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  Flocki macht Überstunden

Hund und Katz im Postfordismus

Die österreichische Bevölkerung ist geradezu tierfanatisch: Im Schnitt leben in jedem Haushalt drei Tiere (in Deutschland sind es nur etwa zwei). Tendenz steigend.

Die wachsende Tierbegeisterung geht auch mit einer Veränderung des Mensch-Tier-Verhältnisses einher: Die Behandlung von Haustieren wird zunehmend vermenschlicht. Was in Ulrich Seidls Film „Tierische Liebe“ noch als Außenseiter-Phänomen präsentiert wurde, wird mehr und mehr zur Normalität - Tiere werden immer mehr zu PartnerInnen. Werbung für Tierfutter appelliert an die emotionale Bindung zwischen Mensch und Tier. Traditionelle Hundenamen wie Waldi und Bello haben ausgedient, am häufigsten werden heute menschliche Namen wie Rocky, Charly, Senta, oder Ben vergeben. Dienstleistungsangebote rund ums Haustier, vom Friseurladen zur psychologischen Beratung, von der Katzenversicherung bis zur Abschiedszeremonie erfreuen sich wachsender Nachfrage.

Das war nicht immer so. In frühindustriellen Zeiten wurden Hunde in den arbeitenden Klassen hauptsächlich als Arbeitstiere für Zug- und Wachfunktionen gehalten, in Adel und Bürgertum fungierten Rassehunde als Distinktionsvehikel. Durch die fortschreitende Industrialisierung wurde der Hund als Nutztier dann vorübergehend „arbeitslos“, was Raum für die Entstehung eines emotionaleren Verhältnisses schuf, das der Freizeit zugeordnet werden konnte, so der Haustier-Historiker Adrian Franklin.

Die Hundehütte als Lehrerzimmer

Paradoxerweise scheint es aber mittlerweile, als würden gleichzeitig zur fortschreitenden Verpartnerschaftlichung Haustiere wieder verstärkt funktionalisiert werden. Hunden werden laut Umfragen unter Eltern Erziehungsaufgaben für Kinder zugeschrieben – sie sollen den Kleinen Sozialverhalten, Verantwortungsgefühl und Naturverständnis vermitteln, gleichzeitig sollen im Tier-Kontakt emotionale Fähigkeiten geübt werden. Die Palette der Funktionen, die Haustiere erfüllen, reicht vom Kinder-, über den Partnerschafts- bis zum Untergebenen-Ersatz, ja auch zur Kontaktanbahnungs-Brücke auf der Straße. In der Medizin wird gern auf „Tiere als Therapie“ zurückgegriffen.

Viele dieser Entwicklungen haben mit dem zunehmenden Trend zum Alleine-Leben zu tun. Die emotionale Funktionalisierung des Haustiers muss aber auch vor dem Hintergrund ökonomischer Veränderungen verstanden werden. Affektive Arbeit, also die Bearbeitung körperlicher und geistiger Emotionen, spielt eine zentrale Rolle im „Postfordismus“, der heutigen Phase des Kapitalismus, wo Dienstleistungen die Fabriken an die Peripherie verdrängen und andere Arbeitsfähigkeiten gefragt sind. Die Schaffung und Beeinflussung von Gefühlen ist ein Schwerpunkt der Unterhaltungsindustrie, das Gesundheits- und Pflegewesen beruht stark auf einer Gefühlskomponente, und in vielen Dienstleistungsbereichen geht es im wesentlichen um die Produktion positiver Gefühle bei der Kundschaft: Entspannung, Wohlbefinden, Zufriedenheit, Aufregung, Leidenschaft, Gemeinschaft etc. Und auf dem Arbeitsmarkt erhalten soziale Fähigkeiten in vielen Bereichen einen immer höheren Stellenwert. Unter dem Stichwort der „Emotionalen Intelligenz“ verändern sich Erziehungs- und Bildungsprioritäten. Als ProduzentIn affektives Arbeitsvermögen zu üben, und als KonsumentIn für affektive Angebote empfänglich zu sein, bedarf der Schulung, genauso wie der Fabriksarbeiter das frühe Aufstehen und die Nutzung körperlicher Kräfte erlernen muss(te).

Folgt man Donna Haraways Konzeption der Mensch-Haustier-Beziehung als Koproduktionsverhältnis, so ko-produzieren Menschen und Haustiere Gefühle, die menschliche Bedürfnisse befriedigen und emotionale Fähigkeiten für die wirtschaftliche Verwertung trainieren. Insofern ist die „Abrichtung“ eine wechselseitige.

Unter den Menschen führt die steigende Ökonomisierung des Affektiven zu einer Verschiebung der Grenze zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit. Lange Zeit war die Rolle der Gefühlsarbeit den Frauen zugewiesen und wurde unbezahlt im privaten Bereich geleistet. Heute, wo traditionelle Großverbände wie Familie und örtliche Gemeinschaften zunehmend zerbrechen, und diese unbezahlte Reproduktionsarbeit rarer wird, eröffnet sich ein weites Feld für Marktangebote. Dennoch erfährt emotionale Arbeit geringe gesellschaftliche Wertschätzung und auch unter Vermarktlichungsbedingungen wird versucht, diese Arbeit gering oder gar nicht bezahlt anzueignen. In der jüngst ausgerufenen „Pflegekrise“ und anschließenden „Reform“ wurde der in der Regel verschwiegene „Emotions-Imperialismus“ gegenüber schlecht bezahlten und illegalisierten migrantischen Pflegekräften ausnahmsweise kurz zum öffentlichen Thema.

In diesem Kontext eröffnen sich auch für Haustiere Funktionen, die sie zum Teil durch ihnen zugeschriebene Besonderheiten wie authentischer Gefühlsausdruck, vollkommene Abhängigkeit, lebenslange Treue und körperliche Verfügbarkeit besonders gut und günstig übernehmen können.

Streicheln unter Zeitdruck

Ein Blick auf die laut Branchenanalyst Euromonitor am stärksten wachsenden drei Gruppen von Haustierbesitzenden zeigt den engen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit und Heimtierbedarf.

Die erste Gruppe sind alleinstehende PensionistInnen. Sie tragen dazu bei, dass Hunde nach wie vor (neben Fischen und Katzen) unter den Top 3 der beliebtesten Haustiere liegen. Alte Menschen bevorzugen aber kleinere, einfacher zu handhabende Hunde, was zu Verschiebungen zuungunsten großer Exemplare in der Hundepopulation führt.

Die zweite Gruppe bilden junge Berufstätige, die so viel arbeiten, dass sie kaum Zeit für Sozialkontakte haben. Sie halten gern Katzen, weil diese wenig Betreuungsaufwand erfordern. Die dritte Gruppe besteht aus lifestyle-orientierten Singles, die Haustiere als live-in Unterhaltung anschaffen. Sie entscheiden sich gern für Fische, Vögel, sowie kleine Reptilien oder Säugetiere, weil auch diese wenig Zeit und Aufwand erfordern.
Ein System der Lohnarbeit, das Junge überbelastet und Ältere gänzlich aussondert, weil mit der Lohnarbeit auch soziale Kontakte wegfallen, liefert also einen wesentlichen Beitrag zu Ausmaß und Ausprägung der Haustier-Nachfrage.

Der Wandel zum partnerschaftlichen Verhältnis stellt Anforderungen, die wegen der gleichen Faktoren, die den Trend fördern, immer schwerer zu erfüllen sind. Mit der partnerschaftlichen Verantwortung gegenüber dem Tier setzt auch schlechtes Gewissen ein, wenn (zumeist arbeitsbedingt) zu wenig Zeit zur Beziehungspflege bleibt. Mittlerweile scheint sich im Verhältnis von Mensch und Haustier abzuzeichnen, was die Soziologin Arlie Russell Hochschild im Verhältnis von Berufstätigen und Familie konstatiert hat: Dass die wachsende zeitliche und emotionale Bindung an die Arbeit dazu führt, dass die privat zu Hause verbrachte Zeit einer immer strengeren Rationalisierung unterworfen wird.

Dass die Menschen immer mehr Geld für Spielzeug und besondere Leckerbissen ausgeben, um für ihre Abwesenheit zu entschädigen, ist dafür ein deutliches Zeichen. Der Trend zum Kauf von Tieren, die wenig Betreuungszeit erfordern, ist ebenfalls Beleg, dass die Reproduktionszeit im Emotionskapitalismus unter Rationalisierungsdruck steht.

Die idyllische Symbiose bleibt also von Spannungen nicht verschont. Die veränderte Beziehung zwischen Mensch und Haustier eröffnet insbesondere drei Konfliktfelder: Die Frage nach Tierrechten; die Ausbeutung der Beziehungen durch Dritte; und der Kampf um die Bewältigung der Nebenfolgen der Verbreitung von Haustieren.

Rechte für Rex?

Was bedeutet die emotionale Nutzung der Tiere für das Verhältnis von Mensch und Tier? Wie verträgt sich die Verpartnerschaftlichung mit dem hierarchischen Verhältnis von Herr/Frau und Hund/Katz?

Da die beliebte Horrorfilm-Fantasie eines organisierten Aufstands der Tiere Fiktion bleiben dürfte, bleibt das Feld der Tier-Interessensvertretung der Stellvertreterpolitik überlassen. Hier sind die Tierschutz- und Tierrechts-AktivistInnen unterwegs. Die Tierrechts-Bewegung der letzten Jahrzehnte speist sich grob gesagt aus zwei unterschiedlichen Hauptströmungen:
Ein starkes Tierrechts-Motiv entspringt der Nachfolge der sozialen Bewegungen (gegen Ausbeutung und Patriarchat, für Menschenrechte) seit den 60er Jahren, und der Logik einer fortschreitenden Ausdehnung der Forderung nach Rechten.

Ein anderes, dem oben genannten diametral entgegen gesetztes Motiv speist sich aus einem Verlust des Glaubens an den Menschen und an menschliche Utopien. Die Kritik an sozialen Zuständen schlägt hier in Misanthropie um. Der Mensch wird als zerstörerische Kraft wahrgenommen, vor dem die unschuldige Flora und Fauna geschützt werden muss. Tierliebe und Menschenfeindschaft gehen hier häufig Hand in Hand.

Tierrechts-Argumente führen in ein Dickicht von hochproblematischen Fragen um die Abgrenzung von menschlichem Leben. Doch ihr Einfluss schlägt sich in wachsendem rechtlichen Stellenwert von Tierschutz nieder.

Die wachsende gesellschaftliche Bedeutung des Tierschutzes wird von HaustierhalterInnen widersprüchlich aufgenommen, da Tierschutz konsequenterweise auch mit Einschränkungen für die Haustierhaltung verbunden ist. Jüngste aufsehenerregende Neuerung: In der Schweiz haben Wellensittiche und Meerschweinchen künftig Recht auf einen Partner. Private Hundehalter müssen ab 2010 einen Theoriekurs besuchen. Und es gibt Vorschriften für die Haltung von Katzen und Fischen.

In Österreich ist man einstweilen noch zögerlicher: In Wien wurde etwa mit dem Wiener Tierhaltegesetz im Herbst 2005 ein Hundeführerschein eingeführt – allerdings nur freiwillig. Auch im TV dominieren in Österreich noch Tier-Dokus und Haustiervermittlung. In deutschen Tiersendungen hingegen wird falsche Tierhaltung bereits zum nächsten Anlass, um der Unterschicht eine schulmeisternde Nanny mit Kamerateam ins Haus zu schicken.

Jagd auf Gefühle

Die Abwärme der im Mensch-Tier-Verhältnis produzierten Affekte ist Versuchen kommerzieller und politischer Vereinnahmung ausgesetzt. In Österreich ist die einflussreiche Kronen Zeitung diesbezüglich an vorderster Front im Geschäft. Der Tierschutz, von Kolumnistin Maggie Entenfellner im Blatt, im Web und einer Sendung im öffentlichen Rundfunk inszeniert, verhilft dem Medienunternehmen zu Millioneneinnahmen - von der Leserzuneigung bis zu großen Erbschaften, die ihr zu diesem Zweck vermacht werden, wie Hans Dichand in der Dokumentation „Tag für Tag ein Boulevardstück“ verrät. PolitikerInnen versuchen sich als TierfreundInnen medial zu inszenieren. Und alles trägt bei zur Vision von einem idealisierten naturhaften Nationalbild, in dem abweichende Meinungen und Identitäten stören.

