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Mama Zines

Elternschaft auf alternativ

Mit der Elternschaft ist es im Spätkapitalismus wie mit der Pornografie: für jede Vorliebe und Ideologie gibt es das entsprechende Produkt bzw. das entsprechende Forum. Nicht nur die Pornografie beansprucht mittlerweile ein „gegenkulturelles“ Segment mit dem Label „alternativ“ für sich, sondern auch der Teil der Bevölkerung, der sich dazu entschieden hat, sich zu vermehren, deshalb aber noch lange nicht jedweden Anspruch auf die Zugehörigkeit zur „Hipster-Klasse“ fahren lassen möchte: die Eltern. Zumindest in den USA ist seit Jahren eine Explosion unabhängiger Publikationen zu beobachten, die einen anderen, quasi subkulturellen oder eben „alternativen“ Blick auf das bürgerliche Konstrukt „Familie“ werfen. Zusammengefasst werden diese Zeitschriften, in den meisten Fällen eher selbstkopierte Fanzines, interessanterweise unter dem griffigen Label „Mama Zines“ – Reproduktionsarbeit ist eben nach wie vor noch hauptsächlich Frauenarbeit, trotz aller szeniger Verbrämung.

Die Betonung der Mutterschaft statt der Vaterschaft in diesen Heften rührt natürlich daher, dass die mit Schwangerschaft und Geburt einhergehenden Körperfunktionen, im Mainstream nach wie vor oft tabuisiert bzw. zensiert, in erster Linie Frauen betreffen und dass außerdem die Aufarbeitung dieser vermeintlich privaten Themen eine lange feministische Tradition hat. So gab es in der Folge von Riot Grrrl Anfang der 1990er-Jahre, als junge Frauen erstmals in Fanzines bzw. Grrrl Zines öffentlich über „Körper-Themen“ wie Vergewaltigung, Missbrauch, Essstörungen und Schönheitsterror sprachen, bis heute keine nennenswerte Auseinandersetzung mit diesen Problematiken in vergleichbaren Formaten aus männlicher Sicht.

Die neuen „Parenting Zines“ oder Websites tragen kecke Namen wie „Hip Mama“, „Mamaphiles“, „Placenta“, „Green Tit“ oder „Yo Mama Says“ und positionieren sich mit aktionistischen Sprüchen à la „The parental is political“. Die Themen reichen von Teenager-Schwangerschaften über unbeschönigte Geburtsbeschreibungen, vegane Ernährung, zur Adoption frei gegebene Kinder bis zu Müttern im Gefängnis. Kim Pratt, Herausgeberin des Zines „Mother Rebel“ und Mutter von vier Kindern, wurde wie so viele MitstreiterInnen durch das Lesen von Hip Mama (mit der Erstveröffentlichung 1994 das älteste und bekannteste Mama Zine), East Village Inky und der Website Mamaphonic.com inspiriert. Im Interview mit Elke Zobl begründet sie ihren Antrieb folgendermaßen: „We wanted to show that mothers are more than mothers. That we are also political and involved. I also wanted to share my stories about the darker side of mothering.” Außerdem sei es ihr wichtig gewesen, mit dem Titel, der auf den Newsletter „The Woman Rebel“ (ab 1914) der amerikanischen Birth-Control-Pionierin Margaret Sanger zurückgeht, ihren feministischen Vorläuferinnen Reverenz zu erweisen.

Die Herausgeberin von „The Edgy-catin' Mama. A look at homeschooling without rose colored glasses“, Nina Packebush, möchte mit ihrem Heft all jene ansprechen, die feministisch, lesbisch, single oder arm sind oder sich sonst in irgendeiner Weise außerhalb des Mainstreams bewegen – und die ihre Kinder wie sie selbst zu Hause unterrichten. Auffällig ist, dass die meisten der Mamazine-Herausgeberinnen keine klassischen Erwerbsbiografien haben und ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen. Nicole Chaison, Betreiberin des „Hausfrau mutha-Zine“ äußert sich in der Selbstdarstellung ihres Heftchens empört darüber, dass eine Frau über eine andere gesagt habe: „She was an intellectual and a really gifted writer, but now she’s just a hausfrau.”

Doch während auf der einen Seite auch in traditionell eher kinderfeindlichen Milieus die Gebärfreudigkeit zunimmt und der Rückzug ins Private mit Zine-Netzwerken kompensiert wird, formiert sich auf der anderen Seite schon die Gegenbewegung. Nicht so sehr in Zines, dafür auf zahllosen Websites tummelt sich das „Childfree Movement“ – die Gruppe jener, die freiwillig kinderlos bleiben möchten und dies nicht als Manko, sondern als Befreiung sehen. Erfüllung durch ein unabhängiges oder ein Familien-Leben – so manch eine/r sieht in den USA da schon den nächsten „Culture War“ am Horizont heraufziehen.






online seit 11.01.2008 10:52:15 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Sonja Eismann


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1502Malmoe-Schwerpunkt "Aufzucht und Ordnung"



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