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Schwangerschaft heute:

Vom Organ-Screening zum Luna Yoga

Luise S. entschließt sich als Schwangere, bewusst keine pränatalen Untersuchungen zu machen. Als sie im 5. Monat schwanger ist und aufgrund der im Ultraschall sichtbaren „zu geringen“ Größe ihres Kindes doch genetische Tests durchführen lässt, wird bei ihrem Kind Trisomie 21 festgestellt. Der untersuchende Arzt meint zu ihr: „Warum haben Sie denn nicht schon früher testen lassen? Das geht doch heute alles.“

Maria K. hat Blutgruppe A negativ. Der negative Rhesusfaktor gilt als Risiko für die Schwangerschaft, wenn der Vater des Kindes Rhesusfaktor-positiv ist. Gemeinsam mit ihrer Frauenärztin entschließt sich Maria K., die entsprechende Prophylaxe gegen Blutgruppenunverträglichkeit erst nach der Geburt vorzunehmen, da Maria K. von den ärztlichen Untersuchungen und Eingriffen während der Schwangerschaft schon genug hat. Bei der nächsten Blutabnahme fragt jedoch die Labormitarbeiterin nach: „Sie machen keine Prophylaxe vor der Geburt? Naja, bis vor kurzem ging es ja auch ohne. Früher war das schlimm: meiner Großmutter sind drei Kinder gestorben wegen Blutgruppenunverträglichkeit.“

Karin F. bekommt in der Frühschwangerschaft Blutungen. Als sie in der Semmelweisklinik die Ursache feststellen lässt, wird ihr - obwohl der Herzschlag des Kindes am Bildschirm sichtbar ist - zu genaueren Untersuchungen geraten. Beim sog. Doppler-Ultraschall lässt sich erkennen, dass das Kind einen dicken Nacken hat. Ein möglicher Hinweis auf „Missbildungen genetischer Natur“ wie der Arzt meint und Karin zu weiteren pränatalen Untersuchungen rät. Beunruhigt willigt sie in Amniozentese und Chorionzottenbiopsie ein, obwohl sie ursprünglich nicht vorhatte, pränatale diagnostische Untersuchungen durchführen zu lassen. Nach einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt stellt sich heraus, dass ihr Kind eben einen dicken Nacken hat, aber sonst keine „Auffälligkeiten“ existieren.

Als über 35-jährige Akademikerin wie ich heute ein Kind zu bekommen, heißt, in den Fokus von zumindest zwei politischen Strategien gegenwärtiger Staatsräson zu geraten: zum einen bin ich aus bevölkerungspolitischer Sicht eine wünschenswerte Mutter, da aufgrund meiner akademischen Ausbildung und entsprechendem Einkommen gehofft werden kann, mindestens ebenso potentes Humankapital zu produzieren. Die Förderung des Kinderwunsches berufstätiger, gebildeter Frauen zählt heute zu einem der Schwerpunkte der Familienpolitik im deutschsprachigen Raum, wenn nicht generell in der EU. Zum anderen stelle ich als „späte Mutter“ mit über 35 Jahren auch ein Risiko für die Qualität der zu produzierenden Bevölkerung dar, weshalb ich mich während der Schwangerschaft auf vielfältige weise immer wieder - zumeist ungewollt - mit den Möglichkeiten pränataler Diagnostik auseinanderzusetzen hatte.

