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Eigentum im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit

Der Konflikt um geistiges Eigentum – so viel sei vorweggeschickt – ist nicht neu, vielmehr ist geistiges Eigentum seit jeher immer wieder auf’s Neue gesellschaftlich umkämpft. Dies liegt an der stofflichen Beschaffenheit der Inhalte, auf die sich das (Eigentums-)Recht jeweils bezieht. Produkte aus geistiger Schöpfung verbrauchen sich nicht durch ihren Gebrauch. Sie sind nicht endlich, in digitalisierter Form (als Text-, Audio- oder Bilddatei) können sie ohne Qualitätsverlust beliebig oft kopiert und benutzt werden. Damit nun das Wissen den MarktteilnehmerInnen durch eine vollständige Eigentumsübertragung nicht entzogen bleibt, es aber dennoch verkauft werden kann, gibt es lizenzrechtlich kodifizierte Zugangsschranken, also die Schaffung von künstlicher Knappheit. Geistiges Eigentum ist damit die adäquate „marktwirtschaftliche“ Lösung für die Kommerzialisierung von Informationen, Wissen, Ideen usw.

Konflikte um geistiges Eigentum stellen sich als Konflikte um den Grad des Zugangs zu den Ergebnissen geistig-kreativer Arbeit dar. Nicht nur das Feld, sondern auch die SpielerInnen sind hier von ganz verschiedenen, höchst widersprüchlichen Interessen durchzogen. Ausgehend von diesem konkreten Begründungszusammenhang werden dann Legitimationen des Privateigentums formuliert, die sich in überhistorischen, überallgemeinen und naturalisierenden Abstrakta ausdrücken. Eine der wirkmächtigsten lautet kurz gefasst: Nur wenn der Mensch die Früchte seiner eigenen Arbeit auch ernten kann, ist er produktiv, denn: nur dann hat er einen Arbeitsanreiz. Nah verwandt damit ist die auch in der öffentlichen Moral tief verankerte „Arbeitstheorie des Eigentums“. Sie besagt, Eigentum werde durch eigene Arbeit begründet. Beides findet Ausdruck im Sinnspruch „Ohne Fleiß kein Preis“ und gipfelt in dessen Umkehrung „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Diese Dogmen können als paradigmatisch für die bürgerliche Eigentumstheorie bezeichnet werden. Sie bestimmen den Alltagsverstand und die veröffentlichte Meinung ebenso wie die bürgerliche Ökonomie und andere Geisteswissenschaften. Sie bilden die legitimatorische Substanz der herrschenden Ideologie, gerade auch im Zuge der weltweiten Durchsetzung der privatkapitalistischen Eigentumsordnung.
Die hohe Motivation vieler Kreativer, obwohl sie die Früchte ihrer Arbeit im klassischen, nämlich monetären Sinne gar nicht hinreichend oder überhaupt nicht einstreichen, ist zwar richtig konstatiert, fordert aber nur die Nennung von Gegenbeispielen heraus.

Voraussetzung Eigentumslosigkeit

Im Kapitalismus, auch im modernen, informationellen Kapitalismus, sind es nicht nur die Kreativen, die die Früchte ihrer Arbeit nicht einstreichen können. Vielmehr ist Eigentumslosigkeit Vieler an Produktionsmitteln die Voraussetzung für das Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise. Nur unter diesen Umständen sind Menschen gezwungen, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen; so finden ArbeitgeberInnen die Ware Arbeitskraft auf dem Markt vor. Was oft als eine in der Natur des Menschen liegende Eigenschaft daher kommt, nämlich dass das Individuum nur arbeite, wenn es die Früchte seiner eigenen Arbeit einstreichen könne, ist Reflex der kapitalistischen Produktionsweise, die die gesellschaftlichen Verhältnisse naturalisiert und sie überhistorisch und allgemeingültig aussehen lässt. Das heißt aber noch lange nicht, dass Privateigentum auch einen Verkauf der produzierten Waren garantiert. Die Individuen sind gezwungen, das, was sie verkaufen wollen, auch eigentumsrechtlich zu sichern. Dies tun sie aber nicht deshalb, weil es in ihrer Natur läge oder weil sie nicht in anderer Weise produktiv wären, sondern weil ihnen die gesellschaftliche Handlungsstruktur, in der sie agieren, keine andere Wahl lässt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Menschen in verschiedenen Weltregionen, Produktionsverhältnissen und Gesellschaftstypen ohne Entlohnung tätig sind. Derzeit werden etwa nach UN-Schätzungen 50 Prozent des globalen Reichtums als unbezahlte Reproduktionsarbeiten erbracht – zumeist von Frauen.

