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„Schon wieder eine katholische Messe im Fernsehen?“ Ein Interview mit der slowenischen Autorin Suzana Tratnik Suzana Tratnik ist Schriftstellerin und Übersetzerin in Ljubljana, Slowenien. Ihr Roman "Mein Name ist Damian", in dem sie sich aus der Sicht des 16-jährigen Damian u.a. mit der transgender Thematik auseinander setzt, ist 2005 im Milena Verlag auf deutsch erschienen. Ihr neuer Roman "Die dritte Welt" wird demnächst in Slowenien veröffentlicht. Darin spürt Tratnik den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und des Coming-Out in einem sozialistischen Land nach. Suzana Tratnik ist außerdem Mitgründerin des Lesbenclubs Monokel in Metelkova, Mitarbeiterin eines Notruftelefons für Frauen, außerdem u.a. engagiert beim Festival of Gay and Lesbian Film, das Rdece zore festival und dem City of Women Festival. Die autonome Kulturzone Metelkova (benannt nach der Metelkova-Straße in Ljubljana) entstand 1993 aus der Besetzung der verlassenen Militärbaracken des slowenischen Hauptquartiers der ehemaligen jugoslawischen Armee. 2005 wurde ihr der Status eines nationalen Kulturerbes zuerkannt. Metelkova stellt 40% des nicht-kommerziellen Musikangebots der Stadt. Derzeit ist Metelkova vom Abbruch bedroht – formell aufgrund des neuen Gesetzes über die Cateringindustrie, das den Ausschank von Getränken für nicht-kommerzielle Clubs verbietet. Die KulturarbeiterInnen und AktivistInnen von Metelkova wehren sich vehement gegen die Zerstörung dieses einmaligen Ortes. Im Folgenden die Langfassung des MALMOE-Interviews mit Suzana Tratnik: Du hast einmal bedauert, dass im Zuge der Transformation Sloweniens in Richtung Kapitalismus in den 1990er Jahren sehr viel kreatives Potenzial verloren und Chancen vertan worden sind. Betrifft das auch die Situation der queer community? Auf der einen Seite hat sich unsere Situation stark verbessert: Es gibt bessere Infrastruktur, wir kommen in den Medien vor, es gibt ein neues Gesetz für registrierte gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften – wenngleich es nicht das Gesetz ist, das wir wollten. Auf der anderen Seite hat sich die Situation verschlechtert: Offene Anfeindungen gegen Lesben und Schwule, Frauen und Minderheiten; Gewalt gegen Lesben und Schwule rund um die Gay Pride in Maribor und Ljubljana. Ein Politiker einer Regierungspartei hat öffentlich gesagt, er würde niemals mit einem homosexuellen oder schwarzen Menschen Kaffee trinken. PolitikerInnen beschuldigen Lesben und Schwule, sie würden sich absichtlich als Opfer präsentieren oder sich sogar gegenseitig schlagen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich sehe generell einen backlash – selbst im Vergleich zu den 1980er Jahren. Und es gibt auch viel mehr Einfluss der Kirche. Das staatliche Fernsehen ändert sich Tag für Tag, man fragt sich: "Was, schon wieder eine katholische Messe im Fernsehen?" Es ist schrecklich. Angeblich sollen die Informationssendungen im September geändert werden. Es gibt außerdem sehr bedenkliche Stimmen, die zum Beispiel sagen, die Partisanen waren gar keine richtigen Kämpfer, und das ist sehr gefährlich. Sie wollten plötzlich Leute einladen, die nach dem 2. Weltkrieg nach Argentinien gegangen waren, da sie - nachdem sie auf der Seite der Nazis gekämpft hatten - als Verräter galten. Jetzt ist es genau umgekehrt, es heißt, diese Leute waren damals auf der Seite Sloweniens. Und die Partisanen waren auf der Seite der Aggressoren der Sozialistischen Revolution! Welche politischen Gruppen haben das Gesetz für die registrierte PartnerInnenschaft gepusht? Ursprünglich hat es die Sozialdemokratische Partei unter Beteiligung von lesbischen und schwulen Gruppen ausgearbeitet. Nach den letzten Wahlen verließ die Linken aber der Mut. Die Rechten haben Gesetz komplett verändert und ohne Beteiligung der Interessensgruppen durchgebracht, weil sie irgendetwas für die EU tun mussten. Sie haben aber penibel darauf geachtet, es jenen Recht zu machen, die fürchten, das Gesetz könnte die Familie gefährden, und haben es nicht in die Nähe einer heterosexuellen Ehe kommen lassen. Nur um sicher zu gehen. Hat sich die queer community selbst verändert? In die gay Szene kommen nun mehr und mehr junge Leute – als KonsumentInnen, und sie verhalten sich wie KonsumentInnen, weil sie sich nicht an die Zeit erinnern können, als es nichts gab, weil sie nicht Teil der ersten Generation waren, die sich alles erst selber schaffen musste. Wir mussten das alles selbst machen. Die Jungen sehen den Wert dessen nicht und beschweren sich, was alles besser gemacht werden sollte. Sie sagen: „Ich komme nicht mehr in dein Lokal, wenn das und das nicht besser wird“. Die Szene ist größer geworden aber gleichzeitig weniger effektiv. Ein/e AktivistIn zu sein ist eine böse Sache in Slowenien, viele Lesben und Schwule lehnen das ab, weil sie meinen, das schadet nur oder sei zu radikal oder zu politisch. Sie finden es besser, sich in die straight community zu integrieren – wozu anders sein? Integration ist ein großer Trend. Wann war die erste Generation aktiv? Es begann 1984 mit dem ersten Magnus gay Festival – benannt nach Magnus Hirschfeld. Und 1985 organisierte eine Frauengruppe, die sich Lilit nannte, den ersten women only Abend. Diese Gruppen waren im Rahmen von "Škuc" aktiv, einer Dachorganisation verschiedener Gruppen. Wann gab es die erste Pride Parade in Ljubljana? Ich glaube, 2001. Und seither jedes Jahr. Und zum "gay bashing" bei der Parade kam es erst jetzt? 2005 gab es das erste "gay bashing" bei Metelkova in der Nacht der Pride Parade Party. 2006 gab es wieder Zwischenfälle, aber es sieht so aus, als wären sie heuer besser organisiert gewesen. Es war eine Gruppe von vier Typen, schwarz angezogen, sie haben nichts gesagt sondern sind einfach aufgetaucht und haben zugeschlagen. Wieviele Menschen nehmen an der Parade teil? Sie wird kleiner. Heuer waren es 200 Personen dort. In Wien hat sich die Parade immer mehr zu einer kommerziellen Party entwickelt. Hat die Parade in Ljubljana den Charakter einer politischen Demo oder eher einer Party? Die erste Parade war de facto eine politische Demonstration, sie war gar nicht als gay Pride geplant. Es fing damit an, dass zwei Männer in ein Café gehen wollten, das als gay friendly bekannt war, aber die hatten das Programm geändert. Der Türsteher sagte ihnen, sie können nicht rein, das Café sei nicht mehr länger für Leute wie sie. Damit fing es an, es gab eine Demo. Zur gleichen Zeit wurden drei in Ljubljana lebende Afrikaner von Skinheads verprügelt und wir haben uns zusammengetan, wir waren sehr stark. Bei der Parade gibt es jedes Jahr eine politische Forderung, daher macht es nicht den Eindruck einer Party. Und ich denke, viele Menschen haben noch immer Angst, zur Parade zu gehen. Wie verhält sich die Polizei bei der Parade? Slowenien hat kein Gesetz gegen Hassbedingte Gewalt (hate crime). Trotzdem fanden wir es ist wichtig, mit der Polizei zu reden, und organisierten im im Club Monokel eine Diskussion mit einigen Polizeibeamten, u.a. darüber, warum es wichtig ist, zu sagen, dass man Opfer von "gay bashing" ist. Die PolizistInnen haben ganz offen gesagt, dass sie gerne korrekt arbeiten wollen, aber dass innerhalb der Polizei solche Forderungen zum Teil mit Gelächter oder Gleichgültigkeit quittiert werden. Welche Formen von queerem Aktivismus gibt es heute? Zum Dachverband "Škuc" gehören heute der lesbisch-schwule Verlag Škuc-Lambda, der lesbische Verlag Vizibilija, die Lesbengruppe LL inkl. des Lesbenclubs Monokel, die Schwulengruppe Magnus inkl. des Schwulenclubs Tiffany, eine Škuc-Galerie in der Innenstadt von Ljubljana, Film- und Konzertveranstaltungen. Das City of Women Festival ist eine Novität, die haben u.a. „Lesbians on Ecstasy“ nach Ljubljana eingeladen. Das "Festival of Lesbian and Gay film" findet heuer zum 23. Mal in Ljubljana statt. Wie sieht es mit queerer Popkultur aus? Es gab eine schwule Band, die waren aber nicht politisch. Einer von ihnen hostet jetzt als