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Apfelstrudel und Sonnenschein

Ein Chat über das politische Potenzial des Alltags zwischen Heide Hammer und Ove Sutter

ove sutter
- gut, worum gehts?

heide hammer
- okay, mich beschäftigt die alltägliche differenz in zeiten revolutionärer konjunkturen oder wellentäler – worin wir uns gegenwärtig eher befinden
– die alltäglich wahrnehmbare differenz, sichtbar und erfahrbar in den motivationen, erwartungen, wünschen, politischen haltungen
- ich lese mit einem bestimmten romantischen movens gerne erinnerungen von meist alten männern, seltener frauen, darunter ruth beckermann oder inge viett, worin sie entweder herausragende situationen beschreiben, daniel cohn-bendit den mai 68 in paris oder ruth beckermann die 70er in wien, und mich interessiert die differenz zur situation nach 89.
- also zu lesen, dass es andere, sich von heutigen gesellschaftlichen bedingungen unterscheidende möglichkeiten gab, seinen alltag zu leben?

ove sutter
- wobei sich hier natürlich die frage des zugriffs auf damalige formen der alltäglichen lebensführung stellt. denn diese memoiren wurden zumeist vor dem hintergrund und in differenz zu gegenwärtigen verhältnissen verfasst.
- es gibt beim thema 68 eine starke tendenz zur romantisierung

heide hammer
- die rigidität der 68er scheint vielfach diskreditiert, was nicht heißt, dass es nicht auch die sehnsucht nach eindimensionalen erklärungen und archimedischen punkten gibt

o.s.
- ein grund, warum der alltag als politisches feld damals interessant wurde, war u.a. eine art krise der repräsentation. die etablierten formen der politischen aktivität, wie parteipolitik, hatten sich diskreditiert.
- und dann gibt es da ja auch noch den ansatz, demnach die verschränkung von fordismus und disziplinarregime betrachtet werden müsste, um die form der sozialen kämpfe der 50er und 60er jahre mit all ihren ausdrucksweisen zu verstehen. die bedeutung der von den damals aufkommenden gegen- oder subkulturell geprägten revolten und sozialen bewegungen lag vor allem darin, die gesellschaftliche dimension von kooperation, kommunikation, kreativität, differenz und affektivität hervorgehoben und sie in direkten gegensatz zum fordistischen produktionsprinzip positioniert zu haben.

h.h.
- interesse an einer nutzung des begriffs alltag und seiner positiven besetzung hatten am ehesten jene, die davor nicht politische akteurInnen waren – meist in abkehr zur kulturellen hegemonie

o.s.
- ich denke auch, dass mikropolitiken des alltags nicht zuletzt von denen geführt wurden, die im alltag als erfahrungsraum mit formen der ausbeutung und ausgrenzung konfrontiert waren. viele wichtige kämpfe, die ihre spuren in der alltagskultur hinterlassen haben, waren ja z.b. mit feministischen forderungen verbunden.
- oder in den usa die schwarze bürgerrechtsbewegung, deren aktivisten sich vor allem in den südstaaten gegen alltägliche rassistische diskriminierung mit formen der direkten aktion, wie z.b. busboykotte, zur wehr und dabei ihr leben aufs spiel setzten. deren aktionsformen, wie sit-in und blockade, gingen schließlich auch in die us-amerikanische und später europäische studentInnenrevolte ein.

h.h.
- alltag wurde als politisches handlungsfeld verstanden
- ein bisschen viel achtundsechzig im gedenkjahr
- also welche hegemonialen verschiebungen können wir ende der 60er jahre feststellen?

o.s.
- ich denke, eine hegemoniale verschiebung ist, dass soziale kämpfe nicht mehr hauptsächlich als arbeitskämpfe und über große, stark vereinheitlichend wirkende organisationen geführt, sondern vor allem auf der mikropolitischen ebene des alltags forderungen erhoben wurden.
- andere soziale beziehungen zu leben?

h.h.
- wgs, kinderläden …
- trotzdem ist mir die ezln lieber als damalige paternalistische soliformen mit revolutionären bewegungen

o.s.
- vielleicht kann auch von fluchtlinien gesprochen werden, die als gesellschaftliche bewegung nicht konfrontativ also widerständig, sondern
ausweichend sind. an den rändern eines verdrängenden normativs entstehen abweichende alltagspraktiken.

h.h.
- im sinne guattaris fand der versuch statt, die unterschiedlichen gesellschaftlichen kämpfe zusammenzuführen
- etwas langsamer vielleicht: ein sehr ausdifferenziertes fordistisches fabrikregime und ein aufbegehren gerade jüngerer arbeitskräfte
- aber die frauen am kaffeekochen und warten, dass die müden helden vom straßenkampf oder einem konspirativen treffen nach hause kommen.

o.s.
- eine definition von alltag könnte sein: alltag ist der prozess der praktischen einübung und erprobung kultureller regelsysteme

h.h.
- was ist mit der rigidität und dem schönen begriff „freiheit“?
- ich möchte meinen alltag so vielfältig, faul, langweilig oder verwegen wie möglich gestalten können
- auf gutbürgerliche umgangsformen wie freundlichkeit und großzügigkeit möchte ich nicht verzichten

o.s.
- diese definition von alltag ermöglicht z.b. anknüpfungspunkte an den begriff der performanz, der ja für emanzipatorische politiken anschlussfähig ist.
- mit einem derartigen alltagsbegriff kann z.b. essenzialistischen vorstellungen von geschlecht entgegengewirkt werden, und möglicherweise können darüber hinaus vorstellungen von einer emanzipatorischen praxis, die sich an der subversion bestehender geschlechterdichotomien versucht, angeschoben werden.

