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Alles geht krochn Wiener Jugendkultur auf Sonderschicht In den 90er Jahren wurde das Ende der Subkulturen ausgerufen. Alles kommerzialisiert! Kein Platz für autonome jugendliche Ausdrucksformen mehr dank Dauerüberwachung durch Trendscouts im Dienste kommerzieller Diktate! Doch seit gut einem Jahr breitet sich in Wien eine Subkultur aus, die erst jetzt langsam vom Mainstream entdeckt wird: Das „Krocha“-Phänomen. Was „Krocha“ ist, lässt sich allerdings in keinem selbstgemachten Fanzine nachlesen, das in einschlägigen Kreisen zirkuliert. Krocha bedienen sich anderer medialer Ausdrucksmittel: Vor allem in hunderten Videobeiträgen auf youtube. Die Aufnahmen zeigen Jugendliche, die sich zumeist selbst in ihren Jugendzimmern, auf Parkplätzen und anderen wenig glamourösen Orten (selten in Diskotheken) beim krochn gehen, also Tanzen, filmen, und sich anschließend gegenseitig im Forum Respekt zollen bzw. dissen. Die Hauptaufmerksamkeit in ersten Zeitungsberichten hat jedoch der Modestil auf sich gezogen, der sich aktuell angesagte Utensilien im Stil der 80er Jahre (Neon-Kappe, enge Hosen, Vokuhila-Frisuren oder ausgefallene Rasuren, schriftbetonte Marken-T-Shirts, Schlüsselanhänger etc.) auf spezifische Weise aneignet. Er hat sich mittlerweile zur beliebten Faschingsverkleidung entwickelt. Schon früh zirkulierten auch Verarschungs-Videos auf youtube (die zum Teil szeneinterne Abgrenzungsstatements sind, wo sich Technoscenester über die modische Oberflächlichkeit von Möchtegerns (V.a. überlange Vokuhilas) lustig machen). Von der semikommerziellen Plattform krocha.at abgesehen, die etwa mit einem Begriffslexikon aufwartet, gibt es keine Manifeste oder sonstiges Programmatisches von Krochern selbst. Dennoch gibt es seit Anfang des Jahres eine wachsende Zahl von Berichten über das Krocha-Phänomen, die im Internet zirkulieren. Sie alle haben eines gemeinsam: Es sind Blicke von außen, die dem Phänomen distanziert bis negativ gegenüberstehen. Unabhängig vom Alter der schreibenden BetrachterInnen (von 16jährigen GymnasiastInnen bis zu Leuten aus der Generation ihrer Eltern) sind sie vom seit Jahrzehnten unveränderten erschrocken-angeekelten Blick der verständnislosen Eltern- auf die Jugendgeneration geprägt. Dazu kommt im vorliegenden Fall der Aspekt der Klassendistinktion: Die Verachtung der Bürgerschicht für „die da unten“. Denn die Krocha sind ein proletarisches Phänomen. Sie tummeln sich in und um die U-Bahnstationen, Multiplexkinos und Shopping Malls der Wiener Außenbezirke, basteln ihre Codes aus Derivaten des Wiener Dialekts und pflegen einen schrillen Kleidungsstil. Die Bürgerskinder und ihre Eltern strafen sie mit Verachtung, schreiben ihnen mangelnde Individualität, schlechten Stil, Kommerzhörigkeit, Aggressivität, Drogenkonsum, Hirnlosigkeit etc. zu. Das übliche halt – so redeten die Spießer seit jeher: Über Rockabillies, über Hippies, über Punks, über HipHopper etc.etc. Eine der Quellen des Krocha-Style ist die Gabber-Szene, die musikalisch und tanzmässig eine gewisse Nachbarschaft zum Krochen aufweist. Angesichts der rechten Tendenzen in der Gabber-Szene, die viele Anleihen beim martialischen Skinhead-Stil genommen hat, ist die Entwicklung zu Krocha bemerkenswert. Denn Krochn ist „multikulturell“ – der Stil hat bei MigrantInnenkids in Wien regen Zulauf. Der Tanzstil ist auch weniger soldatisch und erfordert mehr Finesse. Der Tanz besteht in einer dem Charleston ähnlichen Fußtechnik, zum Teil enorm beschleunigt, die in verschiedenen Varianten auch Teile des Moonwalking (Michael Jackson, remember?) integriert. Etwas