Diskurswatch
blueprint for a sunrise
 

„Imagine all the people living life in peace“ – acht Wörter, die im September 2001 eine großflächige Anzeige in der „New York Times“ ausfüllten. Böse Zungen behaupten, hätte John Lennon Yoko Ono nicht kennen gelernt, wäre er heute vielleicht ein verkiffter Spießer, der im schwarzen Rollkragenpullover Interviews für SeniorInnenzeitungen gibt. Diese Rolle hat stattdessen, dafür bestens geeignet, Mick Jagger, das Ex-Sexsymbol, übernommen.

Mit „Blueprint for a Sunrise“ veröffentlichte Yoko Ono dieser Tage ein Album, das durch verschiedene Produktionsweisen (Mix aus Live- und Studiotracks und Samples) und Stile (experimentell, rockig, jazzig) geprägt ist. Ihr Gesang gibt Erzählungen von und über Frauen eine Stimme, der es anzumerken ist, dass die Arbeit am Album intensiv war und Spaß gemacht hat. Im Booklet beschreibt Ono, wie sie und ihr Bruder den Hunger im Zweiten Weltkrieg mithilfe ihrer Träume überlebt haben. Konfrontiert mit der Frage einer jungen Journalistin, ob das „alte Thema“ Feminismus nicht schon längst gegessen sei, antwortet Yoko Ono: „But I know women who are intelligent, powerful members of their communities who still live in fear because of the position they are put in as a woman in our society. To some extent, all of us women are living in fear, quietly exercising a caution known only to us, all the time, pretending to be sprightly and strong.“

Mit mindestens dreierlei Ressentiments wurde Yoko Ono belegt, aus denen sie sich selbst heute noch kaum befreien kann: dem antiasiatischen, dem antifeministischen und dem antikapitalistischen (reiche Witwe). Doch eines hat sich in den Besprechungen ihrer Ausstellungen geändert. Immer wieder wird betont, dass Yoko Ono schon in den fünfziger Jahren mit ihren künstlerischen Arbeiten der künstlerischen Avantgarde angehörte und es nicht nötig hat, als Künstlerin die Frau an der Seite von ... zu sein. Wer sich mit der Erforschung von Medientechnologien beschäftigt – bzw. mit deren geschlechtsspezifischer Verwendung –, trifft neben Yoko Ono auf viele Künstlerinnen: Shigeko Kubota, Laurie Anderson, Valie Export, Maria Lassnig, Eliana Radigue, Laurie Spiegel, Anne La Baron und Pauline Oliveros etc. – und meist hat sich auch ein Schatten gefunden, in dem sie gestanden haben sollen. Hier setzt Terre Thaemlitz’ These (Testcard #8) an, dass die Tradition der elektroakustischen Avantgarde nur mehr ein weiteres bewusst zu nutzendes Material sei, auf das es sich nicht referenzlos beziehen lässt. Für ihn stellt diese Musik vielmehr ein relativ geschlechtsneutrales Feld dar, das nicht durch genderspezifische Codierungen belastet oder schon extrem „versaut“ ist – wie z.B. die Rockmusik.
Duos wie Sachiko M./Otomo Y., Alejandra/Aeron oder EC8OR zeigen allerdings, dass angesprochene genderspezifische Festlegungen zwar in der musikalischen Arbeit aufgehoben werden, in der Wahrnehmung durch die KollegInnen der Presse jedoch noch lange nicht. Das gilt natürlich für den Bereich der Popmusik erst recht. So erzählt Shirley Manson von Garbage der Wienerin (10/2001): „Die anderen Boys in der Band sind supersüß und wirklich keine Machos. Aber oft kriegen sie gar nichts mit. Etwa, wenn ich bei Meetings ignoriert werde. Ich mache sie nicht verantwortlich für das Verhalten der Plattenbosse, aber sie sollten es zumindest erkennen. Männer merken oft gar nicht, wenn eine Frau diskriminiert wird.“ Und wenn sie etwas bemerken, dann wollen sie meist auch selbst definieren dürfen, ab wann die Diskriminierung beginnt.
Dazu Yoko Ono: It’s time for action!
Yoko Ono: Blueprint for a Sunrise (Capitol/Emi)

Christina Nemec

Christina Nemec ist Mitarbeiterin bei Orange/94.0 und freie Journalistin in Wien.