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Kritik der Krise oder Krise der Kritik „Ich möchte, dass ihr kritische Bürger werdet, die Dinge hinterfragt.“ Ungefähr so beschwor vor etlichen Jahren uns pubertierende Jugendliche eine Lehrerin und ließ dabei erkennen, dass es sich um ein ihr zentrales Anliegen handelt. Erstaunlicherweise ist dies einer der wenigen Sätze von Seiten der Unterrichtenden, die mir aus der Schulzeit in Erinnerung blieben. Kritischer Bürger. Was für eine erhabene Aufgabe. Manchmal halte ich es einfach für einen Irrsinn, lächerlich, gleichzeitig für wichtig, wenn es um die Haltung, die eigene Stellung geht, um nicht alles ins Leere laufen zu lassen. Denn die Kritik ist genau der Bruch, eigentlich das Brechen mit einer Autorität, einer Wahrheit. Sie zeigt ein Verhältnis auf – sie scheidet und trennt. Was läuft ab in dieser Gesellschaft – so nicht! und dies kann natürlich auf den verschiedensten Ebenen vollzogen werden – Kultur, Politik, Erkenntnis usw. Die Kritik ist dazu das notwendige Werkzeug (für Marx war sie noch eine Waffe - aber klar: every tool is a weapon if you hold it right), aber noch nicht das neue, durch die Kritik veränderte Ding (wie die Lehrerin es so schön bezeichnete). Die kritischen BürgerInnen. Das klingt nach aufgeklärten Bürgertum. Nach kritischen StudentInnen, kritischen KünstlerInnen (usw.), wobei das kritische zu einem Attribut verflacht, das je nach Belieben mit fleißig, kommunikativ, pünktlich,… ausgetauscht werden kann. Zwischen diesen beiden Polen, der Kritik als Norm und als Antinorm, als weitere Stütze einer Wahrheit und als Säge jeglicher Stützen, als sein oder werden wird sich der folgende Text bewegen. Betrachten wir die etymologische Bedeutung von Kritik, stossen wir auf das griechische kritikos, das Tätigkeiten wie schneiden, trennen und entscheiden bezeichnet und auf die „kritischen“ Tage, die Tage der Krise einer Krankheit, Bezug nimmt. Also dort, wo es sich entscheidet: Genesung oder Tod. Die Frage, die im Titel angedeutet wird, will wissen, ob nicht gar die Kritik selbst in eine Krise geraten ist. Im 16. Jahrhundert vollzieht sich ein begrifflicher Bedeutungswandel. Kritik wird primär als Textkritik verstanden. Es geht dabei um nicht weniger als die Neubewertung der heiligen Schriften. Diese wurden nicht mehr nur kommentiert, sondern kritisch gelesen. Mit Hilfe des vernünftigen Urteilsvermögens wurden allgemein gültige Wahrheiten, die über Jahrhunderte dogmatisiert wurden, in Frage gestellt. Die Reformation kann daher als ein politischer Ausdruck der einsetzenden Textkritik verstanden werden. Als ein Schnitt in ein vorherrschendes Wissen- Macht Gefüge. Durch die Kritik wurde ein Urteil über eine Autorität, die göttliche Welt auf Erden, gefällt und ihr die Deutungshoheit entzogen. Sie schuf dabei keine neue Wahrheit, sondern ist eine Methode jedwede zu hinterfragen. Ideal für jede Konfrontation spielte sie nicht nur den Protestanten in die Hände, sondern gleichsam den Katholiken. Jedoch als Methode mit dieser Sprengkraft erkannt, fand sie immer weitere Verbreitung. Reinhart Koselleck beschreibt in seiner Dissertation „Kritik und Krise“ sehr schön, wie die Kritik auf das Feld der Politik, auf den Staat überschwappt. Zunächst - wir befinden uns hier im 18. Jahrhundert - galt es noch mehr, die Fragen der Erkenntnis neu zu bewerten. So ist nach Kant die Vernunft nicht nur kritisch, sondern kann durch Selbstkritik auch ihre