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„Normal“ ist,... ...dass wir für blöd verkauft werden. Was Dokumentarfilme über Arbeit bewirken können “... Diese neuen Techniken der Reglementierung des Geistes sollten von intelligenten Minderheiten genutzt werden, um dafür zu sorgen, dass der Pöbel nicht auf falsche Gedanken kommt. Mittels der neuen Techniken der Gedankenkontrolle ist dies jetzt ohne weiteres möglich.“ (aus „Propaganda“ von Edward BERNAYS (1925), auch heute noch das Standardwerk der Public Relations-Industrie) Wurden Ich-AGs vor wenigen Jahren noch als hip verkauft, so greifen heute neue Beschäftigungsformen um sich, deren Prekarität sich kaum mehr schönreden lässt: Neue Selbständige, WerkvertragsnehmerInnen, Freie DienstnehmerInnen, Leihpersonal – oft „out-ge-sourced“ und an denselben Arbeitsplatz zurückgeholt, bloß mit weniger Rechten ausgestattet und geringer entlohnt. Gemeint sind Beschäftigungsformen, bei denen Menschen um ihre Arbeitsrechte betrogen werden. Neoliberale think tanks, wie in Deutschland die Arbeitgeberseitig finanzierte „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)“ (1) machen Stimmung für „mehr privat, weniger Staat“ und andere „profit over people”-Reformen. Dank der „camcorder revolution“ halten Filmschaffende und Medien-AktivistInnen weltweit „die Kamera drauf“: auf die Realität – das „Normale“. Halten Einzelpersonen und Gemeinschaften nun die Produktionsmittel in eigenen Händen, sind sie in der Lage über die Realitäten ihres Lebens in einer Art und Weise zu reflektieren, die sich deutlich von der Wahrnehmung eines/r Außenstehenden unterscheidet. Die eigene Geschichte zu dokumentieren, die eigene Stimme hör- und sichtbar zu machen veranschaulicht Aspekte, die in „mainstream“-Medien (2) selten zu finden sind. So führen Dokumentarfilme wie „A Day’s Work, A Day’s Pay“ von Kathy Leichter und Jonathan Skurnik am Beispiel der öffentlichen Dienste der Stadt New York vor Augen, wie es zu 1-Euro-Jobs kommen kann und wie sich Betroffene organisieren. Anhand dessen wird man sich – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – erst der eigenen Situation, oder der des Nachbarn bewusst. Durch das bewegte Bild stellt man fest, dass die eigene unsichere Lebenssituation nicht nur einen selbst betrifft sondern als „Phänomen“ ganzer Gesellschaften auftritt. Mehr noch – dass beispielsweise Konzerne innerhalb der Europäischen Union nichts lieber hätten, als das Lohnniveau nach unten zu nivellieren. Gleichzeitig lernen wir an Dokumentarfilmen wie „A Decent Factory“ von Thomas Balmès über chinesische Zulieferbetriebe von Nokia oder an Filmen über maquiladoras (3) vornehmlich in Lateinamerika und Asien, auf wessen Kosten wir profitieren, wenn wir der „Geiz ist geil“-Parole folgend auf Schnäppchenjagd sind. Und zugleich die Mehrheit von uns sich ohnedies immer weniger leisten kann (4). Filme über die Geschäftemacherei von Welthandelsorganisation, Weltbank und Internationalem Währungsfond runden das Bild ab. Nachdem kommerzielle Medien in hohem Maße von Werbeeinschaltungen abhängig sind und daher oft nicht zu einer ausgewogenen Berichterstattung neigen, sich Informationsvermittlung sogar im Besitz von Waffenproduzenten (5) befindet, erreicht uns zumeist ungenügende, unzusammenhängende oder medial verfälschte Information. Mit Dokumentarfilmen kann man also ruhigen Gewissens „couch potatoe“ bleiben: Man ist kein/e TV-KonsumentIn – man verändert die Welt. So geschehen im filmisch dokumentierten Fall von Nike und Kinderarbeit, den Abfüllanlagen von Coca-Cola in Indien, dem Gerichtsprozess McDonalds vs. Greenpeace, der Lidl-Kampagne, dem Veloce Fahrradbotendienst oder der KiK-Textilkette. Hier hat die Veranschaulichung von Lebensrealitäten Einfluss auf Unternehmen – bewirkt auch schon mal ihr Umdenken, versuchen sie ja ihre „gesellschaftliche Verantwortung“ zu beweisen. In jedem Fall aber beeinflussen Dokumentarfilme durch das Gefühl, das sie in einem zurück lassen und ihrer geballten Information die öffentliche Wahrnehmung. Nur sie bringen in Anbetracht der medialen Gleichschaltung die Medien dazu, Themen wie diese überhaupt anzugreifen. Sobald wir also wissen, womit wir es zu tun haben, sind wir in der Lage nicht nur eine eigene Haltung zu entwickeln sondern uns auch Handlungsspielräume zu eröffnen – und bleiben nicht länger der von BERNAYS anfangs beschworene Pöbel. Barbara Waschmann, Initiatorin und Koordinatorin der „Normale“, wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Dokumentarfilmfestival für Menschen ab 8 Jahren Anmerkungen: (1) www.zeit.de/2005/19/insm (2) dzt. Vivendi Universal, AOL Time Warner, Walt Disney Corp., News Corporation, Viacom, Bertelsmann AG (3) span. maquilar: "Mahlgeld abliefern“, "Goldmühle", Lohnfertigung für ausländische Unternehmen in steuer- und zollfreien Gebieten "zonas blancas" | „freie Produktionszonen“ | „Export Processing Zones“ (200 in etwa 50 Ländern). Auf diesen Territorien ist jegliches Recht außer Kraft gesetzt. Auf der Tagesordnung stehen Einschüchterung, Überwachung und Unterdrückung. Es kommt dann auch schon mal zu 90-Stunden-Wochen (etwa 13 Stunden an 7 Tagen die Woche), Verpflegung/Unterkunft in der Fabrik – die vom Lohn abgezogen werden, Tageslohn bei 2 Euro. (4) Insolvenzzahlen aus Österreich im „Rekord“jahr 2005: Nach endgültigen Berechnungen des Alpenländischen Kreditorenverbandes ein Plus von 13,4% auf 13.557 Fälle (7.050 Firmenpleiten und 6.507 Privatkonkurse), 29.000 betroffene Arbeitsplätze. (5) www.observatoire-medias.info (6) Österreich: www.respact.at vs. www.netzwerksozialeverantwortung.at EU: www.corporatejustice.org online seit 07.11.2007 11:31:41 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Barbara Waschmann Links zum Artikel:
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