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In Script Am Schrottplatz: So lange Wissenschaften betrieben werden, ist es nicht möglich, dem Anspruch der Objektivität zu entsagen. Einmal wohnte ich einer Diskussion darüber bei, ob Sozialwissenschaften objektiv sein könnten. Bemerkenswert einhellig ablehnend verhielten sich dabei die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gegen die "Annahme" einer "Objektivität". Sie alle, sozialwissenschaftlich ausgebildet und in akademischen Berufen tätig, konnten sich nicht dazu aufraffen zuzustimmen, dass es, um eine gültige Aussage über Gesellschaft zu machen, dafür auch den Anspruch einer Objektivität braucht. Dagegen wurde von der grundsätzlichen Konstruktion sozialwissenschaftlicher Kategorien geredet, womit man sich nicht des Verdachts aussetzen wollte, einen absoluten, vielleicht sogar totalitären Anspruch auf die Erklärung der Welt zu haben. Der Anspruch auf Objektivität sei Ideologie. Hinter der bloßen Meinung, die Objektivität ohne weiteres fahren lassen zu können, steckt ein Kurzschluss, in dem "Objektivität" und "Wahrheit" gleichgestellt und als normative Aussage über einen zu erkennenden Gegenstand scheinbar enttarnt werden. Das verkennt erstens das Kritikpotenzial von wahren Aussagen. Noch in der Konstruiertheit von Sozietät wird im Verfahren des Erkennens etwas Wahres hergestellt, allerdings muss es sich nicht auf die Realität und das Alltagswissen beziehen; vielleicht darf sie das gar nicht. Die Absicht, zweitens, muss allerdings darin bestehen, eine wahre Aussage treffen zu können, und um dies wissenschaftlich betreiben zu können, ist die Grundvoraussetzung, dass Objektivität hergestellt wird. Die Ablehnung der Objektivität war einmal von progressivem Denken genährt. So, wie es konsequent war, gegen den herrschaftlichen Anspruch des metaphysischen Idealismus den Physikalismus auf alle Bereiche der Wissenschaften auszudehnen, so erwies es sich gegen den daraus entstehenden Positivismus als wichtiges Korrektiv, den Konstruktivismus in Stellung zu bringen. In der "philosophy of science" wurde klar gestellt, wie kontingent, kontextabhängig und der strukturellen Logik des Wissenschaftsbetriebs verpflichtet die Entstehung und vor allem Etablierung und Durchsetzung wissenschaftlichen Wissens ist. Im Wort des "Paradigmenwechsels" ist dieser Erkenntnisfortschritt bis in die Alltagssprache vorgedrungen. Diese im Rang einer notwendigen Selbstreflexion vorzufindende Entwicklung ist aber kein Argument gegen Objektivität, so wenig, wie es die Diskurstheorie ist, die zwar alles als durch den Diskurs konstruiert sieht, aber ihre Aussagen darüber doch auf Basis von gültigen Regeln zu treffen hat, wenn sie mehr als bloßes Spielen sein will. Angenommen, diese Regeln sind motiviert durch die Reflexion der wissenschaftlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, so ist davon auszugehen, dass ihre Absicht darin besteht, bessere Ergebnisse im Erkenntnisprozess zu erzielen als bisher – also, an die Wahrheit über die Gesellschaft bzw. eines bestimmten Phänomens in ihr heranzukommen. In diesen Fällen wird Objektivität in erster Instanz als unnötig, problematisch, ideologisch zurückgewiesen, und zwar als belasteter Begriff. Doch kommt dem Anspruch selbst in zweiter Instanz wieder volle Gültigkeit zu. Ansonsten verliert Wissenschaft ja ihre gesellschaftliche Bedeutung (es sei denn, ihre Apologeten verfrachten sie in selbstreferenzielle oder schlicht zynische Modelle). (In den Naturwissenschaften, die sich ebenfalls in immer krudere Theorien verbeißen, je weniger sie ihren eigenen Gegenstand durch's physikalische Apriori zu erklären vermögen, ist der Anspruch auf Objektivität übrigens Common Sense.) So lange Wissenschaften betrieben werden, ist es nicht möglich, dem Anspruch der Objektivität zu entsagen; es ist nur möglich, ihn zu verschleiern. Verkannt wird, dass Objektivität die zentrale Reflexionsinstanz jeder wissenschaftlichen Untersuchung zu sein hätte – Reflexion darüber, ob und wie Wahrheit erreicht werden kann. Der leichtfertige Verlust des Objektivitätsanspruchs ist nicht nur fahrlässig, er gibt den Trumpf wissenschaftlicher Kritik aus der Hand. Das folgt freilich einer gesellschaftlichen Logik: Je mehr das Soziale, das Kontextabhängige, in die Wissenschaftstheorie (als zentrale Instanz der Reflexion über die einzelnen Wissenschaften) selbst eindringt, desto "subjektiver" werden die Aussagen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, so als müssten sie sich vor der eigenen Verantwortung verstecken. Wahr aber ist: Die Kritik an den Naturwissenschaften hat sich nicht an deren Objektivitätsanspruch abzuarbeiten, sondern am Mangel an Reflexion. Daran gilt es festzuhalten, ansonsten wird alles zur Meinung, von der Adorno schreibt, sie "ist die wie immer auch eingeschränkte Setzung eines subjektiven, in seinem Wahrheitsgehalt beschränkten Bewusstseins als gültig." Dass damit die kritische Kraft von Wissenschaften exkulpiert wird, dass dann auch zentrale Begriffe wie "Herrschaft" und "Macht" nicht mehr erklärt werden können, scheint akzeptiert zu werden. So problematisch das Festhalten an einer Erkenntnis als objektiv ist, und so sehr dabei der Zeitkern und die eigene Unzulänglichkeit mitgedacht werden müssen, so wenig führt ein Weg daran vorbei. online seit 09.10.2005 17:48:09 (Printausgabe 28) autorIn und feedback : David Stadler |
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