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Wien’s Notting Hill Gentrifizierung in Ottakring Der untere Teil des Yppenplatzes wurde von der Gebietsbetreuung im Zuge der letzten Renovierungsarbeiten ganz toskanisch in „Piazza“ umgetauft. Mit seinen hippen Galerien, Bars und Biorestaurants repräsentiert diese Zone heute das Herz einer neuen, mittelständischen Art von Repräsentation und Konsum im Osten des migrantisch geprägten ArbeiterInnenbezirks Ottakring. „Am Brunnenmarkt im Arbeiterbezirk Ottakring … regiert orientalisches Flair: … Tausende nicht wienerische Aromen konkurrieren in der Nase. Die meisten der Stände dieses alten Vorstadtmarktes befinden sich heute in türkischer Hand. Das ganze Viertel wurde jedoch seit langem vernachlässigt und ist mittlerweile zu einer schäbigen Meile verkommen. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen nun die Marktzeile und die umliegenden Gassen mit 4,5 Millionen Euro herausgeputzt werden. ‚Das wird das Notting Hill von Wien’, frohlockt Omar Al-Rawi.“, schrieb Die Zeit am 10.11.2005. Die Prognose des sozialdemokratischen Gemeinderats Al-Rawi, dass die türkische Prägung des Wiener Brunnenmarktes sich in einen mehrwerttauglichen Standortfaktor verwandelt, scheint heute wahrscheinlicher denn je zu sein. Eine neue kommerzielle Infrastruktur von (Bio-)Restaurants, Cafés und Galerien hat sich fix in die Gegend um den Brunnenmarkt eingeschrieben und wird sich über den Sommer weiter entfalten. Besonders der Yppenplatz wird sukzessive mit Insignien ausgestattet, welche dem Mainstream der Minderheiten (Holert/ Terkessidis) einer alternativ auftretenden, jungen Mittelschicht entgegenkommen. In Wiens „Little Notting Hill“ kann Multikulturalität beispielsweise im Restaurant ANDO in Speisenform genossen werden. Dessen türkisch/österreichischer Besitzer feierte mit seinem Konzept der weltoffenen Repräsentation im Gastgarten bereits am traditionsreichen Naschmarkt einen großen Erfolg. Dort profitierte das Lokal von der sukzessiven Wandlung des Marktes im Zuge der 90er Jahre von einem preiswerten Handelsplatz, der auf die Befriedigung alimentärer Grundbedürfnisse ausgerichtet war, hin zu einer Erlebnismeile, die in TouristInnenführern als multikultureller Spezialitäteneldorado und angesagte Repräsentationszone angepriesen wird. Als die mit kulturellem Mehrwert aufgeladenen Verkaufspreise in die Höhe schnellten, änderte sich das Publikum des Naschmarktes und es kam zu einem Bourgeoisierungsschub. Konzept und Aussehen des ANDO am Yppenplatz sind ähnlich wie bei seinem Vorbild, dem DOAN: lediglich die Buchstaben des Namens wurden vertauscht. Auch hier wurde Verkaufsraum in Gastronomieraum transformiert; eine riesige, alte Waage mitten im Lokal sorgt zusätzlich für Marktflair. Diese wirkt wie ein isolierter Signifikant aus vergangenen Zeiten, in denen der Ort noch dem massenhaften Umschlag von gewichtigen Waren gedient hatte. Heute werden in dieser Ecke des Marktes neben mediterranen Spezialitäten Bioprodukte konsumiert, das Warensortiment ist auf die Bedürfnisse eines mittelständischen Publikums zugeschnitten. Die Fassade des Lokals ist mit Graffitis geflügelter Schweineseelen geschmückt, eine augenzwinkernde Ode an die Reihe von Fleischhauern auf der anderen Seite des Marktes. Die Gäste in größtenteils postfordistischen, wissensbasierten Arbeitsverhältnissen an den polierten