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Kulturstadt Flavour

Linz wird Europäische Kulturhauptstadt 2009. Wie es soweit kommen konnte? Bitte weiterlesen.

Das Konzept der „Europäischen Kulturhauptstadt” gibt es seit 1985. Damals formulierte der EG-MinisterInnenrat den Gedanken, die Europäische Union nicht allein auf ökonomischer und politischer Ebene zu vereinen, sondern dabei insbesondere der Kultur eine tragende Rolle zukommen zu lassen. 1990 erhielt überraschenderweise Glasgow (anstatt London oder Edinburgh) den Titel. Für Glasgow war der Titel „Kulturhauptstadt” ein maßgebliches Instrument für den Imagewandel von der „schmutzigen ArbeiterInnenstadt” zur Design- und Architekturmetropole und ein Impuls für Stadtentwicklung und -erneuerung sowie die damit verbundene Etablierung auf der europäischen Kulturlandkarte. Die Stadt gilt heute als Vorreiterin eines neuen Typs der Europäischen Kulturhauptstadt – sozusagen als „best practice”.
Die wachsende Bedeutung des Städte- und Kulturtourismus und der spätkapitalistische Wandel städtischer Ökonomien im Sinne der Entwicklung und Nutzung von kulturellem Kapital katapultierte die „Kulturhauptstadt” in vielen Fällen in die Rolle der „Wirtschaftshauptstadt”.
Um langfristige Effekte dieser strukturellen und räumlichen Entwicklungen zu sichern, verlangen die Einreichkriterien dezidiert die gezielte Einbindung des Festivals in langfristige Strategien der städtischen Entwicklung, die Städte müssen also aktiv in die Planung und Steuerung des Festivals eingreifen, um dies zu gewährleisten.

Die Stadt als Kulturträgerin

Seit Mitte der 1970er-Jahre versucht die ehemalige „Stahlstadt” Linz, sich als „Kulturstadt” zu positionieren. Historische Meilensteine sind z.B. das Brucknerhaus, das Ars Electronica Festival und die Linzer Klangwolke, heute zusätzlich das Festival der Regionen oder das Filmfestival Crossing Europe. Auf der politischen Ebene waren der Europäische Kulturmonat 1998 und vor allem der Kulturentwicklungsplan für Linz aus dem Jahr 2000 die entscheidenden Weichenstellungen auf dem Weg zum kulturellen Standort und definierten den Kurs hin zu einem Kulturverständnis der ökonomischen Umwegrentabilität und der Kulturförderung im Sinne von Imagefaktoren. Parallel dazu organisierte sich sich auch die so genannte freie Kulturszene seit Ende der 1970er-Jahre. Nun wird zwar im Kulturentwicklungsplan, im Entwurf zum Kulturleitbild Oberösterreichs und vor allem im Bewerbungspapier zur Kulturhauptstadt der Stellenwert der “Freien Szene” betont, dies schlägt sich jedoch nicht in einer vermehrten finanziellen Zuwendung nieder: Für den Erfolg des Festivals steht die Kompatibilität zwischen Tourismus, Wirtschaft und (Hoch)kultur im Vordergrund. Kultur wird dabei weiterhin als Produkt, höchstens noch als Trägermedium verstanden und nicht als kritisch-reflexiver Prozeß der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und ökonomischen Realitäten. Die Kritik an diesem Kulturverständnis ist wichtig, der Vorwurf mangelnder Unterstützung der Freien Szene aber ungefähr so kurios wie etwa die Kritik an der “Geschäftemacherei” der Fußball EM, während der AmateurInnenfußball zu kurz kommt. Der Vorwurf seitens der Intendanz, der Szene mangele an Professionalität, wird so auch zu einem, der sich größtenteils zu Herzen genommen wird.

Kritische Positionen zu Linz09 waren von Anfang an stark von einer Kritik an Spektakelcharakter und Hochglanz-Funktion geprägt. Jedoch wurde auch auf die Prozeßhaftigkeit von Kultur hingewiesen, die Wichtigkeit des Nachhaltigkeitseffekts des Kulturhauptstadtjahres betont und Strukturförderungsmaßnahmen eingefordert.

Nun brennen die Maschinen...