Gebären für die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs

Erhöhung des Kindergeldes, Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen, Ausweitung der Zuverdienstgrenzen für Karenzierende - der familienpolitische Diskurs ist in Österreich wieder in Bewegung geraten. Doch nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland wie auch in der ganzen EU wird derzeit an einer Reformulierung familien- und vor allem bevölkerungspolitischer Maßstäbe gearbeitet. Hintergrund dieser politischen Bemühungen stellen nicht zuletzt die bereits in der Pensionsdebatte präsenten Szenarien einer schrumpfenden Bevölkerung dar, welche - so die Annahmen - die sozialpolitischen Leistungen der EU-Staaten in Zukunft in Bedrängnis bringen werden. Wirtschaftswachstum ohne Bevölkerungswachstum sei nicht möglich - so die Europäische Kommission (vgl. zur Kritik MALMOE Heft 36), die nun nach "innovativen Maßnahmen zur Förderung der Geburtenrate" sucht. Eine 'nachhaltige' Familienpolitik sucht jedoch nicht nur die Anzahl der Kinder per se zu erhöhen, sondern versucht auch, qualitativ hochwertiges Humankapital zu produzieren. Am deutlichsten zeigt sich dies derzeit in Deutschland, wo vor dem Hintergrund der schlechten Ergebnisse der Pisa-Studie die zukünftige Qualität der Bevölkerung positiv zu beeinflussen versucht wird. Da sowohl im deutschen wie im österreichischen Bildungssystem Akademikerkinder meist wieder AkademikerInnen werden und Arbeiterkinder wieder ArbeiterInnen, zielen die jüngsten familienpolitischen Maßnahmen daher auf besser ausgebildete inländische Frauen aus den oberen Mittelschichten. Das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hält dezidiert fest: "Eine anhaltend hohe Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen kann die bildungspolitischen Probleme weiter verschärfen und zu Engpässen beim Fach- und Führungskräfte-Nachwuchs führen." Mit der Einführung des neuen Elterngeldes, das ab 1.1.2006 den Karenzierenden zwei Drittel ihres Letztgehaltes garantiert, wurde diese ungleichheitspolitische Politik umgesetzt.

Ungleichheitspolitisch deshalb, weil im Gegensatz zum früheren Einheitswert für alle nun besser Verdienende höheres Elterngeld beziehen. Im bislang familienpolitisch noch stark ÖVP-katholisch geprägten Österreich zeigt sich diese Ungleichbehandlung weniger in der Neu-Diskussion um das Kindergeld, das ab 1.1.2008 pauschal rund 800 Euro betragen soll, als vielmehr in der jüngsten Debatte zur Zuverdienstgrenze für Karenzierende. Denn die relevante Zuverdienstgrenze von 14.600 Euro betrifft vor allem Selbständige und „bildungsnahe Schichten“.

Schwangerschaft als Risiko und Krankheit

Wenn dann nun der Kinderwunsch positiv ausfällt, muss nur noch gesichert werden, dass auch wünschenswertes Menschenmaterial produziert wird. Für den “gesunden” Nachwuchs sorgen zunächst mindestens zehn reguläre Untersuchungen im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen für Schwangere in Österreich. In diesen Untersuchungen nicht enthalten sind zusätzliche Arzt- und Labortermine, sollten Komplikationen eintreten, sowie die Spezialuntersuchungen der pränatalen Diagnostik. Noch vor wenigen Jahrzehnten, sagen wir also zur Elterngeneration der meisten MALMOE-LeserInnen, basierte die Schwangerenuntersuchung auf manuellen Untersuchungen und dem Höhrrohr. Ultraschall existierte nur in rudimentärer Form. Seit damals haben sich die Schwangerschafts- und geburtshilflichen Methoden jedoch enorm verfeinert. Die Vervielfachung der Untersuchungen hat die Schwangeren- und Geburtshilfe mit all jenen medizinischen Gebieten gemein, in denen die Diagnostik eine bedeutsame Rolle spielt. Anders als etwa die Krebsdiagnostik jedoch ist Schwangerschaft per se keine Krankheit, sodass sich die Frage stellt, warum auf diesem Gebiet dem medizinischen Fortschritt so viel Aufmerksamkeit und Ressourcen gewidmet werden. Medizinkritische Bewegungen haben immer schon betont, dass im Zuge der Definition von krank und gesund gesellschaftliche Kämpfe ausgetragen werden. Wenn also Schwangerschaft plötzlich als Risiko definiert wird, dann zeugt dies vor allem von der Bedeutung, die Reproduktion angesichts sinkender Geburtenraten bekommen hat. Der Alltag von Schwangeren ist daher geprägt von ständigen Ermahnungen und Verboten, die Druck auf die Schwangere ausüben, das Leben und die Gesundheit ihres Kindes nicht zu gefährden. Entsprechende Literatur, ärztlicher Ratschlag und ähnliches sorgen dafür, dass die Schwangere aufhört, Sushi zu essen und in der Frühschwangerschaft zu fliegen, sich nicht mehr ins Schwimmbad traut und um Katzen einen riesigen Bogen macht.

Besonders deutlich wird die Konstruktion von Risiken bei gleichzeitigem Versprechen ihres Managements im Umgang mit der sog. pränatalen Diagnostik (PND), also jenen Diagnose-Verfahren, die Krankheiten und Behinderungen bereits am Fötus feststellen können. Hier wird ein gesellschaftlicher Kampf um den Umgang mit “behinderten” Menschen ausgetragen. Schwangeren stehen im Zuge pränataler Diagnostik mehrere Verfahren zur Verfügung, um den Grad der “Behinderung” ihres Kindes testen zu lassen. Zu Beginn steht zumeist die bereits in den ersten Schwangerschaftswochen durchgeführte Nackenfaltenuntersuchung mittels Ultraschall. Ab einer gewissen Dicke der Nackenfalte wird auf eine Chromosomenanomalie geschlossen, weshalb weitere Untersuchungen möglich sind. Ab der 7. Schwangerschaftswoche kann die so genannte Chorionzottenbiopsie durchgeführt werden. Dabei wird in der Regel mit einer Hohlnadel durch die Bauchdecke der Mutter gestoßen und aus der Gebärmutter Gewebe entnommen, um dieses auf Chromosomenanomalien zu untersuchen. Ein weiterer Test ist die sog. Amniozentese oder Fruchtwasseruntersuchung. Hier wird wiederum mit einer Hohlnadel durch die Bauchdecke der Frau gestoßen, um diesmal eine Probe aus dem Fruchtwasser zu entnehmen und wieder entsprechend zu analysieren. Beide Untersuchungen bergen das Risiko, dass das Kind bei der Untersuchung geschädigt wird und führen in ein Prozent der Fälle zu einer Fehlgeburt. In Österreich führen laut ärztlicher Auskunft rund 30 Prozent der Frauen diese Untersuchungen durch, wobei in städtischen Ballungsgebieten dieser Prozentsatz höher liegt als im ländlichen Raum.

Diese Untersuchungen sind freiwillig und werden von Krankenkassen nur im Indikationsfall – wie etwa bei Erbkrankheiten in der Familie, usw. – bezahlt. Die Freiwilligkeit dieser Untersuchungen wird im öffentlichen Diskurs auch immer wieder betont. Das macht die Sache nicht einfacher. Denn wären diese Tests verpflichtend, könnte man den Staat immerhin einer eugenischen Politik bezichtigen. So wird jedoch die Auslese-Entscheidung in die Hände der einzelnen Frau und ihrer Angehörigen gelegt, nicht selten mit dem frauenbewegten Argument der “Selbstbestimmung” und “individuellen Entscheidungsfreiheit”. Gerade während dieser Artikel geschrieben wird, meint einer der führenden PND-Befürworter Österreichs, der Gynäkologe Peter Husslein, in der ZiB 1: "Man muss Autonomie ernst nehmen. Autonomie heißt, dass sich die Frau ihre Risiken heute selbst aussuchen kann." Die Tötung behinderten Lebens als Frauenbefreiung darzustellen ist natürlich pervers. Die meisten Frauen sind - zahlreichen persönlichen Gesprächen zufolge - im Umgang mit pränatalen Untersuchungen und deren Ergebnissen nämlich heillos überfordert und empfinden diese Tests nicht als emanzipatorischen Fortschritt. Allerdings entscheiden sich an die 90% von Frauen, denen eine Behinderung des Kindes prognostiziert wird, für einen Schwangerschaftsabbruch.

