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Archive des Unsichtbaren Die Arisierungsgeschichte des eigenen Wohnhauses recherchieren „Glashüttenwerke Leopold Stiassny“ steht in großen, verwitterten Lettern auf der Front des Hauses, in welches wir vor drei Jahren gezogen sind. Hier befindet sich auch tatsächlich eine Glaserei, die heute den Namen Fritsch-Stiassny trägt - scheint also alles seine Richtigkeit zu haben. Eines schönen Maimorgens letzten Jahres sprossen dann weiße Rosen vor unserer Haustür. Im Rahmen des Schulprojekts „A Letter to the Stars“ wurden sie vor jene Häuser gelegt, aus denen Juden und Jüdinnen deportiert wurden. In unserer Nachbarschaft steckten damals in fast jedem Hauseingang drei, vier, manchmal auch zehn weiße Rosen. Plötzlich wurde auf eigenartige Weise die Vergangenheit dieses ehemaligen jüdischen Bezirks präsent, der heute nach einem im 17. Jahrhundert die Wiener Juden vertreibenden Kaiser „Leopoldstadt“ benannt ist. Am Anfang unserer Straße befand sich vor dem Krieg eines der vielen großen jüdischen Theater; zwei Häuser weiter, wo heute ein Neubau inklusive Billa untergebracht ist, war während der NS-Zeit eine Sammelwohnung, von der aus jüdische Bürger deportiert wurden. Doch kein Wort davon in unserer Straße. Stattdessen erinnert eine Gedenktafel daran, dass die renommierten Psychotherapeuten Viktor Frankl (1942 deportiert nach Theresienstadt) und Alfred Adler hier gewohnt haben. Etwas, womit Wien sich schmücken kann? Was ist das für ein Ort, in dem wir wohnen. Was mag sich in unserem Haus zugetragen haben? Was für eine Vergangenheit hat unsere Wohnung, in der wir tagtäglich aus- und eingehen, die wir putzen und rein halten, in der wir kochen, arbeiten, feiern und schlafen? Und wer war Leopold Stiassny, dessen Namen immer in unserem Augenwinkel auftaucht, wenn wir das Haus betreten und verlassen? In Wien lebten bis 1938 über 185.000 Juden, die meisten davon bei uns im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Heute erinnert nichts mehr an sie, die Unsichtbarmachung der blutigen Geschichte funktioniert so gut, dass wir nicht einmal merken, worüber wir täglich stolpern und was wir nicht wissen. Erst in einer langen und teilweise auch sehr aufwändigen privaten Recherche schält sich langsam heraus, dass besagter Herr Stiassny, damaliger Besitzer des Hauses und der zugehörigen Glashüttenwerke, einer von ihnen war und 1938 von den Nazis seines gesamten Besitzes beraubt wurde. 1939 ist er mit seinen Brüdern Arnold und Hugo Stiassny und deren Familien nach Prag geflohen, wo Leopold kurz darauf verstarb. Arnold Stiassny wurde 1942 in einem „jüdischen Transport“ von Prag nach „unbekannt“ deportiert. Von Hugo Stiassny finden wir keine Spur mehr. Die folgende Darstellung orientiert sich chronologisch an unserer Suche nach den ehemaligen Besitzern unseres Hauses und gibt einen Überblick über verschiedene Informations- und Recherchemöglichkeiten. Nicht Wissen... Unsere Reise beginnt am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Dort bekamen wir den ersten Hinweis, wer in unserem Haus vor dem Zweiten Weltkrieg gewohnt hatte: Wir sollten nach „Lehmanns Wohnungsanzeiger“ fahnden, riet man uns dort. „Lehmänner“ sind die Wiener Adressbücher, die es mit Unterbrechungen seit 1861 gibt. Wir fanden sie im Wiener Stadt- und Landesarchiv auf Mikrofilm vor. Alle in Wien hauptgemeldeten Personen werden in zwei Bänden angeführt - einer nach Adressen (mit zugehörigen BewohnerInnen) und ein anderer nach Familiennamen (mit Adresse). Der Inhalt gibt Auskunft über Name, Vorname, Beruf, Adresse, Einlagezahl (EZ) und Eigentümer der Liegenschaft. Eigentümer unseres Hauses waren laut Lehmann die „Böhmische Glashüttenwerke Stupno Bras, L. Stiassny“. Mit dieser Namensliste in der Hand durchforsteten wir die Datenbank des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Darin sind österreichische Holocaust-Opfer mit über 62.000 Namen erfasst. In die einfach zu bedienende Suchmaske kann man den betreffenden Namen eingeben, woraufhin ggf. das Foto und wann und wohin die Person deportiert wurde, angezeigt wird. Allein bei jenen Personen, die 1938 in unserem Haus gewohnt hatten, schlug dies in mehreren Fällen an. Allein mit den Namen ist es oft schwierig, die Identität einer Person zu verfolgen. Will man bei der Suche Zweifel ausräumen, braucht man z.B. das genaue Geburtsdatum. In der „Staatsbürgerschaftsevidenzstelle“ der Magistratsabteilung 61 im Rathaus konnte bis vor kurzem das Geburts- und Todesdatum von allen in Wien gemeldeten Personen eingesehen werden. Seit 2006 ist dafür die MA 35 (Einwanderung, Staatsbürgerschaft, Standesamt) zuständig. Wir konzentrierten unsere Recherche jedoch weiter auf die Geschichte der Hauseigentümer. Um die Besitzverhältnisse