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  Kritik ist zunächst immer Kritik im Handgemenge

Eine persönliche Stellungnahme zum Platz der Kritik im alltagspolitischen Handeln

Es gibt keine Kritik in einem gänzlich herrschaftsfreien Raum. Genauso wenig kann Kritik das Handwerkszeug bieten, eine positive Utopie zusammenzubasteln. Kritik ist die Negation der herrschenden Verhältnisse, Verhältnisse, die aber unser Sein und unser Bewusstsein nach wie vor durchziehen. Somit wird klar, dass Kritik auch die Kritik der vorgefertigten Lösungen und der reinen Lehre(n) ist. Keine Kritik ist unversehrt. Das heißt aber keineswegs, sich bescheiden – oder arrogant und abgeklärt – zurückzuziehen und vor der eigenen Verstricktheit in die Gefüge der Macht zu resignieren oder selbige zu verdrängen. Was nämlich sehr wohl existiert, sind Risse und Spalten, die die Logik der Herrschaft praktisch in Frage stellen und in denen Menschen zum Ausdruck bringen, dass eine andere Welt möglich ist!

Kritik im Handgemenge bedeutet dabei vor allem auch, keine Angst vor den Widersprüchen zu haben, die in diesen Versuchen, Ausbeutung und Unterdrückung zu überwinden, notwendiger Weise enthalten sind. Das heißt nicht, in Beliebigkeit zu verfallen, sondern fragend voranzuschreiten und die eigene Diskussions- Kritik- und Urteilsfähigkeit über das, was als emanzipatorisch erachtet werden kann, wachzuhalten.

Zwei Felder des politischen Handelns, die für meine Praxis der Kritik wichtig sind, seien hier prinzipiell unterschieden:

Erstens das Finden von emanzipatorischen Formen des Zusammenlebens – die Revolutionierung des Alltags. Aus den sehr unterschiedlichen Ansätzen und Bereichen möchte ich diejenigen hervorstreichen, die für mich in diesem Feld momentan am relevantesten sind: Linke kollektive Wohnprojekte am Land und in der Stadt, selbstverwaltete Genossenschaften und alternative Ökonomie, globale Netzwerke linker Basisgruppen, die sich solidarisch aufeinander beziehen, sowie das Entwickeln von emanzipatorischen Freundschaften und Liebesbeziehungen (Stichwort Kritik der bürgerlichen Familie und der romantischen Zweierbeziehung).

Als zweites Feld politische Intervention und Solidaritätsarbeit: Das bedeutet, als radikale Gruppe oder aber in breiten politischen Bündnissen in die Realität kapitalistischer Ausbeutung, sexistischer oder rassistischer Unterdrückung etc. zu intervenieren und mit denjenigen solidarisch zu sein, die unter Umständen nicht die gleiche Möglichkeit der Mobilisierung der eigenen und kollektiven Kräfte für Kritik und Widerstand haben bzw. gegen besondere Repression kämpfen: Solidarität mit Illegalisierten, mit Aufständischen in einer bestimmten Region, mit Streikenden in
einem bestimmten Betrieb etc.

Ich verstehe diese beiden Handlungsfelder nicht als voneinander getrennt, sondern einander bedingend: Ausschließliche Politisierung und Kritik im eigenen (szeneinternen) Umfeld läuft Gefahr, sich in Selbstbezüglichkeit und Nabelbeschau zu verlieren, ausschließliche Intervention in Bereiche, die nicht unmittelbar das eigene Leben betreffen, wird zum FunktionärInnentum und läuft Gefahr, sich der eigenen Position im gesellschaftlichen Prozess nicht bewusst zu werden (bedingt durch class, race, gender...).

Bei beiden Handlungsfeldern ist es wichtig, zwischen Nah- und Fernzielen zu unterscheiden. Revolution soll als Prozess und nicht (ausschließlich) als Ereignis verstanden werden. So können Verbesserungen in Richtung Emanzipation erkämpft werden, ohne das langfristige Ziel, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, aus den Augen zu verlieren.

Beim ersten wie auch beim zweiten Feld politischen Handelns, die ich hier unterscheide, sind Widersprüche inhärent. Sie kritisch, lustvoll und mit frohem Mut emanzipatorisch zu wenden, ist die Aufgabe, die sich immer wieder neu stellt. Dafür braucht es vor allem auch eine vielfältige und rege Debatte innerhalb der Linken, eine Vielzahl an belebten selbstverwalteten Freiräumen, gute Bücher sowie Praxis, die Mut und Spaß macht.



online seit 07.07.2008 11:03:32 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Dieter A. Behr


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1623Kritik der Krise oder Krise der Kritik



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