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  MALMOEs EM-Tabellenführung

Spiel 29: "Stell dir vor, es ist Halbfinale und keine/r sieht’s" bzw. "Das vermeintlich Böse"

Gast-Tabellenführerin: Daniela Koweindl

Aufwärmen: Auftakt um 19:15 – Türkei-Fans ziehen quasi vor meinem Wohnzimmerfenster vorbei, von Ottakring Richtung Fanzone am Ring. Soweit nichts Neues, aber diesmal in Fan-Choreografie: Schlachtlied singen, ein paar Schitte vor, stehen bleiben, Faust nach oben, Türkiye brüllen, in die Hocke gehen und gleich noch mal von vorne… Ob sie in diesem Tempo den Anpfiff verpassen? 19:30 Suchspiel: Wer kann und darf für die Türkei auf den Rasen? Wie löst Teamchef Fatih Terim den „Personalnotstand“? Wer hilft beim „Spielerrekrutieren“? 20:00 letzte Telefonate: Wo das Spiel ansehen?
Spiel: Türkei – Deutschland in Basel
Sender: in der ersten Hälfte ZDF, in der zweiten Hälfte ORF 1 und – aus Verzweiflung – Ö3
Verpflegung: Ratatouille und Stiegl (mit Türkei-Stöpsel…)
Persönlicher Favorit: Türkei
Tipp: 0:0 und nach der Verlängerung 17:1 für die türkische Mannschaft, die kein Tor vor der 119. Minute schießt. Wie sagte Trainer Fatih Terim? „Wir haben bereits mehrfach gezeigt, dass wir das Unmögliche möglich machen können.“
Pause: Ortswechsel
Kabinenpredigt: Beten hilft nicht. Und dass türkische Fußballfans in Basel während (!) dem Spiel in einer der Fanzone nahegelegenen Moschee für einen Sieg gebetet hätten, kann wohl auch nur einem ORF-Moderator einfallen…
Schönster Mann am Platz: Weiß jemand, ob Buffon heute als Zuseher im Stadion war?
Bester Mann am Platz: Kazim Kazim
Schlechtester Mann am Platz: Fatih Terim, als er nach dem 1:0 für die Türkei keine Miene verzieht und kaum anders dreinschaut als Joachim Löw. Zugegeben, am Hüpfen und sonstiger Körpersprache war das Tor sehr wohl abzulesen.
Nervigster Mann am Platz: Die Person, die vergessen hat, einen Blitzableiter auf die Equipment-Liste zu setzen!
Schönste Szene: Die Freude nach dem 2:2. Auf dem Rasen und vor dem TV! Haha!!!! Wieder alles offen und nur noch 5 Minuten zu spielen. Wenn das nicht für einen Sieg alla Türkiye reicht... reichen hätte müssen...
Bitterste Szene: Schlusspfiff. Und die Türkei war noch nicht fertig.
Lustigste Szene: Das erste Tor der Deutschen: Merkel ist auf der VIP-Bühne weit und breit die Einzige, die sich spontan erhebt. Blick nach links und rechts. Nachdem alle anderen hocken bleiben, setzt auch sie sich gleich wieder nieder. „Niemals die Kontrolle verlieren!“
Männlichste Szene: Welches Rumpelstilzchen war heute näher an einem Herzinfarkt – Löw oder Terim?
Stimmung: Während dem ersten oder dem zweiten Senderausfall?
Randnotiz: Um kein Klischee auszulassen: Ordnung ist das halbe Fußballleben. Gleichgültig, ob Kommentator (ZDF über die Deutsche Mannschaft nach Kazims Schuss an die Latte: „Die Ordnung geht völlig verloren. Oder besser gesagt, sie war noch gar nicht da.“) oder Spieler (Lahm: „Wir haben kein gutes Spiel gemacht, aber ein ordentliches.“).
Bummerl: Für Hansi Müller, der im EM-Studio nach dem Spiel mindestens zweimal (und unwidersprochen) von Russland oder Schweden (!) als möglichem Deutschland-Gegner im Finale spricht. Und ein Bummerl für alle ORF-Moderatoren, die jedes Mal bei der Erwähnung von türkischen Fans noch im selben Atemzug hinzufügen müssen, dass alles ganz ruhig und friedlich ist.
Zuckerl: Bald ist es geschafft, und diese EM ist zu Ende.
Zitat: Philipp Lahm im Interview nach dem Spiel zu einem Abwehrfehler: „Das darf nicht passieren, so einen Zweikampf zu verlieren. Wenn, dann muss man ein Foul machen.“
Ergebnis: Angeblich 2:3 für Deutschland. Das 2. Tor der Deutschen hat – wie kann heutzutage eine Liveübertragung noch wetterabhängig sein!??!!? – niemand gesehen. Ich erkenne dieses Tor nicht an! Und auch der 3. Treffer der deutschen Mannschaft fiel zu einem Zeitpunkt dubioser Sendestörungen: Nur Bild, kein Ton. Bilder lügen!
Nachspiel: Fehler. Wer hatte Schuld an der „weltweiten“ Übertragungspanne? Wien. Und wer hatte den Plan B? Schweizer Fernsehen und Al Jazeera, die angeblich als einzige eine Direktleitung vom Stadion hatten. Und wie hat der ORF ad hoc informiert: „Die Leitung aus dem Burgtheater ist leider unterbrochen“, gefolgt von „Die Leitung aus Basel ist leider unterbrochen.“
E-Mail: Sehr geehrter Herr Innenminister der Bundesrepublik Deutschland! Vor dem EM-Spiel Türkei gegen Deutschland hat das ZDF von einem Anruf der Deutschen Soldaten in Afghanistan berichtet und dass mehrere Tausend deutsche Soldaten dieses EM-Spiel verfolgen würden. Waren die Soldaten in Afghanistan auch vom Sendeausfall betroffen? Oder konnte sogleich Al Jazeera den Fernsehabend retten?
Versendet an: poststelle@bmi.bund.de


