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Tote Städte, Gentrification & Konsum-Zombies Die Ökonomisierung des Pratergrätzels für EM&Co Seit den 90er Jahren prägen die Praktiken des Stadtmanagements die urbane Kultur in einem hohen Ausmaß. Das hat damit zu tun, dass Kommunalpolitiker Städte als Unternehmen verstehen und dabei versuchen, diese in internationalen Wettbewerbskontexten und Wachstumsmärkten zu verorten. Der Diskurs der offenen Stadt hat seither eine radikale Neubewertung durchlebt. Der hegemoniale Diskurs der Stadt ist kapitalistisch und kommerziell ausgerichtet und versucht, die urbane Kultur und das urbane Leben auf eine wirtschaftliche ‚Standortfrage’ zu reduzieren. Heute treten Experten der Stadtplanung auf die Bühne der Aufmerksamkeit und sprechen von Mega-Events, Wellness-Oasen, Shopping Malls, urbaner Inszenierung, attraktiver Standortsicherung und Massentourismus, wenn sie über eine Stadt reden. Im Kontext der bevorstehenden Austragung der Fußballeuropameisterschaft 2008 in Wien zeigt sich, dass die verantwortlichen Stadtplaner nicht auf den gesamten urbanen Kontext, sondern auf die so genannte ‚Wiederbelebung’ der innenstadtnahen Wohnviertel abzielen. Hinter dem Euphemismus der ‚Wiederbelebung’ verbirgt sich jedoch keine Sorge um eine urbane Lebenskunst, sondern – im Gegenteil – die Bemühung, stadtnahe Wohnbezirke in Investitionsgüter zu transformieren. Die damit vollzogene Verwandlung des Urbanen in ein Objekt des Stadtmanagements bedeutet die ‚Strukturbereinigung’ der praternahen Wohngebiete von sozial, ökonomisch und politisch deklassierten Bevölkerungsschichten. In anderen Worten: diese strategisch geplante Säuberung wird mit der strukturellen Peitsche des freien Wohnungsmarktes vollzogen: schleichend, mittel- und langfristig, anonymisiert und dezentral. Dieser Prozess der sozialen Auslese und Selektion wird in der Stadtgeografie mit dem Begriff ‚Gentrification’ (von engl. gentry: niederer Adel) bezeichnet. Dabei handelt es sich um Veredelung eines Stadtteiles sowohl durch Veränderung der Bevölkerung, wie in aller Regel auch durch Restaurierungs- und Umbautätigkeit. Der Prozess der Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete bedeutet, dass einkommensschwache Bevölkerungsgruppen an die sozialen Ränder der Stadt verdrängt werden sollen. Gentrification ist kein natürlicher Prozess, der das Wachstum der Stadt abbildet, sondern Teil eines planerischen Kalküls, das im wesentlichen darin besteht, ‚billige’ Lohnarbeitskräfte mit Migrantenhintergrund durch kaufkraftstarke, investitionswillige Subjekte abzulösen. Gentrifizierungsprozesse laufen oft nach charakteristischen Mustern ab: Wegen der niedrigen Mietpreise werden die Stadtteile für die sogenannten „Pioniere“ attraktiv. Sie kommen aus dem subkulturellen Umfeld der Student/innen- und Künstler/innen-Kultur, werten in der ersten Phase die Stadtteile auf und setzen bestimmte Segregationsprozesse in Gang. Die ins Berufsleben einsteigenden Student/innen verdienen bald deutlich mehr Geld als die etwa Bewohner/innen mit migrantischen Hintergrund; auch Künstler/innen etablieren sich und bringen weiter ökonomisches Kapital in die Stadtteile. Dieser soziale Prozess wird von Investoren beobachtet, die Chancen zur Wertsteigerung sehen. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und stylische Designergeschäfte entstehen. Die Mieten steigen und durch Mieterhöhungen werden die Alteingesessenen vertrieben. Aber auch die neu eingewanderte Klasse der Kreativarbeiter kann sich die höheren Mietpreise oft nicht leisten und siedelt sich in anderen Stadtteilen an. Eine wohlhabendere Klientel (gentry) siedelt sich schließlich an und setzt folglich auch andere Lebensstandards durch. Letztendlich wird das Interesse von Immobilienunternehmen erweckt und sie sanieren weitere Häuser auf luxuriöse Weise. Die Gentrifizierung geht also einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess: die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich radikal: „Stadtplanung und Städtebau thematisieren die ‚neue Urbanität’, indem sie Stadtkultur inszenieren – Festivals, Events, Kultursommer, Sport, Openair und Entertainment. Dabei inszeniert die Stadt sich selbst, ihre Plätze und Gebäude, Straßen und Infrastrukturen, Kulturgebäude, Gastronomie und Klima. Zielgruppen sind StädtetouristInnen und die BürgerInnen, die hierzu ausreichend Zeit und Geld aufbringen können. Wenn aber in den innenstadtnahen Lagen sich die Wege der TouristInnen und der Obdachlosen, der ‚ErlebniseinkäuferInnen’ und der DrogendealerInnen kreuzen, dann regiert auf der einen Seite Verunsicherung und Angst und auf der anderen Provokation, Gleichgültigkeit und Resignation. Kontrolle über den öffentlichen Raum (Kameras, Eingangskontrollen, ‚schwarze Sheriffs’), Privatisierung der Fußgängerzonen und Malls, Kommerzialisierung der Bahnhöfe und der U-Bahnen sind die Folge. ‚Urbanität’ findet dann nur noch im schmalen Segment der jeweils wenig strapazierten und strapazierfähigen Toleranz statt und hat die Vielschichtigkeit und Spannungen, die Überraschung und den Tempowechsel verloren. An deren Stelle tritt eine eher aseptische und homogene Ästhetisierung der Urbanität.“ (Jens S. Dangschat) Der derzeit in Bau befindliche Entree-Themenpark, das dem Wiener Wurstelprater ein sauberes und steriles Gesicht geben soll, repräsentiert bloß ein erstorbenes Gedächtnis der Stadt. Dieser Selbst-Zitatepop receycelter Stereotypen und Pseudo-Volksmythen (Stichwort: Mozart, Sissi) jongliert mit den Verkaufszahlen auf touristischen Absatzmärkten. Die auf einen unmittelbaren Wiedererkennungseffekt abzielende Event-Architekur verfolgt nur einen Zweck: die Maximierung der Tourist/innen, die Inszenierung eines rentablen städtischen Lebensstils, die Schaffung von flexibilisierten Mc-Jobs im niederen Dienstleistungssegment und die Verwandlung des ehemaligen Rotlichtviertels in einen exekutiv verwalteten Kontrollbezirk. Die so genannte "Fanmeile" besteht aus Hochsicherheitsräumen wie sie von den G8-Treffen bekannt sind. In diesen verwahrt die Exekutive die gefährliche Klasse der „Fans“. Die Fanmeile vereint also zwei grundsätzliche Diskurse unserer Zeit: den Sicherheitsdiskurs und den Konsumdiskurs. Urbane Kultur und Lebensstile werden in dieser Hinsicht selbst als Markt und Finanzsektor verstanden. Die Gentrifizierung der an den Prater angrenzenden Wohnviertel zielt auf den Einschluss des mit ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital ausgestatteten Mittelstandes. Die Kehrseite dieser „Integration“ ist der Ausschluss ärmerer sozialer Bevölkerungsgruppen aus dem Bezirksgebiet, die zum Großteil über einen Migrantenhintergrund verfügen. Der von roten Stadtregierung verantwortete soziale Prozess der Gentrification und die von der Gemeinde Wien betriebenen Planungen und Baumaßnahmen wurden nach dem Prinzip der verordneten „Maßnahme“ vorgenommen (top-down). Dabei wurde die lokale Bevölkerung aus dem Prozess der Entscheidungsfindung strategisch ausgeschlossen. Das sozialdemokratische Planungsbüro agierte stets anachronistisch: ohne Partizipation der Bürger/innen, ohne Mediationsverfahren wurden Planungsvorhaben zentralistisch und bürokratisch und im Falle der Eventarchitektur („Entree-Themenpark“) am Pratervorplatz ohne Ausschreibungsvorhaben abgewickelt. Die rote Stadtregierung hat selbst das Interesse an ihrem eigenen kulturellen Gedächtnis verloren. Die von der Stadtverwaltung des „Roten Wien“ geförderte Bäderkultur der 20er Jahre und die mit ihr verbundene Idee der sozialen Öffnung des urbanen Raums zählt für die heutige Sozialdemokratie nicht mehr, weil es vorrangig darum geht, urbane Räume für wohlhabendere Bevölkerungsschichten abzuschotten. Heute ist das Kinderfreibad am Max-Winter-Platz geschlossen. In den ehemaligen Umkleidekabinen wird künftig die Gebietsbetreuung einquartiert. Früher waren es Kinder aus Migrant/innen-Familien, die das kostenlose und frei zugängliche Bad in Anspruch nahmen. Die ehemals sozialdemokratische Vision vom sozial durchlässigen öffentlichen Raum existiert heute nicht mehr. Heute konzentriert sich vielmehr die Politik auf die Herstellung sozialer Exklusionen und die marktwirtschaftliche Verwandlung des öffentlichen Raums in Bühnen konsumorientierter Selbstinszenierungen. Dadurch wird alleine schon die Anwesenheit in der Stadt kostenintensiv und sorgt dafür, dass bestimmte Bevölkerungsschichten überhaupt nicht mehr in zentrumsnahen Wohn- und Einkaufsbereichen in Erscheinung treten. Damit wird die Stadt auch von jenen Lebensstilen abgeschnitten, die sie im Bereich der Infrastruktur am Leben erhält. 1978 zeigte George Romero in seinem Splatter Movie „Dawn of the Dead“ Konsum-Zombies, die durch Shopping-Malls herumirren. In dieser Hinsicht kann der Entree-Themenpark im Prater vielleicht auch als unfreiwillig komisches Remake eines Horrorfilm-Klassikers verstanden werden. Wie auch immer, eine Stadt, in der man nicht mehr einkaufen kann, scheint in dieser Logik sozial tot zu sein. Daher auch die unwirtschaftliche Idee der zeitlich unbegrenzten Ladenöffnung, um die untoten Städte am „Leben“ zu erhalten. Die Diskurse zur Corporate Identity der Stadt Wien haben eine Gemeinsamkeit: sie entwickeln stetes aufs Neue trübsinnige Aussichten auf einen lückenlos kapitalisierten Stadtraum. Aber sie haben die Rechnung nicht mit denen gemacht, die sich nicht ‚gentrifizieren’ lassen wollen. online seit 02.04.2008 14:56:50 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Ramón Reichert Links zum Artikel:
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Die Geburt der Hundehütte Archäologien des hundlichen Blicks [05.08.2008,Fahim Amir] Partielle Irritationen Wie politisch ist der Kampf um Freiräume? [31.07.2008,Brigitte Bargetz, Gundula Ludwig] MALMOE-Zeichnerin elffriede präsentiert: film-zeichnen-literatur-musiki-projektions-paradeiserei am 31.7. am Max Winter Platz in Wien [29.07.2008] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
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