Dass in der aktuellen Debatte um geistiges Eigentum die gleichen, stillschweigenden Vorannahmen zu Eigentum reproduziert werden, nämlich die Perspektive der Warenzirkulation, drückt sich auch darin aus, dass immer nur über geistiges Eigentum geredet wird. Diskutiert wird ausschließlich der Zugang zum bereits fertigen Produkt: zu digitaler Musik, Filmen oder Software, zu Ergebnissen aus der Biotechnologie-Forschung, der Pharmazie etc. Letztlich reduziert sich die Debatte dann nur noch auf ein „mehr oder weniger“ an Zugangsmöglichkeiten als Ergebnis eines weniger oder mehr restriktiven geistigen Eigentums. Die dem zugrunde liegende bürgerliche Eigentumsordnung selbst wird stillschweigend vorausgesetzt bzw. als gegeben angenommen. Sie ist jedoch systemnotwendig für eine Produktionsweise, die davon dominiert ist, dass die Herstellung von Musik, von Geschichten, Software, Medikamenten usw. nur das Mittel darstellt, um aus vorgeschossenem Kapital mehr Kapital machen zu können. Die Produkte werden nicht hergestellt, um vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen (dies würde eine ganz andere Produktionsweise voraussetzen); ihre Herstellung findet nur zum Zweck der Kapitalverwertung statt.

Alternative Modelle?

Alternative Verwertungsmodelle weisen vielfach in eine Richtung, die kurz gesagt „vom Produkt zum Prozess“ gehen. Nicht mehr eigentumsgeschützte digitale Güter sollen verkauft werden, sondern Dienstleistungen „drum herum“. Im Zusammenhang mit technologischer Innovation dehnt sich der Dienstleistungssektor aus, weil immer mehr Waren selbst – einst Bollwerk des Systems des Privateigentums – in reine Dienstleistungen verwandelt werden. Was vormals käuflich war, wird mehr und mehr „zugänglich“. Damit tritt auch der Tausch zwischen VerkäuferIn und KäuferIn, bei dem eine Übertragung von „Eigentum“ stattfinde, zugunsten von „Zugangsgewährung in Beziehungsgeflechte“ zwischen AnbieterInnen und NutzerInnen zurück. Mit der Entwicklung hin zu mehr „Zugang“ zu beispielsweise der „Ware Wissen“ ist allerdings mitnichten das Privateigentum bedroht: Es handelt sich dabei lediglich um eine dem Medium Internet „artgerechte“ Form des Einnahmeund Abrechnungsverfahrens.

Freie Software ist als das Paradebeispiel zu nennen: Ihre Produktionsweise basiert auf offenem Wissen, Kooperation, flacher Hierarchie, Flexibilität, weltweiter Vernetzung, einer großteils unbezahlten Tätigkeit und über weite Strecken ohne Vertragsbindung. Das Produktionsmodell von Open Source bzw. Freier Software nimmt für die Industrie schon länger eine Vorbildfunktion ein.

Koordiniert werden die Teams und MitarbeiterInnen in den netzwerkbasierten Arbeitszusammenhängen nach den Methoden der „indirekten Steuerung“, d.h. es werden nicht mehr wie innerhalb betrieblicher Hierarchien konkrete Arbeitsanweisungen erteilt, für deren Erfüllung dann der jeweils Angestellte seinem Vorgesetzten rechenschaftspflichtig ist. Vorgegeben werden den konkurrierenden Projektteams lediglich die zu erreichenden Ziele. Aus dieser Perspektive betrachtet bedeutet Arbeit für die Beschäftigten in den neuen Arbeitsorganisationen konkret, „als Selbstmanager (...) die Ressource Ich“ zu managen, damit unmittelbar der Schrankenlosigkeit des Verwertungszusammenhanges ausgesetzt zu sein und deshalb „die ständige und endlose Selbst-Ökonomisierung dieses Verhältnisses“ (Wilfried Glißmann) zu betreiben. Dazu passt auch eine Entwicklung in der Musikindustrie, wonach sich MusikerInnen verstärkt gegen ihre Vertragsbindung mit Plattenfirmen wehren und einen direkten Kontakt zu den KundInnen, mithin die Selbstvermarktung via Netz anstreben. Auch die vorgeschlagenen Kriterien, wie unter Verzicht auf Copyright dennoch Geld für Texte oder Musik verlangt werden kann, verweisen auf verschärfte Konkurrenzbedingungen und auf prekäre, weil unverbindliche Arbeitsverhältnisse.

Wie auch immer die Entwicklung ausgehen wird, die Auflösung tradierter Produktionsverhältnisse ist nichts Neues in der Geschichte des Kapitalismus: „Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär (...) Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andere Methoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um.“ (Marx/Engels) Die alte bürgerliche Eigentums- und Rechtsordnung steht also mit einem „freien“ Datenfluss alleine nicht zur Disposition.



Literaturtip:
Sabine Nuss: Copyright & Copyriot - Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus. Verlag Westfälisches Dampfboot, 2006



online seit 02.09.2008 16:37:52 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Sabine Nuss




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