Spiel 29: Das vermeintlich Böse

Gast-Tabellenführer: Martin Wassermair


Aufwärmen: Um für die Angst all jener, die mich an dem bevor stehenden langen Fußballabend und auch danach mal wieder nicht verstehen werden, einfühlsames Verständnis zu entwickeln, suche ich das vermeintlich Böse wenige Minuten vor dem Anpfiff an dem Ort auf, an dem ich die Fratze der so oft gescholtenen Widerwärtigkeit anzutreffen vermute. Im Internet, unter der digitalen Anschrift der deutschen Bild-Zeitung. Das Portal wirbt neben blanken Busen auch mit einem Entlastungsgerinne boulevardesker Fankultur, einem Online-Spiel, bei dem Mozartkugeln in die Löcher des Emmentaler Käse zu schießen sind. Das Spiel erinnert an die vor Jahren so erfolgreiche Mohrhuhnjagd – ein Torwandschießen schweiz-österreichischer Stereotype. Ich jedenfalls habe nicht ein einziges Mal getroffen. Also wird Platz genommen. Vor dem Fettscreen!
Spiel: Semifinale Deutschland – Türkei in Basel, St. Jakob-Park (gilt der hier angesprochene Heilige nicht auch als vatikanischer Bewährungshelfer aller Büßer und Büßerinnen?)
Sender: ZDF; Béla Réthy kommentiert die Begegnung.
Verpflegung: Grieskirchner Bier. Pils aus der Flasche, um ganz genau zu sein.
Persönlicher Favorit: Deutschland. Wer sonst?
Tipp: Knapper Sieg für Jogi Löws Truppe.
Pause: 15 Minuten für das Zurechtlegen einer Verteidigungsstrategie, wie der Applaus im Falle des erhofften deutschen Sieg vor der Welt und vor der Geschichte zu rechtfertigen ist.
Kabinenpredigt: Jogi Löw! Irgend so ein Dussel von der Bild will im Falle des Sieges Portraits der Spielerfrauen bringen. Er meinte: Aber nicht immer nur Blondinen! Miro, Schweini, Lahm, was fällt euch dazu ein? Sollten wir nicht verweigern und statt dessen der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar für das Feuilleton anbieten, wo wir als Mannschaft ein für allemal die letzten Zweifel am linksrheinischen Charakter unserer Spielzüge beseitigen? Bis zum Schlusspfiff ersuche ich um erste gedankliche Textentwürfe.
Schönster Mann am Platz: Christoph Metzelder, obwohl sein unrasiertes Äußeres den Eindruck vermittelt, als hätte er als Darsteller bis kurz vor Spielbeginn an den Dreharbeiten zu Wolfgang Petersens WK2-Drama "Das Boot" mitgewirkt.
Bester Mann am Platz: Der Flitzer. Wiewohl nicht nackt (ist die völlige Entblößung nicht eigentlich Voraussetzung, um als Flitzer bzw. Streaker durchzugehen?), konnte die UEFA sein kurzes Aufscheinen auf den Bildschirmen nicht unterdrücken.
Schlechtester Mann am Platz: Schiedsrichter Massimo Busacca. Unparteiisch sieht anders aus.
Nervigster Mann am Platz: Heinz-Christian Strache vertritt die Meinung, die Türkei habe bei der Euro 2008 nichts verloren. Platzverweis für den FPÖ-Chef!