des Hauses nachzuvollziehen, müssen wir die Grundbücher ausfindig machen. Das Grundbuchamt im Bezirksgericht Leopoldstadt ist dafür die richtige Adresse. Eine Unzahl riesiger Wälzer wartet dort auf einen. Um das richtige Grundbuch zu finden, braucht man die Einlagezahl, die uns im Lehmann bereits begegnet ist. Das ganze ist ziemlich unübersichtlich: ein einziges Textmeer in Kurrentschrift auf riesigen Seiten. Das Grundbuch zu unserem Haus beginnt im Jahr 1927. In den Jahren 1938/1939 taucht die mehrmalige Eintragung auf, dass die Liegenschaft vom „Deutschen Reich“ einverleibt wurde. Es steht da schwarz auf weiß. Natürlich begannen wir uns auch für andere Adressen von Freunden im zweiten Bezirk zu interessieren und bei jedem zweiten Haus wurden wir fündig. Wie die Bewohner im Lehmann wechseln auch hier die Besitzer im Grundbuch in den Jahren 1939-1942 extrem oft. Die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in unserer direkten Nachbarschaft wird auf einmal erschreckend plastisch. Erst 1956 finden wir die Eintragung, dass das Haus in einem Rückstellungsverfahren an einige Personen zurückgegeben wurde, von denen jedoch keine den Namen Stiassny trägt. Wie weiter? Wir wollten mehr wissen, über die Stiassnys und wer die Personen waren, die das Haus in den 50er Jahren wieder bekommen haben. Die Anlaufstelle der Israelitischen Kultusgemeinde für jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich hat uns ans Staatsarchiv weiter verwiesen. Staatsarchiv Für einen Besuch des Staatsarchivs (Österreichisches Staatsarchiv, Nottendorfergasse 2, 1030 Wien. Tel.: 01-79540 0, adrpost@oesta.gv.at) haben wir einem zuständigen Mitarbeiter unser Anliegen telefonisch dargelegt und einen Termin ausgemacht. Die angefragten Unterlagen wurden im Vorfeld von ihm gesichtet und bei unserem Termin einige Tage später legte er uns dar, was für Material noch vorhanden ist, was er herausfinden konnte und was nicht. Dann führte er uns in den Lesesaal, wo mehrere Kartons auf uns warteten - kreuz und quer vollgepackt mit Briefen, Urkunden und Formularen: Es war mehr oder weniger alles, was irgendwie mit der Familie Stiassny zu tun hatte. Eine unwirklich anmutende Szenerie – das perfide Procedere der Arisierung – tat sich vor uns auf: Wir kramen einen Brief heraus, in dem Leopold Stiassny am 8.8.1938 schreibt: „Höfl. bezugnehmend auf unsere mehrmaligen Rücksprachen, erklären wir uns bereit, wegen Arisierung unserer Firma in Verhandlung zu treten.“ Die Stiassnys mussten so genannte „Ansuchen um Genehmigung der Veräußerung“ (!) ausfüllen, in denen ihre „Rassenzugehörigkeit“, Familienstand und Preis des Betriebs („Gestehungspreis“) angegeben waren. Außerdem fanden sich Bewerbungsschreiben von Käufern für die Glashüttenwerke, die ihre nationalsozialistische Gesinnung beteuerten, dazu Gutachten von der Gestapo, die dies bezeugten oder in Zweifel zogen. Doch das eigentliche Ziel unserer Suche, das wir kurzzeitig aus den Augen verloren, war hiermit erreicht: Durch die Akten konnten wir feststellen, dass die Personen im Rückstellungsverfahren die Töchter und Enkelinnen der drei Brüder Stiassny waren. Unser Haus wurde also an überlebende Hinterbliebene rückerstattet, die es später wieder verkauften. Sprachlosigkeit Wenn man sich nicht stundenlang in Archive setzt und (staubige) Akten durchwühlt, weiß man gar nichts über die Verbrechen, die im eigenen Haus und in der Nachbarschaft stattgefunden haben. Die Errichtung von Gedenktafeln oder Stolpersteinen muss von Nachfahren der Vertriebenen und Ermordeten oder von wenigen engagierten Einzelpersonen eingefordert werden, die darum kämpfen müssen, ins öffentliche Bewusstsein zu gelangen. Aber haben nicht eigentlich die heutigen Hausbesitzer eine Verantwortung, die Geschichte ihrer Besitzungen zu thematisieren, anstatt die Zensur der kollektiven Erinnerung zu unterstützen (wie z.B. beim Nestroyhof, dessen Besitzer bis heute von ihrem Privileg Gebrauch machen, die Erinnerung zu verweigern). Die Botschaft ist klar: Diese Erinnerungen haben hier keinen Platz. Die damit zusammenhängende Sprachlosigkeit steht in einer Tradition des angestrengten „Ent-innerns“ (Recherchegruppe zu schwarzer österreichischer Geschichte). Die weit zurückreichenden historischen Spuren jüdischer Frauen, Männer und Kinder wurden verwischt und ausgelöscht. Was wir nicht sehen, ist kein Zufall. Wenn es nicht die VermieterInnen tun, dann sollten es eben die MieterInnen machen. Wer sich also auf der Suche nach ähnlichen Informationen machen will, oder es bereits getan hat, kann sich gerne über die MALMOE-Redaktion mit uns in Verbindung setzen. online seit 04.06.2007 11:11:04 (Printausgabe 37) autorIn und feedback : Ascan Breuer, Ariane Sadjed |
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