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Reisen begleiten Ein Interview mit Jan Peters, Regisseur des Kurzfilms „Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde“ (zu sehen am 8.11. im Weltcafe in Wien) Du hast in deinem Kurzfilm „Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde“ sehr präzise das Vokabular des Prekarisierungsdiskurses eingesetzt, mit dem Flughafen einen mobilen, "flexiblen" Raum gewählt, mit der Fake-Doku ein hybrides Format gewählt. Wie hast du dich denn grundsätzlich versucht, (mit dem Medium Film) an das Thema anzunähern? Welche Ideen, Zugänge gab es noch? Als erstes gab es die tatsächliche Begegnung mit dem Rentner, der sich als "freier Reisebegleiter" ein Zubrot zu seiner Rente verdient. Diese Begegnung fand ziemlich genauso statt, wie sie im Film beschrieben wird: "Vor einiger Zeit war ich nach Frankfurt in das Künstlerhaus Mousonturm eingeladen, dort einige meiner Filme vorzuführen. Entgegen meinen Gewohnheiten kam ich in Frankfurt mit dem Flugzeug an. Da ich für ein Taxi zu wenig Geld in der Tasche hatte, entschloss ich mich, mit der U-Bahn zu fahren. Ganz unzeitgemäß hatte ich einen Schalter erwartet, an dem ich nicht nur die Fahrkarte lösen, sondern zuvor noch in Erfahrung bringen wollte, welche U-Bahnstation eigentlich mein Ziel war. Aber natürlich gab es statt Schalter nur Automaten. Als ich an einem dieser Automaten versuchte, Informationen über meine Reiseroute herauszufinden, wurde ich von einem älteren Herrn angesprochen, der mich fragte, ob ich gegen eine geringe Beteiligung mit auf seiner Gruppenkarte fahren wolle, das wäre auf jeden Fall günstiger als eine Fahrkarte. Er wusste auch gleich, wie man zum Mousonturm kommt. Während unserer gemeinsamen Fahrt begann ich zu begreifen, dass der Herr kein Flughafenmitarbeiter war, der aus irgendeinem Grund eine Gruppenkarte gelöst hatte und auf dem Weg nach Hause so freundlich war, einem Ortsfremden seine Unterstützung anzubieten; sondern dass es sich bei dem Anbieter dieser Mitfahrgelegenheit sozusagen um einen „freien Reisebegleiter“ handelte, der seiner Erwerbstätigkeit nachging (ein ehemaliger Lateinlehrer, der zu früh in Rente gegangen war und sich nun etwas dazuverdienen musste). Ungefähr 10,- bis 20,- Euro würden übrigbleiben, wenn man die 12,50 Euro für die Gruppenkarte, die er morgens investieren müsse, wieder abzieht. Illegal sei es nicht, denn es könne einem niemand vorschreiben, auf welche Weise man die Gruppe bilde, für die von der Verkehrsgesellschaft Gruppenkarten angeboten werden. Allerdings sei die Tätigkeit der „freien Reisebegleiter“ bei den Mitarbeitern der Verkehrsgesellschaft sehr schlecht angesehen, weshalb es häufig zu Kontrollen durch deren Sicherheitspersonal käme. Anfangs seien auch viele Arbeitslosengeld- und Sozialhilfeempfänger in der Branche tätig gewesen. Aber das Sicherheitspersonal hatte diese nach Personalienkontrollen den betreffenden Ämtern gemeldet und in Schwierigkeiten gebracht, weil sie nicht gemeldete Einkünfte gemacht hätten. Weshalb jetzt eigentlich nur noch Rentner wie er in diesem Bereich tätig wären. Er hätte insgesamt 14 Kollegen, von denen 10 regelmäßig kämen. Das schwierigste daran sei, das Misstrauen der Kunden zu überwinden, viele dächten, es sei ein illegales Geschäft oder sie würden betrogen. Vielleicht sollte man eine Akzeptanzkampagne für „freie Reisebegleiter“ starten, schlug ich vor und bot an, ein kleines Filmportrait über meinen Begleiter zu drehen. Er lehnte dies ab, da er nur ungern vor die Kamera treten würde, bot mir aber an, mich innerhalb weniger Tage in die Geheimnisse seiner Tätigkeit einzuweihen, damit ich sie dann selber ausüben und einen Erfahrungsbericht darüber verfilmen könne." Hat das Thema des Films die Wahl der Gestaltungsmittel beeinflusst? Das dokumentarische Material wurde nicht mit einer Film- oder Videokamera gedreht, sondern mit einem digitalen Fotoapparat, der auch bewegte Bilder in sehr guter Qualität aufzeichnen kann. Der Vorteil ist, dass die digitale Fotokamera meist gar nicht als "richtige" Filmkamera wahrgenommen wird und dadurch eine ganz besondere Form der Annäherung an Situationen und Personen erlaubt. Gleichzeitig ist die technische Bildqualität so hoch, dass das Material problemlos auf 35mm aufgeblasen werden kann. Um den direkten, erlebnishaften Charakter der Situationen zu erhalten und um die Intensität des Kontakts zu den Protagonisten aufbauen und halten zu können, wurden die Aufnahmen zusätzlich mit einem sehr kleinen Team durchgeführt, das von außen kaum als Filmteam wahrnehmbar war. Der Tonmann (Johannes Grehl bzw. Michel Klöfkorn) zum Beispiel hat mit Funkmikrofonen gearbeitet, so dass er bei den Interviews in der U-Bahn, oder bei dem Gang über den Flughafen (ohne Drehgenehmigung) immer in 50 Meter Entfernung zum Team agieren konnte und nicht so wirkte, als hätte er irgendetwas mit dem kleinen Fotoapparat zu schaffen. Eine weitere Überlegung war, dass die Kamera für den/die Zuschauer/in sichtbar gemacht werden sollte, damit er/sie verstehen kann, wie es möglich ist, die Situationen und Personen, auf diese besondere Art darzustellen. Deshalb gibt es die Szene, bei der ich als filmender Autor des Films mit der Kamera in der Hand vor einen Spiegel auf der Toilette im Flughafen stehe. Die Kamera ist so für den Zuschauer in dem Moment sichtbar, in dem sie das betrachtete Bild aufzeichnet. Welche Möglichkeiten siehst du für Film, "etwas", "jemand" zu erreichen? Welches "Einsatzgebiet" hat dieser dein Film? Ich möchte mit meinem Film "Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde" keine Aufklärungsarbeit machen, oder gar Propaganda. Die Idee ist es, Überlegungen aufzuzeigen und Diskussionen loszutreten. Dazu ist es natürlich am besten, wenn der Film von möglichst vielen gesehen wird. ************************************* FILM UND DISKUSSION MALMOE, die Gruppe Kinoreal und die Videothek 8 1/2 laden zu einem Film- und Diskussionsabend am Do, 8.November 19h30 im Weltcafe (Schwarzspanierstr. 15, Wien 9) Gezeigt werden zwei Filme aus der Kinoreal-Reihe "Arbeitswelten" vom Filmfestival Crossing Europe 07 in Linz: "Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde" von Jan Peters "Die Unzerbrechlichen" von Dominik Wessely Anschliessend Diskussion zum Thema "Was können Dokumentarfilme über Arbeit (bewirken)?" mit Barbara Waschmann (Normale) und Peter Grabher (kinoki). Moderation: Michael Loebenstein (kinoreal). ************************************* online seit 06.11.2007 10:49:01 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Interview: Gunnar Landsgesell Links zum Artikel:
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