h.h.
- die frage dabei ist, inwieweit wir uns von den internalisierten zwängen lösen können und zeit finden, entsprechende wünsche zu formulieren - die können dann performativ erprobt werden
- die kreativität leidet, wenn das funktionieren innerhalb kapitalistischer enge erprobt werden muss
- über eure alltäglichen wünsche wüsste ich aber gerne mehr

o.s.
- das klingt dann immer so wie weihnachten, wie das in letzter zeit innerhalb der linken gebraucht wird

h.h.
- das recht auf apfelstrudel und sonnenschein

o.s.
- die dynamik des wunsches ist ja eigentlich eben gerade eine bewegung, die den bahnen des bewusstseins entweicht. was nur bedingt mit der möglichkeit zu tun hat, auf rhetorisch verniedlichte weise direkte forderungen zu erheben

h.h.
die frage, ob es eine zielorientierung des wunsches geben kann, ist allerdings offen

o.s.
- ich denke, der reiz am alltagsbegriff liegt darin, auf der lokalen, mikropolitischen ebene z.b. formen der internalisierung von kontrolle problematisieren zu können

h.h.
- mit dem problematisieren ist es ein bisschen wie mit der klassischen psychoanalyse: wo ist der way out? wo sind die kontrastierenden erfahrungen und wahrnehmungen?

o.s.
- und von mir aus: in der wiederholenden einübung verschiebungen zu produzieren

h.h.
- ok, also nicht das ganz andere aber auch kein aushalten der bestehenden verhältnisse kommen wir lieber wieder zur frage der radikalität?

o.s.
- ich habe da meine zweifel, was linke alltags- radikalität angeht. aber es ist andererseits auch sehr einfach, vom bequemen akademischen bürostuhl aus alle versuche emanzipatorischer politik als undurchdacht und analytisch verkürzt zu denunzieren. trotzdem sei die frage erlaubt, auf welcher ökonomischen basis linke alltags-radikalität denn zumeist stattfindet?

h.h.
- radikalität, ein gestus, der zwanghaft wirkt und wird
- wie kann eine/r radikal sein, wenn die verhältnisse gerade gähnend langweilig und die protestformen abgeschmackt sind? und welche formen stoßen auf gesellschaftlichen response? - mich nervt der ruf nach radikalität, auch, weil diese sich nicht aus dem hut zaubern lässt, und die instantvariationen sind bestenfalls geschmacklos.

o.s.
- ich habe keine wirkliche vorstellung davon, was unter heutigen ökonomischen bedingungen eine radikalität des alltags sein kann. es stellt sich mir hier vor allem die frage, was der einverleibung des kapitalistischen kommandos entgegengesetzt werden kann.
- was kann das sein?
- zeit schinden?

h.h.
- und das bewegen in den gegebenen verhältnissen und die suche nach den eigenen karrierewegen und wohlfühlnischen scheint zu aufregend, um radikale formen zu wählen

o.s.
- ich finde auch den beziehungsaspekt sehr interessant
- ein problem der heutigen linken ist, dass sie nur für bestimmte soziale gruppen und biographische phasen alltagskulturelle angebote liefert
- dass links sein im alltag, mit anderen zusammen, auch weitergehen können muss, wenn das studium vorbei ist und man kinder hat

h.h.
- die art wie wir unsere sozialen beziehungen gestalten, ist für mich eine zentrale dimension von alltag
- ob dass per se bürgerlicher ist, weil bestimmte sicherheitsnetze – ehedem mühsam erkämpft – genutzt werden können?

o.s.
- und da ist die frage: folgt man der neoliberalen logik, wenn man alternative, nicht an wohlfahrtsstaatliche sicherungssysteme geknüpfte
modelle der versicherung schafft?
- oder emanzipiert man sich damit auch?
- und können derartige formen des kommunen eine basis sein für emanzipatorische politiken?
- und deswegen ist eine mikrologisch-analytische perspektive auf den alltag so wichtig
- um besser unterscheiden zu können

h.h.
- sind es fragen der anerkennung, die uns davon abhalten, unsere eigenen betätigungsmöglichkeiten zu entwerfen?
- wem trauen wir zu, uns das notwendige maß an anerkennung zukommen zu lassen, den freundInnen, den alten institutionen, wir zwei sind an universitäten beschäftigt!
- ich denke reizvoller für die leserInnen und uns selber wäre ein austausch über: wie gestalten wir unseren alltag – wissen wir, wie wir ihn gerne verbringen wollten?

o.s.
- wir? also du und ich? das geht die doch gar nix an

h.h.
- wenn wir könnten wie wir wollen
- why not

o.s.
- es geht ja um die veränderung der produktionsverhältnisse.
- aber das ist an dieser stelle ja auch nur so eine verbalradikale pose

h.h.
- was soll das?


Zum Weiterlesen:
A.G. GENDER-KILLER (Hg.): „Das gute Leben. Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag.“, Unrast Verlag, Münster 2007

Heide Hammer: „Revolutionierung des Alltags“. Milena Verlag, Wien 2007

Peter Fischli, David Weiss: „Findet mich das Glück?“, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2003

Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): „Komm herunter, reih dich ein... Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen“, Verlag Assoziation A, Hamburg, Berlin (erscheint im Frühling 2008)



online seit 19.03.2008 12:20:54 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : alltag




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