Das Verhältnis zwischen dem Projekt Linz09 und den stadtpolitisch Verantwortlichen gestaltete sich währenddessen rücksichts- ja, fast liebevoll: Vor der Bestellung des Intendanten Martin Hellers war das Argument, dass seinen Entscheidungen nicht vorgegriffen werden dürfe. Sobald Teile des Programms feststanden, hieß es, nicht in Programm und Ablauf „hineinregieren” zu wollen. AkteurInnen aus der freien Szene suchten daraufhin die kulturpolitische Auseinandersetzung sowohl mit Linz 09 als auch mittels Forderungen an die Politik. Das Positionspapier „Maschine brennt”, verfasst im April 2008 vom Offenen Forum Freie Szene, versucht die Kritik vieler Kulturschaffender auf den Punkt zu bringen (siehe Interview mit „Linz in Torten” in dieser Ausgabe). Unterzeichnet wurde es von vielen ProtagonistInneninitiativen der Linzer Kulturszene – und zwar sowohl von an Linz09 teilnehmenden Projekten als auch von solchen, die nicht teilnehmen. Im Papier heisst es: „ ... Damit signalisiert die Politik eine Entscheidungsschwäche, die für die Linzer Kunst- und Kulturschaffenden bedrohlich wirkt. Wenn der Linz09-Intendant immer wieder betont, daß er für das Jahr 2009 zuständig ist, stellt sich ein Verantwortungsvakuum für die Jahre davor und danach ein. Die Freie Szene ist sich ihrer politischen Verantwortung bewußt, aber um die Auseinandersetzung führen zu können, braucht es ein Gegenüber, das auch „ansprechbar” ist. Immerhin geht es um eine zukunftsfähige Entwicklung und Sicherung bestehender und künftiger künstlerischer und kultureller Potenziale in der Stadt. Hierfür wird die Verantwortung der Politik eingefordert.” Die Kritik an Linz 09 prallt jedoch an eine Wand aus Watte: Wie so oft bei prestigegeladenen Großprojekten wird eher versucht, sie zu vereinnahmen, als ihr zu entgegnen, ja sie wird zum Qualitätskriterium eines demokratischen Rechtsstaats erhoben und ihr somit der Wind aus den Segeln genommen.

...lasst sie brennen!

Bei einer derartigen Gesprächsverweigerungstaktik seitens des Rathauses bleibt für Teile der Szene zu befürchten, dass sich die kulturpolitischen Standards, die sich Stück für Stück in den Verträgen herauskristallisieren und die vor allem quantifizierbarem Output zur Maxime erheben, langfristig etablieren. Bleibt nur noch, der Hand, die einen (nicht mehr) füttert, mit Biss zu drohen? Nein, die zentrale Forderung des Manifests lautet: Strukturfinanzierung vor Projektfinanzierung und eine Höherdotierung der Fördertöpfe – die in Linz explizit der Freien Szene zugeordnet sind. Hier zeigt sich nicht nur die sozialpartnerschaftlich geprägte Abhängigkeit der Linzer Kulturszene von stadtpolitischer Gunst, auch die Kritik am Konzept der Creative Industries hält sich in Grenzen: jener Kreativ-Ökonomie, die zu Innovationen auf der Ebene der Produkte und Dienstleistungen führen und kleine, feine Kontraste zu Produktkultur und den Massenmärkten der Industriegesellschaft bilden soll. Betont wird allerdings auch, daß Linz09 zwar auf die Produktivität der Kulturszene angewiesen sei, sie aber lediglich als outgesourcte Arbeitskraft betrachte. Stefan Haslinger im Interview mit den Kulturrissen vergangenen Juli: „Für die Politik ist es immer dankbar, wenn Umwegrentabilität und nachhaltige Vermarktbarkeit gleich bei der Projektkonzeption mitgedacht werden, weil sie dann weniger nachdenken muss.”

Was die Frage aufwirft, ob Subventionen überhaupt die geeignete Forderung sind, ist doch Linz wohlwissend sehr stolz auf “seine” Kulturszene, nur eben komischerweise nicht dann, wenns gerade ums gerechte Verteilen geht. Mit „Maschine brennt” hat die so genannte Freie Szene die kulturpolitische Rolle des Forderungen Stellens mit Bravour geübt. Ob es bei dieser Rolle bleibt und auf welchen Wegen andere solidarische Handlungen und Aktionsformen innerhalb der Linzer Kulturszene (und darüberhinaus) passieren könnten, werden die nächsten Jahre zeigen.



online seit 24.10.2008 13:05:45 (Printausgabe 43)
autorIn und feedback : Franziska Dobuševa


Links zum Artikel:
www.kupf.at/node/1844„Maschine brennt”
www.malmoe.org/artikel/alltag/1741Linz in Kisten



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