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Die Parada Równosci Die Gleichheitsparade gegen die „anständige“ Version der Welt. Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin und Aktivistin Magda Pustola, Warschau Die Parada Równosci („Gleichheitsparade“) ist eine jährliche Demonstration in Warschau für Toleranz und Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Während in den beiden Vorjahren die Parade vom damaligen Bürgermeister und heutigen Präsidenten Polens, Lech Kaczynski, mit der Begründung verboten wurde, sie stelle eine „Gefahr für die öffentliche Moral“ dar, fand sie heuer statt. Wenige Tage vor dem geplanten Termin wurde die Parada Równosci in diesem Jahr genehmigt und die Gegendemonstration der rechtsextremen Allpolnischen Jugend, die in entgegengesetzte Richtung hätte verlaufen sollen, abgesagt. Laut Angaben der VeranstalterInnen nahmen ca 30.000 Menschen an der „Gleichheitsparade“ teil. Die politische Wichtigkeit dieser Manifestation ist unbestritten, sie vereint die gesamte Linke angesichts der Tatsache, dass seit Mai gleich mehrere rechtsextreme Parteien in der polnischen Regierung sitzen (die Bauernpartei Samoobrona / „Selbstverteidigung“ und die Liga Polnischer Familien, LPR, in Koalition mit der Partei Recht und Gerechtigkeit, PiS). Über die Parade und die gesellschaftliche Stimmung in Polen sprach MALMOE mit der Kulturwissenschaftlerin und Aktivistin Magda Pustola aus Warschau. Am Samstag, den 10. Juni, fand die Gleichheitsparade (Parada Równosci) in Warschau statt. Wie würdest du dieses Event im Nachhinein resümieren? Was waren die wichtigsten Statements dieser Parade? Es war wahrscheinlich das meist erwartete Event dieses Jahres sowohl von Leuten der Linken als auch der Rechten in Polen. Die Linke wollte einerseits die Missachtung der Menschenrechte durch rechte Politiker, wie etwa die Führung der Regierungspartei PiS und Präsident Lech Kaczynski herausstellen. Kaczynski gelang es in den vergangenen Jahren ja bereits zweimal, Gleichheitsparaden aus „Sicherheitsgründen” zu verbieten. Die ultra-rechte Allpolnische Jugend, eine Semi Nazi-Organisation drohte zudem eine gewaltbereite Gegendemonstration zu organisieren. Die Bürgermeister anderer großer Städte (wie zb. Krakau oder Poznan) folgten in den vergangenen Jahren Kaczynskis Vorbild, verboten die Paraden und genehmigten stattdessen die rechten Gegenaufmärsche ohne Zögern. Andererseits wollte die VeranstalterInnen der Gleichheitsparade heuer öffentlich die zunehmende Stärke verschiedenster Hetero-, Homosexueller-, Anarchistischer-, Feministischer-, Ökologischer- und anderer linker Gruppen und alternativen Bewegungen manifestieren und deren Rechte einklagen. Die Parade sollte darüberhinaus eine selbstbewusste politische Antwort der Linken auf die seit langem repressive Politik artikulieren, wie sie sich beispielsweise im Verbot gegen die vorangegangenen Paraden in Warschau und Poznan oder auch in der Räumung des besetzten Kulturzentrums „Le Madame“ (ein symbolischer Ort für die alternative linke, politische und kulturelle Bewegung in Warschau) zeigte. Für all diese linken Gruppen wollte man eine politische Plattform und Bühne organisieren. Und das erscheint uns gerade im Kontext der aktuellen politischen Situation in Polen äußerst wichtig. Eine Situation, die durch eine gefestigte und zunehmend stärker werdende Rechte, dominiert von der PiS, und eine zerstreute Linke gekennzeichnet ist. Das konkrete Ziel von Teilen der Linken war es dementsprechend, den Diskurs um Homosexualität zu verallgemeinern, um ihn als politische Sprache zu gebrauchen, welche alle ausgeschlossenen und unterdrückten Gruppen repräsentieren und so die Linke festigen sollte. Diese Vorgehensweise wurde allerdings von einigen Personen aus der polnischen Linken stark kritisiert. Die Rechte dagegen benutzte diesen Event als Ritual, um ihre politische Stärke zu manifestieren und ihre Wertschätzung konservativer Werte öffentlich zu bekräftigen. Eine Woche vor der Parada Równosci wurde beispielsweise von der Allpolnischen Jugend ein Marsch der „Tradition und Familie“, informell als Normalityparade bezeichnet, organisiert. Es war in der Tat ein Marsch, der an diesem Tag stattfand. Da waren Menschenmassen in Bewegung, Familien mit Kindern, viele PolitikerInnen in der ersten Reihe aber auch Skinheads mit antifeministischen, homophoben und Antiabtreibungs-Slogans. Außerdem wollte man das gesamte Milieu, das mit Schwulenkultur assoziiert wird, als verrückt diskreditieren und auf diesem Wege delegitimieren. Gegendemonstranten aus rechtsradikalen und ultrakatholischen Gruppen versammelten sich dementsprechend auch vereinzelt am Rande der Gleichheitsparade. Im Großen und Ganzen war Parada Równosci aber die größte Parade, die je in Warschau organisiert worden war. Es waren um die 15.000 Menschen da. – Natürlich zählte die Polizei weitaus weniger. Die Parade verlief jedenfalls friedlich, farbenfroh, internationalistisch und politisch. Valeria Graziano kam etwa wegen der Parade nach Warschau und berichtete von einer unglaublich guten Mischung von freudigem Karneval und ernst gemeinter Politik. Wie würdest du die Situation bezüglich queeren Themen in Polen beschreiben? Inwiefern dominieren konservative Werte und patriarchale Strukturen noch immer die Politik und den Alltag? Nun ja. Die Situation gestaltet sich sehr einfach aber auch sehr anstrengend. Es gibt binäre Strukturen, wie immer in Polen. So war es im Kommunismus und so ist es zunehmend auch heute. Auf der öffentlich-diskursiven Ebene (der Erziehungs- und Kulturprojekte des Staates und der Behörden, öffentlichen Festivals, Kirchenaktivitäten, TV-Programmen etc.) wird nur eine ordnungsgemäße und anständige Version der Welt öffentlich repräsentiert. Ihr solltet wissen, Polen ist das einzige Land, in dem Politiker direkten Zugang zu den Medien haben. Viele Menschen nehmen an dieser anständigen Welt teil und finden daran Gefallen, aber das heißt nicht, dass sie sich den Normen der Öffentlichkeit unterwerfen. Dann gibt es die Ebene des realen Lebens und der Gesellschaft, die dominiert wird von einer jungen Generation und ihren Problemen. Die Probleme sind natürlich ähnlich wie auch in deinem Kontext, nämlich Konsum, freier Sex und Beziehungen im Allgemeinen, Geld, gute Ausbildung, gute Jobs und so weiter. Das Ermüdendste im erstbeschriebenen Kontext ist, wie ich finde, das enorme Level an Scheinheiligkeit und Doppelmoral – unterschiedlich krass, je nachdem ob es den öffentlichen oder privaten Raum betrifft. Die gesellschaftliche Wirklichkeit präsentiert sich jedenfalls äußerst komplex: Gibt es doch zum Beispiel eine wachsende Gruppe von speziell jüngeren Leuten, die konservativ sind, in Bezug auf ihre Werte und Entscheidungen aber modern in ihrer allgemeinen Weltsicht. Dies könnte sehr rudimentär erklärt werden durch den Fakt, dass die polnische Gesellschaft sich noch immer in einer Entwicklung befindet und dass traditionelle Werte, welche feste Beziehungen und traditionelle Famillienstrukturen befürworten, dazu beitragen, soziales und finanzielles Kapital zu akkumulieren. Ich bin jedoch nicht sicher, ob ich mich dieser Erklärung anschließen würde Wegen der enormen Migration, speziell unter den Jungen und Jüngsten, insbesondere den am besten Ausgebildeten, wird die soziale Struktur zunehmend kompliziert und kann nicht so einfach vorausgesehen werden. Wenn diese jungen Leute zurückkommen, gibt es eine Chance auf eine moderne Gesellschaft. Wenn sie wegbleiben, bleibt der alte schizophrene Sumpf derselbe. online seit 03.10.2006 16:14:06 autorIn und feedback : Eva Egermann Links zum Artikel:
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