eigenen Grenzen erkennen. Aber auch die Kunst wurde der Kritik unterzogen, jedoch nicht nur nach einem ästhetischen Ideal, sondern wurde als Antipode zur Herrschaft gesetzt. Kurz: die Kritik verlor ihre politische Neutralität. Für das aufstrebende und aufklärende Bürgertum war sie tatsächlich eine unverzichtbare Waffe. Denn die Kritik gewinnt an Stärke in einer Umgebung der wachsenden Freiheit und Unabhängigkeit. Wenn eine Opposition gebildet werden kann, werden dadurch neue Wahrheiten begründet. „Die Kritik ist der Tod des Königs“, bringt es Koselleck auf den Punkt. Jedoch kommen wir nun zu jenem breaking point, den sich Hakan Gürses im Essay „Topologie der Kritik“ zum Ausgangspunkt nimmt. Wann wird die Kritik zur „Quelle der Macht“? Das erwähnte Bürgertum schaffte ein Außen, das über den feudalen und absolutistischen Rechts- und Wertekanon hinauswies. Es schuf ein Wissen, das dieses Außen wiederum füllte. Ein weiteres Wissen war jedoch notwendig, um sich die politische Macht zu sichern. Jenes um sich selbst. So erkannte sich das Bürgertum als Nation, was nichts anderes als die Universalisierung eines spezifischen Klasseninteresses auf dem Feld der Politik bedeutet. Es fand sich gleichsam in der Geschichte, ihrer Entwicklung und bestimmte die zukünftige Richtung. Dies sind gleichsam die drei Merkmale der Kritik, die Gürses vorschlägt: Das Außen, die Geschichte und die Gelehrsamkeit. Doch wo ist diese Form der Kritik und deren Publikum zu finden? Ihr Haus ist die Öffentlichkeit. In der Presse, den Kaffeehäusern, Salons, dort entwickelte sich jener öffentliche Raum, in dem sich gesellschaftspolitische Debatten (weiter) entwickeln. Denn die Kritik kann nichts unhinterfragt lassen, will alles einer vernünftigen Prüfung unterziehen. Jedoch wurde wirklich alles hinterfragt? Karl Marx versuchte hier das bürgerliche Gesellschaftsideal zu entwirren und seine Kritik anzusetzen. Denn die Produktionsweise wurde in der Prüfung ausgespart, um das Besitzverhältnis zu schützen. Hier erkannte er einen zentraler Hebel, um dem bürgerlichen Spuk ein Ende zu bereiten. Die daraus bekannte Forderung ist einfach (ebenso die Darstellung, denn bei Marx ist auch ein Ansatz der Einheit von Theorie und Praxis zu finden). Veränderung ist kein theoretisches, sondern ein praktisches Problem. Vor diesem Problem stehen wir auch heute noch. Nur angesichts der Verhältnisse erklingt kaum mehr als ein fragendes – na wie denn? Denn die Kritik wurde insofern zu Quelle der Macht, da sie den Boden der bürgerlichen Gesellschaft bereitete, die auf ihre eigenen Postitionen beruhte. Ist es nicht so, dass jede Kritik, die den rechtlich-normativen Rahmen nicht überschreitet, heute gar als willkommen erscheint? Sag ruhig, was dir nicht passt; äußere dich; nur sei dabei konstruktiv. In unseren Breitengraden ist kritisch sein eine positive Auszeichnung und Kritik gilt für geschickte Ohren als Signal, als Zeichen gesellschaftlicher Stimmungen. Jedoch unter dem Vorzeichen, dass ihr eine positive Wirkung abverlangt wird, sie ihre konstruktive Seite entfaltet. Bereits Adorno kritisierte diesen Fallstrick. Denn zu leicht kommt es hier zum Reflex, jene Kritik zu diskreditieren oder einfach abzuwürgen, die in der Negation verharrt. Wer nicht weiß, wie`s besser gemacht wird, soll besser ruhig sein, ist dafür die wohlbekannte Argumentation. In diesem Dilemma stecken alle, die nicht eine bereinigende und beruhigende Funktion erfüllen wollen. Unter uns, wer hat wirklich noch Lust, eine große Koalition zu kritisieren? Ohne dabei in einen Wohlstandschauvinismus zu verfallen, geht es bei Kritik um Gesetzesnovellen, Beitragssenkungen oder Zuwendungserhöhungen? Oder anders gefragt: ist es nicht gar nachlässig, sich als KosmetikerIn gesellschaftlicher Entwicklungen zu betätigen ohne den Rahmen zu hinterfragen? In MALMOE 40 stellt sich die Redaktion eine ähnliche Frage: Wissend, dass Kritik als Innovationsmotor funktioniert und gern mit der menschlichen Kreativität und Schöpfungsvermögen vertauscht wird, stellten sie die Frage nach dem gegenwärtiger Potenzial von Kritik. (Vielleicht ist diese gar nicht zu beantworten.) Die Kreativität, das Vermögen ist klarerweise vorhanden, selbst eine verbindende Affirmation und auf all dies ist auch zu bauen (aber nicht in diesem Text). Wohl gibt es eine Krise, in der sich die Kritik befindet und zwar jene, die es nicht mehr schafft, eine Perspektive zu entwickeln, die über das vorgegebene hinaus weist und nicht jedes Macht- Wissen Gefüge hinterfragt. Foucault hat in seinem Vortrag „Was ist Kritik“ dahingehend eine hilfreiche Definition vorgelegt, indem er die Kritik als „die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ bezeichnet. Er spricht hier von einer Haltung, die sich seit dem 16. Jahrhundert als Gegenfrage zur Kunst des Regierens entwickelte. Die Kunst des Regierens zielt zwar darauf ab, mit Hilfe verschiedener Machtmechanismen die Individuen zu unterwerfen oder zu stimulieren. Da nach Foucault sich diese Mechanismen auf eine Wahrheit berufen, gilt es die Wahrheit genau auf diese Effekte hin abzuklopfen. Diese Kritik wäre dann „die Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit“, des Subjekts. Auch wenn sich nach Foucault das Subjekt durch Praktiken der Unterwerfung erst konstituiert, ist dieses durch die Praktiken der Kritik in der Lage sich wieder zu entunterwerfen. Nicht als eine allgemeine Praxis ist dies zu verstehen, sondern als singuläre Tätigkeiten. Kritisch ist somit kein Seinszustand, sondern eine handlungsleitende Haltung. Zurückweisen, brechen, widerstehen kann jedoch in allen Gesellschaften immer wieder zu Haltungsschäden führen. Die aufrechten und geraden Heroen glänzen meist nur durch ihre Angepasstheit. Worauf ich hier hinweisen möchte, sind die Thesen von Marina Garcés, die davon schreibt, dass die Kritik verkörpert werden muss. Auch für sie schließt die Kritik gegenwärtig nicht an ein Problem des Bewusstseins an, sondern trifft direkt den Körper, der ständig „in und mit der Welt ist“. Die Frage nach dem Subjekt der Kritik löst sich für Garcés in einem diffusen Gebilde auf, das Lust macht, ein solches Subjekt zu werden. „Es setzt sich aus Theorie und Praxis, aus Wort und Handlung zusammen, ist strahlend und schäbig, isoliert und kollektiv, stark und schwach zugleich. Seine Wahrheit leuchtet die Welt nicht aus, sondern widerlegt sie. Wenn die Welt sagt: „Das ist, wie es ist“, gibt es ein Wir, das erwidert: „Das kann nicht alles sein.“ Literatur: Michel Foucault, Was ist Kritik, Berlin, 1992 Judith Butler, Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend, www.eipcp.net Hakan Gürses, Zur Topographie der Kritik, www.eipcp.net Marina Garcés, Die Kritik verkörpern, www.eipcp.net Reinhart Kosselleck, Kritik und Krise, Frankfurt, 1973 online seit 02.06.2008 15:45:27 (Printausgabe 41) autorIn und feedback : Andi Tennis |
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