free re:public oder Loveparade?

Free:Public hätte mir als Titel noch besser gefallen - eine schöne Assoziation, die den Gegensatz zur Loveparade noch deutlicher gemacht hätte: frei, öffentlich und auch republic, wenn's denn unbedingt sein muss.
Das grundsätzlich störende an der Loveparade ist deren heuchlerischer Charakter - wenn diese Firma doch nur freimütig zu ihren kommerziellen Intentionen stehen würde! Gegen hunderttausende Menschen, die sich ziemlich friedlich auf der Straße treffen und vielleicht sogar ihren Spaß dabei haben, kann ich grundsätzlich nichts einwenden - außer einer sehr persönlichen Präferenz für kleinere Veranstaltungen. Auch der Karneval von Venedig ist nicht ganz mein Fall ...
Dieses Großunternehmen jedoch beharrlich mit dem Image "wir sind die repräsentative Plattform einer unabhängigen, individuellen Jugendkultur" zu verkaufen, geht mir ordentlich gegen den Strich. Vor 10, 11 Jahren, als die wilden Berliner angefangen hatten, den Ku'Damm für einen Nachmittag im Jahr in Beschlag zu nehmen, wurden die Trucks von den lokalen Clubs gestellt, heute finden wir riesige Firmenlogos auf den Wägen - Firmen, die sich mit ihrem Auftritt Credibility in einer schon recht schwammig gewordenen, breiten Szene kaufen wollen, da es ihnen an ebendieser mangelt. Ich bewundere erfolgreiche, schlaue Unternehmer. Aber hier wird eine skrupellose Camouflage-Strategie verfolgt, denn das Motto ("Love"und "Unity" für alle, die kritiklos konsumieren) und Motte (der Strohmann für die Medien) sind gleich geblieben, während sich die Strukturen geändert haben und einer wirtschaftlichen Nutzbarkeit angepaßt werden. Pars pro toto: "Loveparade" ist eine Ges.m.b.H. mit Wunsch, an die Börse zu gehen.
Das letzte Jahr stellte - für mich - den unschönen Höhepunkt dieser Scheinheiligkeit dar: Die Loveparade in Wien fand statt! In einer ersten Stellungname freute ich mich noch darüber, dass nach dem Regierungswechsel in Österreich und der darauf folgenden diplomatischen Isolation ein internationales Event passieren sollte - eine ideale Gelegenheit, sich gegen die Regierungsbeteiligung der ultrarechten FPÖ zu positionieren, dachte ich zugegebenermaßen reichlich naiv. Ich wurde allerdings bald von William Röttger (einem der Hauptorganisatoren der Berliner Loveparade) eines Besseren belehrt. In einem lähmend langen Telefonat versuchte er mir zu vermitteln, dass auf dieser Veranstaltung "parteipolitische Kundgebungen nichts zu suchen" hätten. Der Transport von Werten wie "Friede" und "Freude" (vielleicht auch "Eierkuchen"?) wäre ohnehin schon höchst politisch und brisant, zumal man die Parade auch in Tel Aviv und Buenos Aires - also in Krisengebieten - organisieren würde. Dahinter stehen natürlich rein wirtschaftliche Interessen. Im Sinne der Sponsoren DARF man sich nicht in politische Nesseln setzen. Da würde Red Bull das Pflaster zu heiß werden. Und noch fraglicher ist, ob die Kronenzeitung - letztes Jahr "Medienpartner" der Wiener Loveparade - ein positives Potenzial gesehen hätte ...
Die Implikationen des diesjährigen Titels der Loveparade "Join The Love Republic" haben es in sich - bekanntlich ist eine Republik ein Staat, in dem das Staatsvolk als Träger der Staatsgewalt gesehen wird: Hier gibt es das Volk und dort den organisierten Staat. Könnte es sein, dass doch noch mehr als kommerzieller Erfolg angestrebt wird? Weltherrschaft vielleicht? Hilfe. Westbam launisch über der Menge mit erhobenen Armen, den Plebs zum Jubeln auffordernd. Väth zappelnd die chemische Befriedung des Pöbels sanktionierend. Alpha-Raver berauscht von der Hörigkeit der Massen, sich gegenseitig auf die Schulter klopfend ... schöne, neue Welt... Not really my cup of tea. Was liegt also näher, als mit female:pressure an der anderen Parade teilzunehmen, free re:public, die sich sehr wohl gegen die politischen Tendenzen der österreichischen Regierung wendet: die sich gegen die unsinnige, ultrakonservative "Familien-" ist gleich Frauenpolitik, gegen den salonfähig gewordenen rassistischen Tenor positioniert. Und das, ohne irgendein recht dünn gewordenes Deckmäntelchen à la "we are down with the underground" nötig zu haben.
You never walk alone!
indigo : inc


Info:

female:pressure:
"Tolle Sache, die du da machst." Das Kompliment hört Electric Indigo, eine der renomiertesten ProtagonistInnen der Wiener DJ-Szene, wohl oft - meist mit dem Nachsatz: "Aber weißt du, es gibt ja so wenig Frauen, die auflegen." Um diesen Leuten eine Liste mit weiblichen DJs unter die Nase halten zu können, gründete sie gemeinsam mit der Designerin Lucia Possas den indigo:inc-Server. Die indigo:inc-Site bietet weiblichen DJs, Produzentinnen und Musikerinnen weltweit die Möglichkeit, sich in der Datenbank zu registrieren.1989 begann Electric Indigo Jazz- und Funksets in Wien aufzulegen. Bald darauf entdeckte sie ihre Liebe zu Detroit- und Chicago-Techno. Das war Grund genug, um einige Jahre in Berlin zu leben und im dortigen Hard-Wax-Plattenladen zu jobben. Wieder zurück in Wien arbeitete sie neben dem DJ-ing u.a. auch bei TIV, wo sie die Sendungen "indigo encounters" und "TIVIT" hostete. Der indigo:inc-Server schuf die Grundlage für zunehmende Folgeaktivitäten unter dem female:pressure-Label.
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