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Familien-Sonntag auf der Documenta Der Mann mit dem Kind in der Bauchtrage versucht beharrlich Auskünfte über Kriegsereignisse zu erhalten, doch die befragte Frau ignoriert die Fragen. Über das heranwachsende Kind will sie sprechen, nicht über Dinge, die sie lieber vergessen will. Die Szene stammt aus Hito Steyerls Video „Journal No.1“, das diesen Sommer auf der Documenta in Kassel zu sehen war. Es setzt die Suche nach einem im Bosnien-Krieg verschwundenen jugoslawischen Dokumentarfilm aus den 40er Jahren als Aufhänger für eine Auseinandersetzung mit historischem Gedächtnis ein. Neben ihrer Signifikanz für die mangelnde Lust von Betroffenen an „Aufarbeitung“ in dem Kontext des Filmthemas ist die Szene mit dem Kind der Filmemacherin und dessen Vater auch in anderer Hinsicht bedeutsam: In postfordistischen Arbeitsverhältnissen im Allgemeinen, die Arbeit und Leben ineinander mischen, und prekären künstlerischen Arbeitsverhältnissen im Besonderen, müssen Kinder von den Eltern mangels Alternativen irgendwie in die Arbeit integriert werden, als ein weiterer Jonglierball, der im alltäglichen prekären Fortwursteln ständig in der Luft gehalten werden muss. Arbeiten zu bzw. mit Kindern waren einige auf der diesjährigen Documenta verstreut, sie zählten zu einem der „heimlichen“ Themenstränge, die sich in dieser als bildungsbürgerliche Rätselrallye konzipierten Großausstellung entdecken bzw. konstruieren ließen. Das polnische Duo Kwiekulik, mit Fotos aus den 70ern vertreten, integriert auf diesen auch ihren Sprössling in die eigenen Installationen im Wohnzimmer, wenngleich mit einem politischen Hintergrund: Der unfreiwilligen Beschränkung ihrer künstlerischen Arbeit auf den privaten Raum angesichts staatlicher Repression. Gerhard Richter hat in seinem Porträtgemälde „Betty“ sein Kind als Modell in seine Arbeit einbezogen, das als Allegorie auf die zu Tode gekommenen RAF-Gefangenen 1977, mit einem Plus an Zukunftshoffnung im Blick der Porträtierten interpretiert wurde. Mary Kelly ist mit Ausschnitten aus ihrem Post Partum Document zu sehen. Sie thematisiert die Mutter-Tochter-Beziehung, in der das Kind eine Stellung irgendwo zwischen Fetisch und Monster einnimmt. Tseng Yu-Chin zeigt in einem Video eine Mutter, die ihr Kind zum Austausch von Zärtlichkeiten ermuntert. In einem anderen Video von Yu-Chin sieht man, wie Kindern eine milchähnliche Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet wird. Sie lotet in diesen Arbeiten die unscharfe Grenze zwischen spielerischer und einengender Intimität, zwischen Zuneigung und Missbrauch, Vertrauen und Vertrauensbruch aus. Hu Xiaoyuan thematisiert familiäre Bande als in Form eines Gewebes, das die Generationen miteinander verbindet. Alan Sekula setzt als Einziger Kinderbetreuung als Lohnarbeit ins Bild. Fast alle Arbeiten, in denen Kinder vorkommen, sind Variationen klassischer Darstellungsweisen von Kindern – Kinderfotos bzw. –filme. Das gibt auch Auskunft über die Perspektive, aus der sie gemacht sind: Es ist der Blick der Eltern auf die eigenen Kinder. Der künstlerische Blick verweigert sich zwar der Süßlichkeit und Verniedlichung, der Kinderdokumentation im privaten Rahmen zumeist eigen ist. Doch es bleibt trotz Veröffentlichung eine privatistische Sache. Jedenfalls fehlt jeder Bezug auf irgendwelche Alternativen zur Aufzucht durch die leiblichen Eltern, irgendeine Kollektivität. Der Rückbezug auf die Moderne und ihre Utopien, sonst ein wichtiger Topos in der Documenta, läuft im Fall der Verantwortung für Kinder ins Leere. Kein Hinweis auf soziale Elternschaft, keine Entwürfe für kollektive Modelle erweiterter Elternschaft. Dabei ist es durchaus nicht so, dass die heterosexuelle Paarbeziehung in der Ausstellung unhinterfragt bliebe. Im Gegenteil. Es zeigt sich allerdings ein exotisierendes Gefälle: Bilder heiler Familien finden sich – und zwar nur bei außereuropäischen Arbeiten, wo sie als Beleg für durch fremde Mächte zerstörtes Völkerglück fungieren (Dort, wo sie explizit (Welt)politik thematisiert, inspiriert leider ein von jeder Problematisierung ungetrübter Antiimperialismus der 60er Jahre die Documenta). Die Darstellung von glückendem Heten-Sex (wenngleich in polyamouröser Variante) wird nur dem Afroamerikaner Kerry James Marshall zugestanden. Den gezeigten Kunstwerken aus den weißen Metropolen gilt Sexualität und Beziehung hingegen nur noch als problematisch, und von Gewalt und Macht durchsetzt. Dass Familienmythen gerade in Zeiten ihrer realen Zersetzung wiedererstarken, wusste sich die Documenta-Geschäftsführung jedenfalls zunutze zu machen: „Erstmalig“ (so die stolze Presseaussendung) bot die Documenta Anfang September dem Publikum einen „Familiensonntag“ an. online seit 06.01.2008 19:26:57 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Beat Weber Links zum Artikel:
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