ROCK ODER ELEKTRONISCHE MUSIK? WELCH EINE FRAGE. – ANMERKUNGEN ZU ELEKTRONISCHER MUSIK, POLITIK UND GESCHLECHT ALS SOZIALEM PLATZANWEISER. VON ROSEMARIE REITSAMER
 
 

Ob eine Vermittlung von politischen Inhalten auch über elektronische Musik möglich sein kann, war bereits des öfteren Anlaß für mehr oder weniger heftige Auseinandersetzungen. Worin sollten endlose repetitive Grooves, Tracks ohne Anfang, ohne Ende eine politische Aussage beinhalten?
Als elektronische Musik aber seit den frühen Neunzigern die dominierende Form der Tanzmusik wurde, entzündete sich eine Diskussion um ihre politische Essenz. Das Gros der (Pop)Linken sprach den Beats jegliche Implikation des Politischen ab: keine Lyrics, keine Politik. – Und ein Argument, das zumeist schnell nachgeschoben wurde: Im Punk war noch alles besser, authentischer und vor allem politischer. Rock gegen Rechts wäre dafür nur ein Beispiel.

Lawrence Grossberg paraphrasierend ist Rockmusik aber ohnhin nicht per se widerständig. Sie kann es sein. Wesentlicher scheint aber noch, ob sie die Macht hat, Menschen in eine politische Situation zu versetzen, die sie andernorts nicht besetzen würden. Rock oder elektronische Musik? Welch eine Frage.

Menschen bewegen sich zu Rhythmen, seit es sie gibt. Der Tanz als kulturelle Ausdrucksform findet sich in allen Epochen, auf allen Kontinenten, in unterschiedlichen Kontexten. Mit der Erfindung der Popkultur bildeten sich jedoch unterschiedliche Subkulturen und Szenen mit differenten Repräsentationsmodi (Style, Mode, Tanz, Sprache etc.) heraus. Das entsprechende Spektrum zwischen Normierung und Befreiung hat viele Ausprägungen: Ist das nächtelange Abhängen in den Clubs für die einen eine Möglichkeit, um dem gemeinsamen Samstagabend mit den Eltern zu entkommen oder jemanden anzubaggern und beim Tanzen den ganzen Schrott der Woche hinter sich zu lassen, sehen andere darin die Möglichkeit, die Welt zu verändern.

Zunächst wurde diesbezüglich zu Rock abgetanzt und dann, als die schwulen Szenen in New York und Chicago Disco wiederbelebten, war House die präsente Tanzmusik. Heute sind Raves – mit all ihren Hypes und Ausverkaufstendenzen – die dominierenden Party-Locations. In
Wien begannen die Menschen zudem am Samstagnachmittag bei der allwöchentlichen Sound-Attacke Electronic Resistance, organisiert von einer losen Gruppe namens Volkstanz.net, am Ballhausplatz gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung zu tanzen. Die Wiener Electronic-Szene fand sich in diesem Rahmen nach jahrelanger Lethargie zusammen und setzt ihre vielzitierten Beats als Protest gegen Rassismus, Sexismus und Sozialabbau ein. Die allwöchentliche Sound-Attacke sollte dementsprechend ein elektronischer Angriff auf die Regierung sein, der über das Verteilen von Flugblättern und Flyern hinausgeht.

Schon die Detroit-Techno-Produzenten Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May verfolgten – orientiert am Detroiter Funk von George Clinton/Parliament/Funkadelic und an "weißer" Elektronik, wie Kraftwerk sie produzierte – die Idee einer futuristischen, (a)rhythmischen Elektronik mit dem Anspruch, ständig musikalisches Neuland zu erforschen – "music that goes beyond the beat". Auch Electronic Resistance – ein Label unter dem Volkstanz.net Soundpolitisierung betreibt – will Grenzen überschreiten, jedoch nicht, indem man behauptet, die blauschwarze Regierung könne an einem Nachmittag weggetanzt werden. Elektronische Musik spielt seit dem Regierungsantritt von ÖVP und FPÖ vielmehr eine entscheidende Rolle in der Organisation von Widerstand. Repetitive Grooves und immer wiederkehrende Rhythmen scheinen in diesem Kontext in Ansätzen so zu funktionieren, dass sie Menschen in eine Position bringen, wo sie Musik und Politik verbinden.

Doch gilt das für die elektronische Musikszene an sich? Ist Electronic Music gleich Electronic Resistance? – Für Christine Steffen, Autorin in dem Buch "techno", ist Techno ein Transportmittel und der DJ dessen Fahrer. Vergleicht man die zahlenmäßige Präsenz in den Clubs, finden sich leider nach wie vor mehr männliche DJs, die offenbar den entsprechenden Führerschein besitzen.
Bei der Lektüre einschlägiger Texte scheint DJing dagegen implizit die Fähigkeit zugesprochen zu werden, die Widersprüchlichkeit männlicher Codes – Ratio und Coolness – mit weiblichen Codierungen – wie Intuition und Gefühl – zu vereinen. Die Grundlagen für einen Bruch mit Hierarchien wären also geschaffen. Tatsächlich setzt sich in der Szene und den einschlägigen Medien aber die männliche Figur des DJs als Künstler mit den bestimmenden Codes – Technik und Intelligenz – durch. Intuition und Gefühl können also auch im Kontext elektronischer Musik als eine Kritik an Ratio, nicht aber als Schlüssel zur Aufhebung von Geschlecht als sozialem Platzanweiser gelesen werden.

Beim heurigen 10 Jahresfest des deutschen Electronic-Magazines "groove" sorgte z.B. nur männliche DJ-Intelligenz für die endlosen Schlaufen des repetitiven Grooves. "Wo ist da das Hirn?", fragt sich diesbezüglich das Wiener Techno-Aushängeschild Electric Indigo, und: "Solange es keine Selbstverständlichkeit gibt weibliche DJs einzuladen, ist Networking unter Frauen umso wesentlicher. Und umso mehr Frauen es gibt, die auflegen, umso mehr Nachwuchs wird kommen." Mit female pressure schuf sie eine mittlerweile umfangreiche und bekannte Datenbank, in der sich weibliche DJs und Producer vernetzen können. Electric Indigo, u.a. auch Volkstanz-Aktivistin, setzt dementsprechend auf Mentoring.

Der von Electric Indigo angesprochene Nachwuchs der Wiener Electronic-Szene lässt auch nicht auf sich warten und so finden sich immer mehr Flyer, die mit Female DJs werben. Shroombab etwa, alias Barbara Wimmer, eine der Nachwuchs-DJs im Darkstyle-Drum’n’Bass-Bereich initierte gemeinsam mit Mc Terra und DJ Substandards einen Drum&Bass-Club im Wiener B72. Und gemeinsam mit Freund/innen sorgte sie schon bei der Audimaxbesetzung der Uni Wien Ende März mit zwei DJ-Attack-Parties für strictly darkstyle Sets: "Widerstand kann auch gefeiert werden."