menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
In Skript

Journalistischer Pluralismus

Die Gewerkschaftszeitung „Solidarität“ ist ein solides Blatt, in der letzthin frohen Mutes als Titel verkündet wird: „Die Handlungsfähigkeit ist voll gewährleistet“. Gemeint ist natürlich die Handlungsfähigkeit des ÖGB
selbst. Allerdings, die Angst steckt den MitarbeiterInnen ziemlich in den Knochen. Im Editorial schreibt Chefredakteurin Annemarie Kramser: „Eine Milliarde. Zwei Milliarden. BAWAG. Refco. Karibik. New York. Liechtenstein. Haftung. Klagen. Vergleich. Können Sie es nicht mehr hören? Das verstehe ich gut.“

Mit dem Titel "Der Kampf lohn" möchte die Chefredakteurin markig die Richtung vorgeben. Nicht, dass sie sagen will, was die Gewerkschaft vielleicht gegen die Aktivitäten auf den Finanzmärkten unternehmen kann. Zum Beispiel selbst mal mit „Haftung. Klagen. Vergleich“ einschreiten. Sondern, dass Gewerkschaftsfirmen wie „BAWAG. Refco“ in „Karibik. New York. Liechtenstein“ selbst sich dieser Aktivitäten bedient haben.

Kein schönes Bild, nein sondern: „eine Milliarde. Zwei Milliarden“ – die sind jetzt futsch. Bzw. wird sich das Geld schon auf die eine oder andere Weise im globalen Kapitalmarkt etabliert oder aber als Rente für ein
paar Banker erhalten haben, nur für die Gewerkschaft gibt’s keine Aussicht auf Profit. Was macht man in so einem Fall? Wunden lecken. Reflektieren. Analysieren. Die Chefredakteurin kommt zum Schluss: „Der ÖGB ist in diesem Fall nicht Täter, sondern Opfer. Opfer der Gier und Skrupellosigkeit einiger verantwortungsloser Bankmanager, die mithilfe der Gutgläubigkeit zweier Spitzenfunktionäre ungehindert unvorstellbare Summen verspekulieren konnten.“

Jetzt, streiten wir uns nicht darüber, ob Währungsspekulation, Derivatenhandel, steuerschonende Briefkastenfirmen und was es da noch alles gibt – ob das alles generell moralisch verwerflich ist, oder ob es das nur für bestimmte Organisationen (wie eben eine Gewerkschaft) ist, oder ob es vielleicht eh super ist, dass es das gibt, wenn man nur rechtzeitig schaut, dass man sich selbst in Sicherheit gebracht hat, bevor der Skandal auffliegt. Gut, es gibt noch die andere Möglichkeit, dass man drauf schaut, dass es gar keinen Skandal gibt. Aber das ist ja bis zu einem gewissen Grad auch eine Systemfrage, und die, die heute angeklagt sind, waren vor 10 Jahren noch Helden, und die, die heute noch Helden sind – der Schluss liegt nahe – die waren vielleicht nicht unbedingt moralisch besser, sondern einfach cleverer. An dieser Stelle der unvermeidbare Lesetipp: Brecht, Dreigroschenroman.

Aber darum geht's nicht. Es geht um die Frage, wie Chefredakteurin Kramser mit dem Malheur, das einmal passiert, umgeht. Und, pass auf, das ist elegant: Man braucht sich zu der Frage gar keine eigenen Gedanken machen; man braucht nur in derselben Ausgabe der „Solidarität“ ein bisschen weiterblättern und findet in der Rubrik „Kultur“ ein Interview mit Sophie Freud abgedruckt. Die Sozialwissenschaftlerin antwortet auf die Frage, wie sich die Globalisierung im 21. Jahrhundert auswirken könnte: „Ich stelle auch zunehmend eine generelle Individualisierung fest. Ein gutes Beispiel ist die Glorifizierung meines Großvaters Sigmund Freud zu seinem 150. Geburtstag. Das gilt auch für negative Ereignisse: Wenn heute große Konzerne Gelder verschleudern, verschieben, stehlen, unsere Gelder natürlich, dann wird heute nicht mehr das korrupte System analysiert – man hält sich lieber an die Faule- Apfel-Theorie. Das heißt: Zwei, drei Personen an der Spitze werden zu faulen Äpfeln, also zu den Schuldigen erklärt, obwohl das System korrupt ist und aus lauter faulen Äpfeln besteht.“
Ob die Chefredakteurin das auch gelesen hat?


online seit 08.09.2006 14:52:00 (Printausgabe 34)
autorIn und feedback : Thomas König




Der Hund im Freiraum

Punks und ihre Haustiere
[18.09.2008,Karl Neumayer]


Die Vorratsdatenspeicherung

Das europaweite Ende der Privatsphäre für elektronische Kommunikation
[17.09.2008,Oliver Leistert]


Das ist mein Text

Eigentum im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit
[02.09.2008,Sabine Nuss]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten