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GPunkt. Gestern Feinstaub, heute Vogelgrippe

Gestern Feinstaub, heute Vogelgrippe. Schon komisch, wie sich Moden ändern. Risikogesellschaft nennen die Experten das, mit abgeklärtem Tonfall und hängenden Mundwinkeln, vermutlich, weil sie sich ärgern, dass ihnen seit 20 Jahren nichts mehr Neues einfällt. Damals hat das ein Soziologe auf den Markt geworfen: die Risikogesellschaft. Da war sie dann, und alle staunten mal nicht schlecht: was soll denn das wieder sein? Grade hatten sie sich an die postindustrielle G. gewöhnt. Dann kam auch schon die postmoderne G., und beinahe gleichzeitig – genau lässt sich’s nicht mehr rekonstruieren – noch die postmaterielle G. Und jetzt das: Risikog.? Es war die Zeit der großen G.-Entwürfe. Ältere Menschen werden sich sehnsüchtig daran zurückerinnern, wenn sie beim gepflegten Rotwein sitzen. In Seminaren lernen gutgläubige PolitikwissenschaftstudentInnen immer, die Zeit der großen G.-Entwürfe wäre hundert Jahre früher gewesen. Dabei hat Marx noch nicht einmal einen schmissigen Namen für das gefunden, was er entworfen hat. Vielleicht, weil er gar keine G. entworfen hat. Das war eher Lenin. Und das, worüber Marx geschrieben hat, das gab’s ja schon längst: Kapitalismus. Und der geht auf die Kappe von Adam Smith.

Zugegeben, die meisten Namen der G.-Entwürfe aus der „großen Zeit der G.-Entwürfe“ vor 40 bis 20 Jahren waren alles andere als einfallsreich. Dafür, dass Sozialwissenschaften damals so was wie einen Boom erlebt haben, waren die vielen neuen Professoren nicht besonders kreativ. Die meisten stellten einfach ein post- vor ein Wort und haben geglaubt, das reicht. Das hat zuweilen furchtbare Konsequenzen gehabt. Jahrzehntelang waren in Philosophieseminaren die Verzweifelten zu beobachten, die der postmodernen G. auf die Schliche kommen wollten. Offenbar ein aussichtsloses Unterfangen, das sicher nicht wenige bis zum Äußersten getrieben haben. Ich möchte hier nicht beschreiben, was das Äußerste gewesen sein mag, darunter kann sich ja jede etwas Bestimmtes vorstellen. Etwas Bestimmtes vorstellen konnten sich viele auch unter der Risikog., obwohl die durchaus das Potential gehabt hätte, unter Soziologiestudentinnen ähnliche Verzweiflung hervorzurufen wie die postmoderne G. bei den stets adrett in schwarz gekleideten Philosophen.

Im Nachhinein will’s dann ja wieder niemand gewesen sein, also war es vielleicht der Zufall, dass just, als die Risikog. sauber poliert und im bekannten Design von Willy Fleckhaus in den Auslagen der Bookshops erschienen war (amazon war noch nicht), ein kleines Risiko entstanden ist. Caesium war plötzlich in aller Munde, und der Beweis, dass abstrakte Begrifflichkeiten immer konkreter Bestimmungen bedürfen, um Aussagekraft zu besitzen. Der letzte Halbsatz könnte aus einem Hegel-Seminar sein, ich entschuldige mich dafür. Am 26.April 1986 ging des Nächtens in einem kleinen Städtchen am Fluß Pripjat ein Atomkraftwerk des Typs RBMK-1000 hoch. Spread the message, heißt es so schön, und die „atomare Giftwolke“ verbreitete sich über Europa. Tschernobyl hieß das Risiko! Etwas unsachgemäß dort der Umgang mit dem Nuklear. So war es sicher keine gute Idee, alle externen Sicherheitsvorkehrungen abzuschalten, bevor man einen Test zur Leistungsfähigkeit des Reaktors IV startete.

Dem hat das nicht gut bekommen. Auch, weil man übersehen hatte, dass gewisse Sicherheitsbestimmungen durchaus vernünftig sind, etwa betreffend die Graphit-Moderatoren, die die Kernreaktion stabilisieren. Die Bremsstäbe wurden beinahe alle entfernt, weil die Leistung während des Tests auf die Untergrenze von 200 Megawatt thermisch gefallen war. Damit war der Kernreaktion keine Grenze mehr gesetzt, und Tschernobyl IV ging innerhalb weniger Sekunden auf 300.000 Megawatt thermisch hoch, das entspricht etwa der 300fachen Menge der Höchstleistung. Die bekannten Folgen: Explosion, Wolke, Vertuschung, Panik, Containment. Ich hab eher eine grausige Assoziation: wie die diensthabende Mannschaft noch in letzter Sekunde versucht, die Graphitstäbe händisch in den Reaktor zu schieben – es funktionierte nicht, weil die dafür vorgesehenen Schächte durch die Hitze völlig deformiert waren. Die schiere Verzweiflung wird in dem Moment größer gewesen sein als jene der rabiatesten hunter of the postmodern. Existentialistischer, jedenfalls.

Danach war die Kernkraft nie mehr so beliebt wie davor, und alle waren risikobewusster: beim Salat, bei den Schwammerln. Heute heißen die Feindbilder Dieselauto und Wildente. Das Risiko ist immer noch da, aber es ist christlicher geworden: mitten unter uns. Komisch bei der Kernkraft: niemand mag sie, trotzdem kommt sie aus der Steckdose, und dabei ist sie längst unrentabel geworden. Sagen Ökonomen. Wegen dem teuren Uran. Warum der Iran jetzt auf Kernkraft setzt, wo er doch auf dem lukrativen Öl sitzt, verstehen die Ökonomen daher nicht. Dabei liegt es vielleicht einfach an der Aufrüstung. Wäre mal eine neue Sache: die Aufrüstungsgesellschaft. Die Ayatollahs wüssten vielleicht mehr davon, aber die halten keine Seminare.


online seit 12.04.2006 10:29:24 (Printausgabe 31)
autorIn und feedback : David Stadler




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