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Die Rückkehr der Kernfamilie Wie neu sind „neue Familienformen“? Das bürgerliche Ideal von Vater/Mutter/Kind(ern), das den Inbegriff der Kernfamilie darstellt, erfährt in modernen Gesellschaften vermehrt Erosion. Die Soziologie findet hier Begriffe wie „Patchwork-Family“, „Stieffamilie“ oder „multiple Elternschaft“. Hinter diesen Begriffen verstecken sich oft unklare Lebensweisen, denen meist ein Sachverhalt gemeinsam ist: Die biologischen Eltern trennen sich und die jeweils neuen PartnerInnen müssen eine Beziehung zu den aus der ersten Partnerschaft mitgebrachten Kindern aufbauen. Wer sich mit Stieffamilie befasst, merkt schnell, dass die Hauptkategorie des „sozialen Elternteils“ alles andere als neu ist. Im Gegenteil: Erst zur Zeit der Industrialisierung erfuhr die Kernfamilie jene Bewertung, die die Basis für den heutigen Irrtum ist, dass sämtliche Phänomene der Zeit nach den 1970er Jahren einem Zerbrechen der scheinbar schon immer da gewesenen Kernfamilie gleichkämen. Die vorindustrielle Familie war davon gekennzeichnet, dass das ganze Haus mehr galt als die Ehe-Dyade. Das Ideal der Liebe „auf Lebenszeit“ kam ebenfalls erst mit der Industrialisierung zu seiner Blüte. Aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate stellte der soziale Elternteil (als Ersatz für den biologischen Elternteil) eher die Norm als die Ausnahme dar. Die Dekonstruktion der Apriori Meines Erachtens fehlt in der Pluralisierungsdebatte häufig ein Gesichtspunkt: die explizite Sichtbarmachung der Apriori von Familie. Es hat sich gezeigt, dass gerade Stieffamilien mit diesen Apriori einen experimentellen, beinahe spielerischen Umgang gefunden haben. Die Eckpfeiler dieses Apriori sind: • Hierarchie der sexuellen Orientierung: Heterosexualität wird immer in einem Komparativ zu Homosexualität gedacht: „normaler“, mehr, besser für die Kinder. • Bewertung der Sexualität: Monogamie wird in der Bewertung über Polygamie gestellt. • Verwandtschaft: Biologische Verwandtschaft wird in ihrem Stellenwert als „die wahre Familie“ über soziale Verwandtschaft gestellt. • Haushalt: „Wahre Familie“ und gemeinsamer Haushalt werden als eine Einheit gedacht. Wie meine empirischen Untersuchungen zeigen, passiert aber der Übergang aus einer „gescheiterten“ Beziehung (in der es Kinder gibt) zu einer neuen Beziehung meistens phasenweise und nicht von heute auf morgen. Die ehemaligen PartnerInnen (und gemeinsamen biologischen Eltern) versuchen in der Regel, eine Lösung zu finden, in der nicht alle Pfeiler des früheren Familienlebens – wie beispielsweise der gemeinsame Haushalt oder sogar die gesamte Beziehung, ausgenommen die gemeinsame Sexualität – aufgelöst werden müssen. Zumeist geschieht dies zum Wohl der Kinder. Die ehemaligen PartnerInnen handeln explizit oder aber implizit aus, dass z.B. die Sexualität außer Haus gelebt werden darf. Im Hinblick auf neue Familienkonstellationen ist die Definition von Familiengrenzen über die Namensvergabe sehr aussagekräftig: Kinder handeln ihre Familiengrenzen oftmals explizit über die Namenvergabe für – biologisch wie nicht biologisch verwandte – Personen aus. So antwortete ein Kind auf das Angebot seiner biologischen Mutter, die Mutter ihres neuen Partners „Oma“ zu nennen, mit dem Ausspruch: „Danke, ich habe schon genug“. Hier wird mit Elementen der Kernfamilie – und seien es auch nur sprachliche Referenzen wie „Oma“ – gespielt und Familiengrenzen ausgehandelt. Tatsache ist, dass Intimität und Fürsorge vermehrt von der traditionellen Kernfamilie entkoppelt werden. In Anlehnung an eine Definition der Soziologin Barbara Hobson lässt sich Elternschaft analytisch in die Funktionen Parenthood, Parenting und Parents trennen. Hier wird unterschieden zwischen dem biologischen Faktum (Parents), der sozialen und