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Welche Effekte hatte der Regierungswechsel aus migrantischer Perspektive?
Sind Rassismus und Diskriminierung stärker geworden?
Nach meiner Erfahrung hat sich die österreichische Gesellschaft seit
dem Zweiten Weltkrieg nicht sehr verändert, es ist eine konservative,
geschlossene Gesellschaft, in die MigrantInnen nur sehr schwer hinein
kommen. Mit dieser Regierung wird die Gesellschaft noch geschlossener
und es wird für AusländerInnen noch schwerer. Ansonsten hat
sich nicht viel verändert, auch die ÖVP war schon in den Jahren
zuvor in der Regierung. Als Afrikaner kann ich sagen: Wer immer von den
drei großen Parteien regiert, die AfrikanerInnen sind in Gefahr.
Wir dürfen die Geschichte von Omofuma nicht vergessen, denn diese
Geschichte geschah nicht unter dieser Regierung. Ich weiß, dass
viele AfrikanerInnen Angst davor haben, in diesem Land zu bleiben. Auch
vielen anderen AusländerInnen geht es so. Deshalb verlassen viele
AfrikanerInnen das Land, auch solche, die die österreichische Staatsbürgerschaft
haben oder hier verheiratet sind.
Welchen Eindruck haben Sie denn nun von der sogenannten Widerstandsbewegung,
die sich ja in erster Linie auf den Regierungswechsel bezieht?
Wir müssen uns fragen, ob diese Demonstrationen irgend etwas an dieser
Regierung geändert haben. Nach der großen Demo im November
wurden es von Donnerstag zu Donnerstag immer weniger Menschen. Die Regierung
wird wahrscheinlich erst bei den nächsten Wahlen geändert. Was
also will diese Bewegung erreichen? Rassismus existiert trotzdem weiter.
Sogar innerhalb der Widerstandsbewegung gibt es rassistische Leute, unbewusst
rassistische Leute, wie ich sagen würde, die, wenn man mit ihnen
spricht, gar nicht wissen, was Rassismus ist.
Im Frühjahr 99 bei den Demos der African Communities gegen
Polizeigewalt und später nach Omofumas Tod gab es viel Solidarität.
Wie sieht es damit in der jetzigen "Widerstandsbewegung" aus?
Ja, es gab damals eine starke Solidarität. Wir hatten hart daran
gearbeitet, mit verschiedenen Gruppen zusammen zu kommen und bekamen dann
auch viel Unterstützung. Aber sofort nach dieser sogenannten Operation
Spring, die AfrikanerInnen kriminalisierte und verunsicherte, erlebten
wir einen Rückschlag. Inzwischen kümmert es nur noch wenige,
was mit uns passiert. Als ich drei Monate in Haft war, besuchte mich niemand
mehr außer meinen FreundInnen. Als ich herauskam, sprachen die Gruppen,
die mich zuvor noch eingeladen hatten, nicht einmal mehr mit mir. Also,
wo ist die Solidarität geblieben?
Wie sehen die Strukturen, die sich die African Communities erarbeitet
hatten und die durch die "Operation Spring" zerstört wurden,
heute aus?
Es wird nun versucht, die Community zu restrukturieren, sich neu zu organisieren
und eine gemeinsame Stimme zu etablieren. Kürzlich wurde zum Beispiel
ein neuer Verein öffentlich vorgestellt, der für alle NigerianerInnen
in Österreich da sein soll und sich seit dem Tod Omofumas im Aufbau
befand. Demnächst soll es auch einen Dachverband der African Communities
geben. Trotz des Versuches, sie zu zerschlagen, kommen die Menschen wieder
zusammen.
In den Medien, auch in den linken, ist die "Widerstandsbewegung"
inländisch und weiß repräsentiert. Sehen sich die African
Communities und Organisationen überhaupt als Teil der jetzigen "Widerstandsbewegung"?
Ich denke nicht, dass sich AfrikanerInnen als Teil der "Widerstandsbewegung"
sehen. Die meisten AfrikanerInnen hier kämpfen um ihre Existenz.
Sie suchen Arbeit, Wohnung und sorgen für ihre Familien. Sie versuchen,
ihr Visa zu bekommen oder die Staatsbürgerschaft. Die meisten fahren
Taxi oder putzen in Hotels oder waschen Teller usw. Sich dann noch an
Demos zu beteiligen, ist für sie verschwendete Zeit. Außerdem
ist ihr Leben von Unsicherheit geprägt, vor allem nach dem, was mir
und anderen passiert ist. Sie wollen in nichts verwickelt werden, denn
sollten sie in Gefahr geraten, wird ihnen niemand helfen, nicht einmal
denen, die ÖsterreicherInnen sind, denn auch sie werden als AusländerInnen
betrachtet. Abgesehen davon sind nicht alle Menschen an Politik interessiert,
viele afrikanische Vereine beschäftigen sich deshalb mehr mit kulturellen
Aktivitäten. Manche von ihnen fragen mich auch, warum ich mich immer
wieder in Politik involviere und damit mein Leben riskiere, aber Politik
ist eben Teil meines Lebens.
Wie ist nun Ihre persönliche Situation, nachdem Sie kriminalisiert
und vor Gericht gestellt wurden?
Während meiner Haft und während des Prozesses ist mein Leben
zu einem Stillstand gekommen, mein Leben war desorganisiert. Ich vertraute
niemandem mehr und schon gar nicht dem System. Mein Leben hat sich sehr
verändert. Bevor ich irgendwo hingehe und mich mit jemandem treffe,
denke ich zweimal nach, wohin mich das wieder bringen könnte. Gleichzeitig
wurde ich ein berühmter Schriftsteller in Österreich, was mich
stark macht. Ich habe viel über das österreichische politische
System, das Rechtssystem und das Polizeisystem gelernt. Das wird mir helfen,
wenn ich nach Hause zurück gehe -- denn ich werde definitiv nach
Hause zurückkehren und dort in die Politik gehen. Die ganze Sache
hat mich auch ein gutes Buch mit dem Titel "Morgengrauen" schreiben
lassen. Auch mein Schreiben hat sich verändert, ich schreibe heute
mehr über Politik. Das Wichtigste aber ist, dass ich aufgehört
habe, über meine Vergangenheit nachzudenken, darüber, was mit
mir geschehen ist, ich sehe in die Zukunft und darauf, was ich noch erreichen
will. Die meisten lachen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich nun immer
Plan A und Plan B habe. Plan A heißt, was tue ich als nächstes,
wenn es gut läuft, und Plan B heißt, was tue ich, wenn es schlecht
läuft. Also gibt es auch keine Briefe mehr von der Polizei oder vom
Gericht, die mich erschüttern könnten, denn ich habe immer schon
Plan A und Plan B.
Wir hätten noch gern eine Zeile mit einer Beschreibung von Ihnen,
in der Art von "Charles Ofoedu ist..."
Ich würde sagen, Charles Ofoedu ist ein politischer Aktivist, ein
Schriftsteller, ein Journalist -- und einer, der das Leben liebt.
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