Schönste Szene: Das Schweizer Fernsehen und Al Jazeera trotzen Blitz und Donner.
Bitterste Szene: Mattscheibe, Bildausfall! Und schon wieder Alexandre Fourtoy, der Verantwortliche der UEFA-Medientechnologie. Er hatte das Übertragungszentrum IBC in Wien nicht im Griff, wird aber bei Copyright-Missachtung weiterhin strenge Hand anlegen.
Lustigste Szene: Der Schlusspfiff. Es ist geschafft!
Stimmung: Sitze in den familiären vier Wänden nach 60 Minuten alleine vor der Glotze. Somit gibt's in Fragen der Anhängerschaft auch keinerlei Widersprüche. Also jetzt umso munterer drauf los: Lukas Podoooolski!
Randnotiz: Populärmedizinische Informationsdienste erteilen im Hinblick auf situationsbedingte Angststörungen und Panikattacken gerne die Auskunft, dass wegen deren Heftigkeit die Betroffenen oft irrtümlich glauben, ihre Symptome würden von der ganzen Umwelt wahrgenommen, was zusätzliche Ängste auslöst. Tatsächlich jedoch bemerken höchstens aufmerksame Beobachterinnen und Beobachter die zumeist sehr unspezifischen Symptome wie Blässe, Erröten, Zittern oder Schwitzen. Also keine Angst vor einem deutschen Europameister 2008. Das schadet der Gesundheit!
Bummerl: Philipp Lahm beim 2:2. Oder war das beabsichtigt, um den großen Showdown einzuleiten?
Zuckerl: Philipp Lahm beim 3:2 in der 90. Minute. Baklava in Schwarz-rot-gold!
Zitat: Béla Réthy: "Semih sucht den direkten Kontakt zur Rippe des Bremers (Thorsten Frings, Anm)."
Ergebnis: 3:2 für Deutschland
Nachspiel: Niemand will in Schönheit sterben. Dann schon eher mit Patzern ins Finale!
E-Mail: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Alfred Gusenbauer,
eigentlich wollte ich Sie am 2. Juli schon zu Beginn des mittlerweile zur Tradition gewordenen Kanzlerfests fragen, das Sie diesmal unter das Motto "Wege und Begegnungen" stellen wollten. Nun aber wurde die Party kurzfristig abgesagt. Blöd gelaufen! Mir ist nämlich nicht entgangen, dass Sie am Freitag, 27. Juni 2008, dem Präsidenten der UEFA das Ehrenzeichen der Republik Österreich für Verdienste um die Republik Österreich überreichen werden. Eigentlich war Michel Platini ja ein großer Star unserer Jugend. Mein frankophiles Herz schlägt heute noch höher, wenn ich an seinen Europameister-Titel 1984 denke. Die neun Tore sind für immer in die Erinnerung eingemeißelt. Nun aber hat der dem Fußball mit Geldgier und Trademark-Monokultur die Seele geraubt. Von welchem Nutzen ist das für Republik Österreich? Und welcher Teufel hat Sie geritten, ihn nun dafür auszuzeichnen?
Versendet an: bundeskanzler@bka.gv.at


online seit 26.06.2008 13:44:36
autorIn und feedback : alltag




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