Aluminiumtischen schätzen diese erstarrten, harmlosen Insignien aus fordistischen Zeiten, denn sie verweisen auf die ursprüngliche Funktion dieser über Jahrzehnte dem Lebensmittelhandel gewidmeten Zone; allerdings ohne die Armut und die harten Arbeitsverhältnisse: den Lärm, das Blut und den Schmutz. In einem Lifestlye-Magazin des ORF schwärmte eine Modedesignerin, die ihr Label schlicht „Milch“ taufte, vom „ländlichen“ Charakter des Platzes. Weil sie ihre Mode als „Basisprodukte“ versteht und ihre Kollektion deshalb als „Milchprodukte“ vertreibt, käme es deswegen immer wieder zu Verwechslungen. Lachend erzählt sie, dass sie erst kürzlich von einem Bauern am Markt gefragt worden sei, wo denn ihr „Milchproduktegeschäft“ sei: „der hat echt g’meint ich verkauf’ Milch!“ (1). De- und Reinvestition im Brunnenviertel Vor einigen Jahren hätte diese Frage wohl noch nicht für Gelächter gesorgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg boten die Außenbezirke westlich des Gürtels für den Aufbau der industriellen Massenproduktion einen wichtigen Ressourcenpool an Arbeits- und Kaufkraft. Das Wohnen im Brunnenviertel war durch ein effektives Mietengesetz zwar preiswert, doch die Häuser aus der Gründerzeit meist baufällig. Aus Mangel an Profitmöglichkeiten mieden HausbesitzerInnen Renovierungsarbeiten. In den 70er setzte ein stetiger Abwärtstrend dieser proletarischen Zonen ein, als viele österreichische ArbeiterInnen in den „Speckgürtel“ der Stadt und in moderne Gemeindebauten zogen. Deren sozialer Aufstieg wurde ermöglicht durch die staatliche Anwerbung eines Ersatzheeres an GastarbeiterInnen, die nicht nur ihre schlechten Jobs sondern auch ihren minderwertigen Wohnraum übernahmen. Die Situation verschärfte sich drastisch, als ausgerechnet eine SPÖ-Alleinregierung 1981 Halbjahres-Mietverträge einführte, die keiner Mietgrenze unterlagen. Josef Iraschko, langjähriger Mietrechts-Experte für die Gebietsbetreuung Ottakring, berichtet, dass in den 80er Jahren „Spekulanten reihenweise Kleinwohnungen aufgekauft haben, um entrechtete MigrantInnen unglaublich abzuzocken, und das völlig legal“. Bis zu dreifache Mietpreise und horrende Ablösen waren nur mit Überbelegung der meist ohnehin baufälligen Wohnungen leistbar. (Laut Statistik Austria zahlten 1993 EinwohnerInnen mit ex-jugoslawischer und türkischer Staatsbürgerschaft im Schnitt um 20% mehr für ihren Wohnraum als ÖsterreicherInnen, im unteren Segment sind die Wohnkosten sogar um 52% höher.) Diese Konstellation sorgte für soziale Spannungen unter migrantischen BewohnerInnen und Konflikten zwischen sogenannten GastarbeiterInnen und der „Mehrheitsbevölkerung“. Der Osten Ottakrings fiel in der Folge einer von Mietwucher offensiv vorangetriebenen Dynamik des urbanen Verfalls zum Opfer. Teilweise füllten illegale Alternativökonomien das Vakuum der abgesiedelten Wirtschaftsbetriebe, bald galt unter vielen WienerInnen das Grätzl ebenso wie der Gürtel während der Nacht als No-Go-Area. Die Stadt hilft mit Paradoxerweise bereitet nach der Theorie des Gentrifizierungsforschers Neil Smith gerade solch ein gebündelter Exodus an Kapital den Boden für dessen fulminante Wiederkehr auf. Je höher demnach die Differenz zwischen der potentiellen, aus einem Gebäude erwirtschaftbaren Profitrate und seiner momentanen Profitrate ist, desto attraktiver wird es als Kapitalanlage. Über diesen Mechanismus entsteht