Das ist kein Einzelfall: Der Postfordismus verkleidet sich heutzutage generell in süßen Tierkostümen, und hüpft als Klingelton-Schnuffel durchs Werbefernsehen, wenn er nicht grad als Eisbärbaby oder Problembär die Herzen der Nation in Bann schlägt. Die Unschuld der Pfötchen ist ein gern genutztes Legitimationsmittel für ökonomische und politische Interessen.
Die Soziologin Frigga Haug ortet in der Hysterie um Eisbär Knut ein allgemeines, ungerichtetes Liebesverlangen in den Menschen, eine Bereitschaft, sich anrühren zu lassen, eine Hoffnung, dass ein gemeinsames gutes Leben möglich sei und die Menschen ihr Gemeinwesen gestalten können. Vielleicht aber ist es gar kein Zufall, dass Tiere als Emotionsmagneten funktionieren, und vielleicht ist das Begehren der Menschen nicht so völlig ungerichtet, sondern Ausdruck aktueller gesellschaftlicher und ökonomischer Verschiebungen, in denen dem Tier eine zentrale Rolle zukommt.

Wer putzt das Klo?

Wenn der sich auf Tiere stützende Emotionssektor zur expandierenden Speerspitze des Postfordismus und seiner Leitkultur der immateriellen Arbeit wird, sollten eigentlich sich daran anlagernde soziale Bewegungen nicht weit sein. So gesehen könnte für dieses Segment eine Parallele zwischen der Tierrechtsbewegung und den Wohlfahrts- und Stellvertreterinstitutionen der Arbeiterklasse im Industriezeitalter gezogen werden. Nach der Integration der Arbeiterbewegung in den Kapitalismus waren es in der Blütezeit des Industriesystems in den 60er/70er Jahren in Westeuropa dessen Nebenfolgen, die Ausgangspunkt für ein Wiederaufleben der Kritik wurden: Die Kritik an den Umweltschäden und den sozialen Folgen des Wirtschaftens rief soziale Bewegungen auf den Plan. Auch dafür drängt sich eine Parallele im Tier-Emotionsökonomie-Komplex auf.

Es ist der Hundekot, den der Emotionskapitalismus als auffälligste unerwünschte Nebenfolge produziert. Und dieser ist es, um den sich die heißesten städtischen Kämpfe der letzten Jahre in befriedeten Metropolen wie Wien drehen. Lange Zeit ein vieldiskutiertes, aber ignoriertes Problem, gewinnt seit ein, zwei Jahren langsam die Front der Hundekot-KritikerInnen Terrain. Denn hier verdichten sich eine Reihe von Konfliktlinien: In Zeiten apokalyptischer Überalterungs-Warnungen geraten die Alten, deren Bedürfnisse lange die Stadt dominierten, gegenüber Eltern und Kinder in die Defensive. Außerdem sehen Projekte städtischer Säuberung und Gentrifizierung in einem Hundekot-übersäten Straßenbild ein Indiz der Verwahrlosung.

Die Anti-Hundekot-Initiativen zielen auf Verantwortung der Hundebesitzenden, was den Raum öffnet für eine breitere Debatte über die Verteilung von Rechten auf Achtung, Aufmerksamkeit und Zuwendung, und die Verhältnisse zwischen Menschen im Kontext der Affektökonomie, und der Nutzung des öffentlichen Raums. In einer Gesellschaft, in der Individualisierung immer öfter Isolation statt Entfaltung bedeutet, und die die Bewältigung der daraus resultierenden Probleme individueller Haustierbeschaffung überlässt, ist die Frage der Beseitigung von Exkrementen potenziell mit sehr grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen verknüpft. So wie es der Umweltbewegung zu Anfang nicht nur um die Frage der Verantwortung für Umweltreinigung, sondern um die grundsätzliche Befragung der herrschenden Wirtschaftsweise ging. Vielleicht könnten demnach Tiere als Schmiermittel nicht nur zur privaten Gesprächsanbahnung im Park, sondern Anstoß für gesamtgesellschaftliche Diskussionen werden?



online seit 21.07.2008 10:45:52 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Beat Weber


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1658MALMOE-Schwerpunkt "Tiere, Repression und Emotionskapitalismus"



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