einfacher ist der verwandte Jumpstyle, in dem Pogo/Ska-mässig herumgehüpft wird (Letzten Herbst von Scooter in ihrem Hit „Jumping around the world“ mit dazugehörigem Video aufgegriffen und popularisiert). Das Outfit der männlichen Mitglieder weist androgyne, „metrosexuelle“ Merkmale auf, was in der Farbwahl (gern mal rosa, neongelb), verbreiteter Solariumsbräune, einer Präferenz für Körperenthaarung, Utensilien wie Ohrstecker und der generellen Sorgfalt im Styling zum Ausdruck kommt. Auch das ein Bruch mit dem harten Gabber-Stil. Außerdem: Wer was gelten will, muss vor allem auf der Tanzfläche was darstellen. Mit bloß cool rumstehen ist da nicht weit zu kommen. Höchst erstaunlich am Krocha-Phänomen ist die Tatsache, dass es sich um eine regional relativ eigenständige Kultur handelt. Zwar sind Musik und Tanzstil von internationalen Entwicklungen übernommen, und die modischen Accessoires sind auch nicht genuin, aber die Kombination der Aspekte und die Etikettierung mit einem eigenen Label („Krocha“), unterfüttert von einem speziellen lokalspezifischen Vokabular ist in dieser Form selten. Die deutsche Sprache wird „gebeugt“, das Schreiben der gesprochenen Sprache angepasst und umgekehrt. Ein unorthodoxer Umgang mit Groß- und Kleinschreibung wird aus der Email- und SMS-Kultur entlehnt und bestimmte Keywords verwendet, die in ihrer Hermetik einen eigenen Code bilden, wobei die Herkunft bzw. Bedeutung mancher seiner Elemente wie bei allen guten subkulturellen Codes z.T. nicht mehr exakt definierbar ist. In Zeiten globaler Jugendkulturen waren eigentlich so regionalspezifische Entwicklungen nicht zu erwarten. Überhaupt wurde seit Mitte der Neunziger Jahre eigentlich vielfach vom Ende der Jugendkulturen im klassischen Sinn ausgegangen: Klar abgegrenzte Gruppen wie Mods, Rocker, Punks, Skins, HipHopper etc. würden in kleinen Retro-Nischen verbannt, und im Mainstream dem eklektisches Mischen verschiedenster Stile Platz machen, so eine verbreitete These. Man ging auch davon aus, dass es keine nennensweite Vorlaufzeit mehr gibt, bevor Medien jugendkulturelle Phänomene entdecken. Sondern dass Werbung und Massenmedien jede erste Regung neuer Strassenstile dank ausgebauter Trendscouting-Operationen sofort aufspüren, hochspülen, verbreiten und somit enteignen. Beim Krocha-Phänomen kann davon keine Rede sein (wenngleich die Krocha aktuelle Markenmode tragen). Seit mindestens einem Jahr macht sich diese Szene in diversen Internetforen bemerkbar. Die ersten Videos, die sich bereits der Verarschung des Phänomens widmen, sind schon letztes Frühjahr online gegangen. Im diesjährigen Fasching war „Krocha“ bereits beliebtes Verkleidungs- und Party-Motto. Die ersten Medienberichte tauchen jedoch erst um den Jahreswechsel 07/08 auf. Auf krocha.at erschien nun Ende Februar der Aufruf, sich für einen Fernsehbeitrag über Krocha zu melden. Es sieht also so aus, als würde krochn dieses Frühjahr endlich ins öffentliche Bewusstsein treten: Nachtschicht* wird demnächst Pflicht – für JournalistInnen. *Großdiskothek am Rande Wiens und beliebte Krocha-Heimstatt online seit 29.02.2008 19:06:55 autorIn und feedback : Tommi Settergren Links zum Artikel:
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Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 11: Homo-Ehe [01.07.2010] Was würdest du... ...mit einem bedingungslosen Grundeinkommen machen? Teil 5 [21.06.2010,Elfie Resch] Was würdest du... ...mit einem bedingungslosen Grundeinkommen machen? Teil 4 [09.06.2010,Elfie Resch] die nächsten 3 Einträge ... |
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