stadt reagierte leicht panisch, und räumte die Statue, die seit 1942 friedlich in einem Pavillon im Bauernbergpark auf der Linzer Gugl stand, innerhalb weniger Tage ins Depot. Im Rahmen des Projektes „Hohlräume der Geschichte“ haben Studierende auf den Ursprung der Skulptur aufmerksam gemacht. Renate Herter, Professorin für Bildhauerei und transmedialen Raum an der Kunstuniversität Linz, initiierte das Projekt, das den Umgang mit Relikten aus dem Nationalsozialismus zum Inhalt hat. Dazu forschen die Studierenden der Linzer NS-Vergangenheit nach: der Umgang mit Geschichtsverdrängung in der Denkmalskunst steht hier im Vordergrund. Die in Berlin aufgewachsene Renate Herter weist im Gespräch mit MALMOE darauf hin, dass die tatsächliche Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes nach wie vor eher das Gegenteil einer Selbstverständlichkeit darstellt. Das mittlerweile seit 2002 laufende Projekt soll einen Beitrag zu dieser Aufarbeitung leisten und den Studierenden die Möglichkeit geben, diesbezügliches geschichtspolitisches Bewusstsein in Form von Eingriffen in das Lebensumfeld Linz zu entwickeln. Und was diverse Kontinuitäten des Nationalsozialismus (nicht nur) in Oberösterreich betrifft, so werden die Interventionen hoffentlich so schnell nicht aufhören. (1) Die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring” waren neben der I.G. Farben und den Vereinigten Stahlwerken AG der größte deutsche Konzern während des so genannten „Dritten Reichs”. Der Audioguide zur Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers“ kann unter folgender URL angehört werden: online seit 28.11.2008 16:22:05 (Printausgabe 43) autorIn und feedback : Katharina Morawek Links zum Artikel:
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