ein ständiger Zyklus von räumlichem Zerfall und Wiederaufbau, in dem sich „Pleite und Boom“ ablösen. Diese Zyklen sind alles andere als natürliche oder gar zufällige urbane Phänomene. Der Rhetorik neoliberaler Unternehmenspolitik zum Trotz spielt die öffentliche Hand eine zentrale Rolle in der Attraktivierung eines Viertels für private Kapitalinvestitionen, so die Stadtforscher Smith und Hackworth. Auch die Stadt Wien investiert in die Aufwertung des Gebietes „Gürtel-West“: Von 1995-2000 schuf die Stadtverwaltung im Rahmen des von der EU geförderten Projektes „Urban Wien Gürtel Plus“ Anreize für die Ansiedelung einer jungen, unternehmer-orientierten Kunstszene unter den Bögen des Stadtbahn-Viaduktes. Im Brunnenviertel selbst begann 1997 ein Prozess der BürgerInnenbeteiligung für die Neugestaltung des Yppenplatzes, welcher 2000 abgeschlossen wurde. Zwei Jahre später lancierte die Stadt Wien ein ähnliches Beteiligungsverfahren für die Restrukturierung des Brunnenmarktes, die bis 2010 abgeschlossen sein soll. Bis dahin werden private Bauträger € 25 Mio., die öffentliche Hand € 4,3 Mio. in die Neugestaltung des Brunnenviertels investiert haben. Dieses Jahr entstehen private Wohnbauprojekte an der Stelle des „Osei“, am „Wollnerhof“, dem „Yppenheim“ und dem „Kadlec“; die Stadt fördert 15 Sockelsanierungen im Grätzl, das ist die höchste Sanierungsquote Wiens. In den gesamten Westgürtel werden 2007 € 311 Mio. an staatlichen Subventionen für private Renovierungsprojekte fließen. Es besteht wenig Zweifel, dass nun, da alle Schienen auf Aufwertung gestellt sind, sich die demografische Zusammensetzung des Brunnenviertels nachhaltig verändern wird. Analog zu diesem Kapitalzufluss scheint sich der über die Jahre in den Raum eingeschriebene, schwierige Alltag des migrantischen ArbeiterInnenviertels Ottakring immer mehr in eine Authentizität verleihende Metaebene zu verwandeln. Die spezifische Praxis der kulturellen Distinktion in den Repräsentationsformen der neuen EinwohnerInnen tritt in Spannung zu bereits etablierten, von einer verarmten ArbeiterInnenschicht definierten Raumpraxen. Die Frage stellt sich, ob es dadurch nicht zu einer symbolischen Kolonisierung eines von MigrantInnen und ArbeiterInnen beherrschten Sozialraumes kommt, im Zuge derer Ethnie als Exotik, und Armut als Authentizität vermarktet wird. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Kapitalzufluss die Wohnungspreise in die Höhe treibt und die ursprünglichen TrägerInnen dieser räumlichen Alltagspraxen aus „Wiens Notting Hill“ verdrängt werden. (1) Aus: Erlebnis Österreich, ausgestrahlt im ORF am 14.10.2006 Literatur Dangschat, Jens (2000): Segregation und dezentrale Konzentration von Migrantinnen und Migranten in Wien, in: Schmals K. (Hg.): Migration und Raum. Leske + Budrich: Opladen, 155-182. Holert, Tom/ Terkessidis, Mark (Hg.) (1996): Der Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin: ID-Verlag. Smith Neil, Gentrification and the Rent Gap, in: Annals of the Association of American Geographers. Vol. 77 (1987), 462-465. Smith, Neil/Hackworth, Jason (2000): The Changing State of Gentrification, in: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie. 2001, Vol.92, No.4, pp.464-477. online seit 22.05.2007 14:57:13 (Printausgabe 37) autorIn und feedback : Jakob Weingartner Links zum Artikel:
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