Drag Queen eine Sex-&-Fun TV-Show. Ich mag die Show nicht, ich mag seine Attitüde nicht. Er lädt schwule Gäste ein und grenzt sich penetrant von ihnen ab, indem er z.B. fragt, "Stört es dich, wenn ich dich Schwuchtel nenne?" Er wird akzeptiert, weil er nicht gefährlich ist und sehr mainstream. Aber es gibt keine Frauenbands mehr. In den 1980er Jahren gab einige Punkbands, aber heute machen die Frauen keine als männlich erachteten Dinge, wie z.B. Rockmusik. Warum, glaubst du, ist das so? Weil Slowenien noch immer eine sehr patriarchale Machogesellschaft ist. Jugoslawien war das auch, aber Slowenien hatte immer den Ruf, progressiver zu sein. Aber heute ist es noch schlimmer, glaube ich. Alle sagen, wir brauchen den Feminismus nicht mehr – aber wir hatten ihn nie wirklich! Frauen haben Angst, sich als Kämpferinnen für Frauenrechte zu exponieren, weil sie sofort ausgelacht werden. Und leider sprechen sich auch in der Öffentlichkeit stehende Frauen, z.B. Autorinnen, gegen Feminismus aus und sagen z.B., Frauen sollen nicht immer das Opfer spielen. Zum Beispiel Svetlana Makarovic, die eine sehr gute Schriftstellerin und Dichterin ist, sagt, dass Frauen, die geschlagen werden, selber daran schuld sind. Sie setzt sich zwar für Tierrechte und für missbrauchte Kinder ein, aber mit Frauenrechten oder Lesben will sie nichts zu tun haben. Du selbst bestehst auf die Bezeichnung "lesbische Autorin". Siehst du dich selbst als Teil einer queeren Bewegung oder Kultur? In Slowenien gibt es so etwas nicht, damit habe ich nur Probleme. Es gibt eine kleine community lesbischer und schwuler AutorInnen, ansonsten ist es nicht so populär, sich so zu bezeichnen. Die Leute fragen, "warum musst du dich in ein Ghetto stellen?" Mich stört es aber nicht, in einem Ghetto zu sein, denn wenn ich nicht in einem Ghetto bin, bin ich normal. Ich bin aber nicht normal, ich bin nicht Teil der heterosexuellen Gesellschaft. In Slowenien kann man als AutorIn oder als KünstlerIn, MusikerIn, ÜbersetzerIn etc. "Selbstständige im Bereich der Kultur" sein, dabei zahlt man die eigene Sozialversicherung und das alles, was wirklich sehr viel Geld ist. Es gibt aber die Möglichkeit, beim Kulturministerium um Subventionen anzusuchen – wenn man als AutorIn von nationaler Bedeutung anerkannt wird. Beim ersten Ansuchen wurde mir das verweigert. Ich habe mich beschwert und danach wurde mir der Status zuerkannt. Natürlich können die einfach sagen, deine Werke sind nicht von nationaler Bedeutung – es ist unmöglich, so etwas zu beweisen! Wenn man sich dann noch auf Homophobie beruft, heisst es gleich, "die Lesben und Schwulen wollen immer Sonderrechte, wir werden denen sicher kein Geld geben, nur weil sie schwul oder lesbisch sind. Die sollen für ihr Geld arbeiten wie alle anderen auch." Wie lange kann man diesen Status als AutorIn von nationaler Bedeutung beibehalten? Früher waren es fünf Jahre, jetzt muss man alle drei Jahre neu darum ansuchen und beweisen, dass das eigene Werk von nationaler Bedeutung ist. Der Lesbenclub Monokel, den du mitbetreibst, befindet sich in der autonomen Kulturzone Metelkova. Gibt es dort auch andere queere Projekte? Anfangs gab es ein Frauenzentrum dort, das aber heute nicht mehr existiert. Es gibt den schwulen Club Tiffany und den lesbischen Club Monokel, aber die machen nur einen kleinen Teil von Metelkova aus, es ist riesig. Metelkova war kürzlich wieder vom Abbruch bedroht, was ist da genau passiert? Das Problem ist ein neues slowenisches Gesetz, das privaten Non-Profit-Lokalen verbietet, Getränke zu verkaufen, außer sie haben eine Lizenz wie professionelle Restaurants oder Cafés. Das ist für die Clubs in Metelkova nicht möglich und auch nicht der Sinn. Von diesem Gesetz sind auch zahlreiche andere Initiativen und Orte bedroht. Manche haben schon geschlossen, andere versuchen, sich dem Gesetz anzupassen. online seit 06.11.2006 13:35:11 (Printausgabe 34) autorIn und feedback : Claudia Saller Links zum Artikel:
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