institutionalisierten Rolle (Parenthood) und dem tatsächlichen „Bevatern“ und „Bemuttern“ (Parenting). Diese Rollen werden fortschreitend entkoppelt. Intimität und Fürsorge, die gemeinhin der heterosexuellen Kernfamilie zugeschrieben werden, werden zunehmend in anderen Familienpraktiken (z.B. Freundschaftsfamilien) oder in atypischen Familien (z.B. Stieffamilien) gelebt. Queer Theory und Kernfamilie Hinter vielen atypischen hetero- wie homosexuellen Familienkonstellationen verbergen sich folglich unter anderem verdeckte Pflege- und Fürsorgetätigkeiten. Stiefelternteile (egal welcher sexueller Orientierung) leisten Betreuungsarbeit oder finanzielle Unterstützung für Kinder, die aber nicht staatlich anerkannt wird. Provokant formuliert sind Stiefelternteile unsichtbare Kinderbetreuungsplätze. Daraus folgt eine Reihe von Benachteiligungen in sozialer und rechtlicher Hinsicht, die Mitglieder von Stieffamilien zu StaatsbürgerInnen zweiter Klasse machen. Damit wird eine Beobachtung der Queer Studies evident, die besagt, dass jede Begehrensdebatten letztendlich auf einen Diskurs über StaatsbürgerInnenrechte hinausläuft. Es ist jedoch offen, ob z.B. eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehe tatsächlich einen „befreienden“ Einfluss auf Familienmodelle insgesamt haben würde, oder ob die rechtliche Anerkennung homosexueller Verbindungen als Ehe und Familie dieselben „heterosexualisiert“. So sind lesbische Mütter oftmals zerrissen zwischen dem Anspruch, eine „gute Lesbe“ (also nicht Mutter) oder eine gute Mutter (also nicht Lesbe) zu sein. Denn das Konzept der heterosexuellen Kernfamilie entpuppt sich bei aller Pluralisierung als erstaunlich dominante Referenzfolie. Aus meiner Forschung kann ich sogar die Beobachtung ableiten, dass es zu einer Rückkehr der Kernfamilie kommt. Es handelt sich dabei nicht um die Kernfamilie im Verständnis der Nachkriegsjahre, zu der Ehe, gemeinsamer Haushalt und biologische Kinder gehören, sondern um einen Wert, der für die Kinder nicht nur als solcher, sondern in ganz konkreten alltäglichen Praxen vermittelt wird. Er äußert sich in Form eines spielerischen Umgangs mit den Apriori der ehemaligen Beziehungsvereinbarung. Der Rückkehr der Kernfamilie ist auf zwei Ebenen zu konstatieren. Zum einen auf der Ebene der Wertschätzung dieses Konzepts durch die befragten Personen, sei es, indem die Ex-PartnerInnen und das gemeinsame Kind nach wie vor in ihrer Selbstwahrnehmung die „wirkliche Familie“ sind, oder indem ein lesbisches Paar ganz besonders stark die Triade zwischen Mutter, Mutter, Kind betont. Ebenso konstatiere ich diese Rückkehr auf einer anderen Ebene, nämlich dann, wenn jemand in einem alltäglichen Vollzug teilweise noch auf die Konstellation der Kernfamilie zurückgreift und gleichzeitig schon in einer neuen Familienkonstellation lebt. In all diesen Fällen wird mit dem Konzept der Kernfamilie agiert. Dies steht aber nicht im Kontext einer Höher- oder Minderbewertung der neuen Beziehung, sondern es zeigt viel mehr, dass Familienmitglieder nicht eine Familie zugunsten einer anderen aufgeben, sondern in ihrem Alltag nach wie vor mit Aspekten der „ersten Familie“ verbunden bleiben. Einmal gelebte Beziehungen wirken in die Stieffamilie hinein. Die Norm der Kernfamilie wirkt nach wie vor stark. Offen sind die Beziehungen dort, wo sie mit der klassisch bürgerlichen Familiendefinition in innovativer Weise zu spielen beginnen. Was die „hidden care“ betrifft, können die Verhältnisse aber tatsächlich ein prekäres Ausmaß annehmen. Eine Langversion dieses Artikel erscheint Anfang 2008 in dem Band „Freiheit und Geschlecht - offene Beziehungen, prekäre Verhältnisse“ (Studienverlag) online seit 05.11.2007 10:33:25 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Katharina Miko |
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