Während also Druck auf Sozialausgaben, nicht zuletzt im Behindertenbereich, durch Budgetkürzungs-Fanatiker ausgeübt wird, entscheiden sich immer mehr Frauen – nämlich an die 90% - für einen Schwangerschaftsabbruch, wenn eine Behinderung des Kindes diagnostiziert wird. Mögen auch der Druck auf Sozialausgaben, der auch den Behindertenbereich betrifft, sowie die psychische Belastung die Gründe dafür sein, letztendlich “deckt sich die individuelle Entscheidung” – eben die hohe Rate an Schwangerschaftsabbrüchen – “mit der Staatsraison”, nur gutes Humankapital zu produzieren - so die Autorin Andrea Truman. Allerdings findet diese Ausrichtung an staatlichen Zielen nicht mehr durch rigide Kontrolle, Verbot und Zwang wie etwa in früheren Jahrzehnten noch üblich statt, als es Abtreibungsverbote oder verpflichtende Schwangerschaftstests für Nicht-Staatsangehörige in manchen Ländern Europas gab. Gerade die Gesundheitspolitik funktioniert heute "nicht vorrangig über gesetzliche Regelungen oder autoritäre Anweisungen…, sondern über die Anrufung eines 'freien' Gesundheitsverhaltens der Individuen", so die Politologin Susanne Schultz.

Indem den Betroffenen die Entscheidung zum Kinderkriegen sowie zu pränatalen Gesundheitschecks selbst in die Hand gelegt wird, werden Regierungstechniken sichtbar, die in Anlehnung an Foucault als Disziplinartechniken bezeichnet werden können. Daher kritisieren auch viele Feministinnen zu Recht, wenn die Entscheidung von Frauen gegen ein behindertes Kind als Erfolg der Frauenemanzipation gefeiert wird und wenden sich gegen einen falsch verstandenen Begriff von Autonomie und Selbstbestimmung im Bereich der Reproduktion.

Yoga statt Sushi

Für die feministisch Schwangere bleibt allerdings trotz akkurater wissenschaftlicher Analysen zum Thema Regierungstechnik und Frauengesundheit dennoch eine Leerstelle: der Diskurs setzt sich kaum in entsprechend emanzipatorische Alltagspraktiken um, sodass man abgesehen von der Entscheidung, keine pränatalen Untersuchungen durchzuführen, mit dem Thema Kinderwunsch und Schwangerschaft erst recht wieder individuell nach Lösungen suchen muss (siehe auch Artikel zu mangelnden Alternativ-Elternschaften). Auf den ersten Blick scheint es ja ein enormes Alternativangebot im Bereich Kinderwunsch und Schwangerschaft zu geben: von natürlichen Fruchtbarkeitsmethoden über Schwangeren-Yoga bis hin zur Wahlhebamme, die die anonyme Krankenhausatmosphäre durch persönliche Betreuung erleichtern kann. Aber abgesehen vom zweifelhaften esoterischen Touch von Angeboten wie Luna Yoga handelt es sich bei vielen dieser Dinge um kein Ersatz- sondern vielmehr um ein Komplementärangebot, das beruhigend und entspannend wirkt, um den Untersuchungsstress und Schwangerschaftsbelastungen besser zu ertragen. Kaum infrage gestellt wurde meiner Erfahrung nach jedoch der pränatale Test bzw. die Frage nach dem Umgang mit Behinderung selbst sowie der eugenischen Politik, die mit diesen Tests betrieben wird. Und wenig Antworten finden sich auf die Frage, wie Kinderwunsch und -erziehung jenseits bevölkerungspolitischer Anforderungen und Paradigmen aussehen kann.



online seit 07.12.2007 10:49:19 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Vanessa Redak


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1502MALMOE-Schwerpunkt "Aufzucht und Ordnung"



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